TV-Kritik: „Von Mexiko an den Neckar‟ (SWR)

„Von Mexiko an den Neckar‟: Farbenfroh und gnädig mit den Invasoren

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Ein Kanal aus der Azteken-Zeit.

Kulturgeschichtlich informativ, bei politischen Themen mild formuliert: Der SWR begleitet eine spektakuläre Ausstellung über die Azteken mit einer Art Dokumentarfilm.

Am 12. Oktober eröffnete das Stuttgarter Linden-Museum eine seit langem und aufwendig vorbereitete Ausstellung über die Azteken. Ein kulturelles Ereignis, denn die Präsentation umfasst zahlreiche wertvolle, aus mexikanischen und europäischen Museen stammende Exponate, darunter Raritäten aus den Dauerausstellungen der Leihgeber, die nur höchst selten auf Reisen geschickt werden. Begleitend hat der SWR einen neunzigminütigen, breit gefächerten Filmbeitrag produziert über Mexiko und die historischen Verbindungen zu Deutschland.

Als Trenner zwischen den mal mehr, mal weniger geschickt verknüpften kulturgeschichtlichen Aspekten dienen Aufnahmen farbenprächtigen Federschmucks. Damit hat es eigene Bewandtnis: Das Stuttgarter Museum verfügt in seiner Sammlung über zwei handwerklich gediegene Federschilde des Aztekenkaisers Moctezuma, die im 16. Jahrhundert nach Schwaben gelangt waren. Im Grunde handelt es sich um Raubkunst, aber so hässliche Worte fallen im Film eher selten. 

Anfangs will es noch scheinen, als folge die Dramaturgie der Chronologie der Ereignisse. Die Filmautorin Susanne Sterzenbach begleitet die Kuratorin Inés de Castro anderthalb Jahre vor Ausstellungsbeginn in Mexiko bei der Auswahl der Stücke, zeigt Restaurierungsarbeiten, die Verhandlungen über eine der Substanz der Relikte angemessene Ausstellungstechnik, die Vorbereitungen für den Transport der wertvollen Güter. 

Mit dem Ausstellungsprojekt als Leitfaden, der freilich bald verlorengeht, gibt es immer wieder Seitenblicke, beispielsweise auf die frühere Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan, dem Vorgänger von Mexiko-City, die mit einer erstaunlich ausgereiften Infrastruktur ausgestattet war, von der heute nur noch Ruinen erhalten sind. Nicht zuletzt, weil die spanischen Invasoren zerstörungswütig in das Land einfielen, es ausbeuteten, vergewaltigten, mordeten, tödliche europäische Krankheiten mitbrachten.

Flickwerk mit Archivmaterial

Im Film bleibt all das nicht unerwähnt, es klingt nur um einiges milder. Der Film ist merklich auf den sonntäglichen Sendeplatz abgestimmt und trotz seiner Länge zwar eine Art thematischer Gemischtwarenladen, unter kulturhistorischen Gesichtspunkten dennoch an vielen Stellen informativ. 

Das mexikanische Brauchtum nimmt einigen Raum ein, die dortige Küche und deren Zutaten wie der Kakao, die Paprika der Mais, die mit den heimkehrenden Invasoren nach Europa gelangt waren. An dieser Stelle wird es absonderlich, denn bei Mais assoziiert die Autorin Popcorn, seit einigen Jahren auch in Deutschland typisches Kinofutter. Dazu wird seltsamerweise ein Osnabrücker Kinobesitzer befragt. Offenbar handelt es sich um gut abgelagertes Archivmaterial, denn der Unternehmer hebt mit einem Mitarbeiter eine 35-mm-Kopie auf einen Abspielteller – ein Ausflug ins jüngere Altertum, denn das fragliche Kino ist längst mit digitalen Projektionssystemen ausgestattet. 

In dieser merklich aus dem Kontext gerissenen Sequenz nimmt die Autorin notgedrungen Zuflucht zu Allgemeinplätzen: „Je aufregender oder berührender ein Film, desto mehr wird geknabbert. Futter für großes Gefühlskino.‟ Übertroffen noch von dem missglückten Kalauer zu den mexikanischen Exportgütern Paprika und Chili: „Ein gefundenes Fressen für Feinschmecker …‟ Dann gibt es noch diesen Satz: „Das geneigte Publikum teilt sich dabei in drei Kategorien: salzig oder süß oder, unglaublich, Popcorn-Hasser.“ Der klingt sehr nach einer Formulierung aus der Wochenzeitung „Der Freitag“ aus dem Jahr 2010. Jörn Kabisch, Gastrojournalist und damals stellvertretender Chefredakteur des Blattes, begann seine Glosse zum Thema Popcorn im Kino mit den Worten: „Es gibt drei Kategorien von Kinobesuchern: Süße, Salzige und Popcorn-Hasser.“ Eine zufällige Übereinstimmung? Kann schon mal passieren …

„Eine kleine Lüge“: Eine kluge, bittere, manchmal komische und manchmal tragische Familienserie

Die deutschen Wurzeln Frida Kahlos

„Von Mexiko an den Neckar“, Sonntag, 13.10., 20:15 Uhr, SWR

Uralte Kulturtechniken werden beschrieben wie die Herstellung von Spinnfäden aus Vogelfedern. Das wohlgemute Verhältnis der Mexikaner zum Tod steht in Kontrast zur Tabuisierung in unseren Landen. Und wohl nicht jeder hat bislang gewusst, dass der Vater der mexikanischen Malerin Frida Kahlo in Pforzheim zur Welt kam und in Baden-Baden aufwuchs. 1890 wanderte er aus und dokumentierte als Fotograf die Modernisierung Mexiko-Stadts, die ersten Stahlskelettbauten, zweistöckige Straßenbahnen. Viele Familienbilder sind erhalten, auch ein Porträt seiner zweiten Ehefrau Matilde Calderón y Gonzalez. Darauf sieht Fridas Mutter der mexikanischen Schauspielerin Salma Hayek frappierend ähnlich, die 2002 einen Film über Frida Kahlo koproduzierte und selbst die Hauptrolle übernahm. 

Mexiko-Stadt erscheint in diesem Film, der eher einem überlangen Magazin gleicht als einem thematisch geschlossenen Dokumentarfilm, farbenfroh wie aus dem Bilderbuch, voller Lebensfreude, und selbst Inés de Castro schwärmt klischeehaft von der herzlichen Art der Einheimischen. Ein touristischer Blickwinkel. Erst der Künstler Raùl Sisniega weist darauf hin, dass das Land vom moralischen Verfall zerrüttet und ständiger Gewalt ausgesetzt ist, die pro Monat 10.000 Menschen das Leben kostet. 

Die gesellschaftlichen Realitäten: Mexiko-Stadt leidet unter massiven Umweltproblemen, die Korruption reicht bis in höchste Kreise, Drogengangster, Polizei und Armee sind miteinander im Bunde. Raùl Sisniega beklagt ausdrücklich die seinerzeitige Vermischung von spanischen Eindringlingen und indigener Bevölkerung, die aus seiner Sicht nichts Positives mit sich brachte. Die Formulierung „500 Jahre Kulturaustausch zwischen Mexiko und dem Südwesten“, sie stammt aus dem Pressematerial zum Film, würde Sisniega sicherlich eher befremdlich finden.

Von Harald Keller

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