ARD-Dreiteiler

„Unsere wunderbaren Jahre“: Täter, Mitläufer und Dauer-Nazis

Immer eine gute und vor allem zivile Idee: Ulla, Elisa Schlott, wird die Stahlhelme zu Küchensieben umarbeiten lassen.
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Immer eine gute und vor allem zivile Idee: Ulla, Elisa Schlott, wird die Stahlhelme zu Küchensieben umarbeiten lassen.

„Unsere wunderbaren Jahre“, ein Nachkriegsfamilienpanorama als ARD-Dreiteiler.

Da das Wort „Event-Mehrteiler“ bedauerlicherweise noch nicht verboten ist, muss man unter der ARD-Reklame hindurchtauchen, um zu „Unsere wunderbaren Jahre“ zu gelangen: einem Nachkriegs- und Wirtschaftswunderfamilienpanorama, das mit zwei Verdichtungen arbeitet. 

Alles dreht sich um drei Schwestern und ihre Metallfabrikanten-Familie sowie ihre Freunde und Bekannten aus Altena im Sauerland. Aus dem Kleinen ergibt sich das Große wie im Leben hier draußen auch. Es tummeln sich beim Schützenfest Täter und Mitläufer, Dauer-Nazis, Veteranen, Traumatisierte, künftige Superkapitalisten und vom Krieg geformte Jungkommunisten. Die Lebenspläne sind so unterschiedlich wie die Ausgangssituationen. Die Vielfalt ist die starke Seite von überschaubaren menschlichen Gemeinschaften. 

„Unsere wunderbaren Jahre“: Infamien, Eifersüchteleien und andere Dramen

Riskanter ist in diesem Fall die zweite Verdichtung: Man kann geradezu dabei zuschauen, wie das immense Romanpersonal aus Peter Pranges 2016 erschienenem gleichnamigen Roman, einem Buch von erheblichen Ausmaßen, nicht bloß zusammengestrichen, sondern auch komprimiert und kombiniert wurde. Figuren müssen nun mehr als eine Biografie in sich aufnehmen, so dass etwa Jung-Apotheker Jürgen später ad hoc zur Architektur wechselt und außerdem mit seinem Vater binnen zwei Minuten die „Arisierung“ der Apotheke durchsprechen muss, die im Roman ein Bekleidungsgeschäft betrifft. Die Figur des jüdischen Opfers: Beiläufig abgehandelt, sozusagen versehentlich analog zu der peinlich berührten Ablehnung, auf die Julius Rosen im schon wieder ganz gut gelaunten Altena stößt. 

Das ist seltsam: Während es dem Regisseur Elmar Fischer auch dank der prachtvollen Besetzung gelingt, ausnehmende Ruhe in einige der Szenen zu bringen, die Aufbau- und bald auch Schwamm-drüber-Stimmung ebenso wie Schmach und Schande auszukosten, geht es im Drehbuch von Robert Krause und Florian Puchert schnell und umfassend voran. Denn alles wird noch rasch erklärt und manchmal zugespitzt, politische Einstellungen und Infamien, aber auch Eifersüchteleien und andere zwischenmenschliche Dramen. 

Dazu Liebe und Sex. Dazu etwas Geschichtsunterricht – einschließlich des dramaturgisch ganz überflüssigen Fehlers, dass das KZ Bergen-Belsen als Vernichtungslager vorgestellt wird. Dem SS-Schwiegersohn werden beim familiären Mittagessen „Massenexekutionen und Säuberungen“ vorgeworfen. Wie überhaupt Sprache und Gesten (Wangenküsschen links und rechts? Aber vielleicht kam das nur zwischendurch aus der Mode) manchmal heutiger sind, als es die sorgfältige Dekoration verspricht. Wobei an dieser Stelle betont werden soll, dass es natürlich absolut nicht heutig ist, sich Wangenküsschen zu geben, es ist derzeit vielmehr gestrig. Gedreht wurde jedenfalls in NRW und in Tschechien, es bröckelt heftig, so dass ein plausibler Kontrast zum dann auftauchenden 50er-Jahre-Chic entsteht. 

Während also viel erklärt und hineingepresst und zugleich vereinfacht und dramatisiert wird, machen die Schauspielerinnen und Schauspieler einiges wett. Trotz übermäßiger Blauäugigkeit und eines zu makellosen Teints. Die Schwestern: die extrem sympathische Elisa Schlott als ganz ins Zentrum gerückte Ulla, Vanessa Loibl als reichlich verkrampfte und dadurch an sich interessantere Gundel, Anna Maria Mühe als Ex-und-immer-noch-stramme-Nationalsozialistin Margot. Ulla wollte Medizin studieren, jetzt schenkt ihr Mann ihr einen Mixer (in einer veritablen „Mad Men“-Szene). Margot muss zwar einen langen moralischen Weg in TV-Sendezeit absolvieren. Aber Anna Maria Mühe wie auch Hans-Jochen Wagner als behaglicher Rüstungsfabrikant in spe („Wir sind kein Volk von Büßern mehr“) liefern großartig ausgekühlte Porträts ab. Keine Dämonen, aber üble Charaktere. 

„Unsere wunderbaren Jahre“ muss nicht viel Aufwand treiben, um eine „Hurra wir leben noch“-Stimmung zu erzeugen

„Unsere wunderbaren Jahre“, ARD, Mittwoch, 18.03.2020, 20.15 Uhr. Teile 2 und 3 am 21.03. und 25.03., ebenfalls jeweils 20.15 Uhr. Komplett schon jetzt in der Mediathek.

Die Eltern sind Thomas Sarbacher als vornehmlich leidender Fabrikant und Katja Riemann in einer für ihre Verhältnisse eigenartig zurückhaltenden Mutterrolle. Beachten Sie aber beispielsweise, wie sie beim Essen nur ganz haarscharf nicht schlingt, eine fantastische Miniaturszene über vergangenen, aber nicht vergessenen Hunger. Die Männer zu den Schwestern werden angeführt von David Schütter als Kombination aus Kommunist und James Dean. Franz Hartwig ist der originelle Herr Krasemann aus Königsberg, ein begeisterungsfähiger Verkäufer, Ludwig Trepte ist der Apothekersohn. Alle sind tatsächlich so lebendig (und tanzen so mittelmäßig, aber begeistert), dass „Unsere wunderbaren Jahre“ nicht viel Aufwand treiben muss, um eine „Hurra wir leben noch“-Stimmung zu erzeugen. Auch das Aufmüpfige, das sich erst eine halbe Generation später Bahn brechen wird, ist schon da. 

Die Filmmusik will und darf kaum innehalten und muss sich als auf Dauer doch recht dicker Überzug über alles legen. Die Musik, die auch die Figuren hören können, macht dagegen Freude, auch wenn sich ihre Authentizität in Grenzen hält. Schöne Imitationen des Musikkabarettisten William Wahl sind darunter, der beim Schützenfest in Altena auch selbst die Kapelle leitet.

Von Judith von Sternburg

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