Deckte die katholische Kirche einen Mörder?

London/Belfast - Wenige Wochen vor dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Großbritannien ist Unrühmliches über die Rolle der katholischen Kirche im Nordirland-Konflikt ans Licht gekommen.

Die Kirche soll gemeinsam mit der britischen Regierung und der Polizei einen katholischen Priester gedeckt haben, der 1972 in eines der schlimmsten Attentate in Nordirland mit neun Toten verwickelt gewesen sein soll. Das ergab eine unabhängige Untersuchung, deren Ergebnisse am Dienstag veröffentlicht wurden. Am 31. Juli 1972, in der Hochphase des Terrors der damaligen nordirischen Untergrundorganisation IRA, waren in dem Ort Claudy bei Londonderry neun Menschen umgekommen, nachdem drei Autobomben explodiert waren. Unter den Getöteten waren auch drei Kinder.

Der 1980 gestorbene katholische Priester James Chesney geriet unter Verdacht, wurde aber dann in eine Pfarrei in der Republik Irland versetzt und damit der nordirischen Justiz entzogen. Der Obudsmann der nordirischen Polizei, Al Hutchinson, hatte den Fall seit 2002 akribisch untersucht. Sein Bericht förderte zutage, dass sich der damalige Nordirland-Minister, William Whitelaw und das Oberhaupt der katholischen Kirche in Irland, Kardinal William Conway “privat“ getroffen hatten. Unmittelbar danach wurden die polizeilichen Untersuchungen in dem Fall gestoppt und der Priester über die Grenze nach Irland gebracht.

Hintergrund der Absprache war offenbar, dass in dem blutigsten Monat des Nordirland-Konfliktes mit mehr als 100 Toten nicht weiter Öl ins Feuer gegossen werden sollte. Eine direkte Beteiligung eines katholischen Geistlichen an Terrorakten hätte möglicherweise einen weiteren Aufruhr bis hin zum Ausbruch eines offenen Bürgerkriegs zur Folge gehabt, vermutet der Ombudsmann. Das heutige Oberhaupt der irischen Kirche, Kardinal Sean Brady, hat am Dienstag im Gespräch mit der BBC jede Beteiligung der Kirche an einer Strafvereitelung bestritten.

 Die Kirche habe über die Ergebnisse von Befragungen des Priesters kontinuierlich berichtet. Das Handeln der Kirche habe jedenfalls nicht die Strafverfolgung gegen den Mann verhindert. Tatsächlich wurde niemand jemals für das Blutbad zur Rechenschaft gezogen. Der Nordirland-Minister der britischen Regierung, Owen Paterson, drückte am Dienstag den Opfern und Hinterbliebenen des Terroranschlages seine “tiefe Entschuldigung“ dafür aus, dass ihnen keine Gerechtigkeit widerfahren sei. Papst Benedikt XVI. wird am 16. September in Schottland und England erwartet. Ein Besuch in Nordirland, wo der religiös geprägte gewaltsame Konflikte zwischen pro-irischen Katholiken und britisch geprägten Protestanten noch immer nicht vollkommen erloschen ist, steht nicht auf dem viertägigen Programm des Pontifex.

dpa

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