Blutbad in einem „perfekten Schlachthaus“

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Viele Fragen nach dem Amoklauf.

Washington/Fort Hood - Nach dem Massaker von Fort Hood stellt ein schockiertes Amerika Fragen: Warum tötete ein Militärpsychiater 13 Menschen – und wurden Warnzeichen übersehen?

Es ist eine Tragödie, die selbst hartgesottene Männer mit den Tränen kämpfen lässt. Wie Generalleutnant Robert Cone, der am Haupttor der Militärgarnison Fort Hood in Texas steht und den Reportern mit brüchiger Stimme Einzelheiten des Blutbads schildert.

„Meine Soldaten rissen sich die Uniformen vom Leib und verbanden damit die Verwundeten“, berichtet der Offizier. Und: Die Opfer des Amoklaufs seien, bis erste Polizeikräfte eintrafen, wehrlos gewesen. „Wir tragen hier ja keine Waffen. Wir sind hier doch zuhause.“

Bilder: Amoklauf auf US-Basis

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Zwölf tote Soldaten, ein toter Zivilist sowie 30 Verletzte dort, wo man sich für unverwundbar hielt. Und ein Militärpsychiater moslemischen Glaubens als Einzeltäter, der schließlich – von vier Schüssen niedergestreckt – überwältigt wird und nun bewusstlos und schwerbewacht im Hospital der weltweit größten US-Garnison liegt.

Das Land zeigt sich seit Donnerstagnachmittag – als sich die ersten Meldungen wie ein Lauffeuer verbreiten – geschockt. US-Präsident Barack Obama spricht sichtlich erschüttert von einem „entsetzlichen Ausbruch der Gewalt“. Es gibt zunächst ein Wirrwarr an Informationen und Spekulationen. Gestern dringen dann immer mehr Details über das Verbrechen an die Öffentlichkeit.

Rund 300 Soldaten haben sich am frühen Nachmittag in den engen Warteräumen des „Soldier Readiness Center“ versammelt, wo sie Impfungen und Augentests für bevorstehende Einsätze im Irak und in Afghanistan erhalten. Nebenan, im Auditorium der Basis, soll eine Feier zur Ehrung von Rekruten beginnen, die ihre Collegeausbildung abgeschlossen haben.

Um 13.30 Uhr Ortszeit betritt der 39-jährige Major Nidal Malik Hasan das „Readiness Center“. Der in diesem Jahr aus Washington nach Fort Hood versetzte Offizier trägt seine Uniform. Er hat in jeder Hand eine Waffe, ruft nach Augenzeugenberichten „Allah ist groß!“ und beginnt auf jene zu schießen, denen er eigentlich im nahen „Center for the Study of Traumatic Stress“ seelisch beistehen soll.

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„Sehr ruhig und überlegt“ sei er dabei vorgegangen, berichtet Cone. Es gibt zunächst kaum Fluchtmöglichkeiten – ein „perfektes Schlachthaus“, so ein Soldat. Die Menschen im nahen Auditorium verbarrikadieren sich. Erst als eine Polizistin den Täter mit vier Schüssen niederstreckt, endet das Blutbad. Die Frau wird selbst getroffen, ihr Zustand gilt als stabil – und US-Medien feiern sie bereits als Heldin. Doch es gibt auch Berichte, dass andere Polizisten unschuldige Soldaten irrtümlich für den Schützen hielten – und diese töteten oder verwundeten. Stundenlang beharrt die Garnisonsführung darauf, der Täter sei verstorben. Dann erst wird diese Meldung korrigiert. Ein weiteres Indiz für das ungeheure Chaos am Tatort.

US-Medien einseitig: „Er ist ein Moslem“

Je mehr über den Todesschützen, seine medizinische Laufbahn und seine Einstellung zum Krieg bekannt wird, je tiefer man bei der Suche nach Motiven und möglicherweise radikalislamischen Ansichten dringt, umso heftiger fallen die Reaktionen auf die Tat aus. Der konservative TV-Star Bill O’Reilly vom Fernsehsender Fox News beginnt seine abendliche Moderation mit vier Worten, die offenbar den Amoklauf erklären sollen: „Er ist ein Moslem.“ Die prominente Bloggerin Michelle Malkin spricht davon, Warnzeichen seien „aus politischer Korrektheit“ ignoriert worden, was den „Terrorakt“ begünstigt habe. Auch wird die Frage gestellt, ob es sich bei Hasan um einen „islamischen Schläfer“ gehandelt habe, der lediglich auf die Chance gewartet habe, Rache am verhassten Amerika zu nehmen.

Der Möglichkeit, dass der für einen Einsatz in Afghanistan vorgesehene Hasan durch die Schilderung von Kriegserlebnissen der ihm anvertrauten Soldaten zur Tat getrieben wurde, geben die US-Medien nur wenig Raum. Von der Durchsuchung seines Hauses und Computers versprechen sich die Ermittler weitere Erkenntnisse.

Mitglieder von Hasans Familie gehen unterdessen in die Offensive: Man liebe Amerika und sei bestürzt über die schrecklichen Ereignisse, so Hasans Cousin. Muslimische Organisationen im Land mahnen gleichzeitig ihre Mitglieder zu erhöhter Vorsicht und zur Kooperation mit der Polizei, um Sicherheitsmaßnahmen zu besprechen – offenbar fürchtet man nun Racheaktionen.

Friedemann Diederichs

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