TV-Kritik

ZDF-Talk bei Maybrit Illner: Junge Klima-Aktivistin findet deutliche Worte

Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über das Thema „Grüne Wirtschaft, rote Zahlen – Klima gerettet, Jobs weg?“
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Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über das Thema „Grüne Wirtschaft, rote Zahlen – Klima gerettet, Jobs weg?“

Maybrit Illners Talkshow macht deutlich: Die Politik ist zu zögerlich und hilflos einer Jugend gegenüber, die rhetorisch und fachlich auf der Höhe ist.

  • Illner-Talk: „Grüne Wirtschaft, rote Zahlen – Klima gerettet, Jobs weg?“
  • Carla Reemtsma: „Es wird mit zweierlei Maß gemessen“
  • Frank Schätzing übt Kritik

Die reißerischen Titel, mit denen die Sender bisweilen ihre Talkshows ankündigen, sind ja in der Regel dümmer als das, was dann in der Sendung geschieht. Dafür bot die jüngste Ausgabe von Maybrit Illners Talkshow ein treffliches Beispiel: „Grüne Wirtschaft, rote Zahlen – Klima gerettet, Jobs weg?“, suggerierte einen Gegensatz, der gerne von den konservativen Apologeten des Status Quo beschworen wird. Dabei ist natürlich längst belegt, dass Transformationen immer auch neue Arbeitsplätze schaffen können – wenn die entsprechende Vorsorge getroffen wird. 

Und so geriet dann die Titelfrage gegen Ende der Sendung beinahe zur Randnotiz: „Neue Technologien schaffen neue Jobs“, hielt Autor Frank Schätzing („Der Schwarm“) kurz und bündig fest, die Politik müsse für den Verlust von Arbeitsplätzen die notwendigen Rücklagen schaffen. Und wie ideologisch die Debatte um die Arbeitsplatz-Verluste in der Kohle-Industrie geführt wird, machte die hellwache und bestens informierte Carla Reemtsma von „Fridays for Future“ deutlich: Es werde viel mehr über die Jobs im Kohlebergbau gesprochen als etwa über die in der Photovoltaik oder der Windenergie: „Da wird mit zweierlei Maß gemessen.“

„Maybrit Illner“: Auf Davos könne man verzichten, sagt Frank Schätzing

Es ist eben immer auch viel Heuchelei im politischen Spiel, und das wurde jüngst auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos deutlich, „einer Veranstaltung, bei der Leute aneinander vorbeireden“, wie Schätzing formulierte, und auf die man deshalb verzichten könne. Wirtschaftsminister Peter Altmaier fand das gar nicht, erstmals sei in Davos ausschließlich über das Klima geredet worden, das sei doch ein Erfolg der Bewegung.

Kerstin Andreae, Geschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft und „immer noch“ bei den Grünen, wie sie betonte, konnte dem Forum ebenfalls Positives abgewinnen. Denn dem Sog der weltweiten Klimaschutz-Bewegung könne sich niemand entziehen, nun setzten sich die Konzerne gegenseitig unter Druck, die Agenda werde sie zwingen zu handeln. Als Beispiel galt das Verdikt von „Blackrock“-Chef Larry Fink, der „Klima-Risiken“ jüngst mit „Investitions-Risiken“ gekoppelt hatte.

Die deutschen Unternehmen täten ja schon einiges, beeilte sich Arndt Günter Kirchhoff zu versichern, Präsident der Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen. Auch Siemens, dessen Chef Joe Kaeser sich neulich durch ein unmoralisches Angebot an Klima-Aktivistin Luisa Neubauer bloßgestellt hatte, habe einen Nachhaltigkeitsplan. Solche Pläne zu verkünden und sich dann doch nicht daran zu halten, darin seien sie alle gut, kritisierte Carla Reemtsma, aber: „Wir werden sie messen an dem, was sie sagen.“

„Maybrit Illner“: Kluft zwischen Reden und Handeln

Maybrit Illner, ZDF, von Donnerstag, 23. Januar, 22.15 Uhr. Im Netz: Mediathek

Der Minister lieferte prompt ein Beispiel für die Kluft zwischen Reden und Handeln, als er beteuerte, man wolle mehr Windräder bauen – während er doch zugleich den „absurden“ (Andreae) Abstand von 1000 Metern zu Häusern festgelegt hatte. Es gibt eine schöne Aufzählung der „Bürgerwerke“ in Nordrhein-Westfalen, was dort alles näher an einem Haus stehen darf als ein Windrad (und Carla Reemtsma erwähnte das): Kohlekraftwerk, Mülldeponie, Düngemittelherstellungsanlage, Kottrocknungsanlage, Steinbruch (mit Sprengstoffnutzung), Flughafen ... Altmaier argumentierte mit „Widerstand vor Ort“ gegen Windräder, musste sich aber von Reemtsma die Vernichtung von ganzen Dörfern zugunsten des Kohleabbaus vorhalten lassen.

Ähnlich begründete Kirchhoff den langsamen Fortschritt auf dem Weg, bis 2050 CO2-frei sein zu wollen. Es müsse eben auch erst die Infrastruktur geschaffen werden, für die digitale Transformation brauche es Stromleitungen, aber „an jedem Mast hängt ne Bürgerinitiative“; man müsse eben erst die Einstiegsvoraussetzungen in den Prozess schaffen

„Mabrit Illner“: Frank Schätzing kritisiert Klima-Ziele

Doch das Zwei-Grad-Ziel bis 2050 werde nicht reichen, führte Frank Schätzing aus; wir müssten schon 2040 emissionsfrei sein, wie er anhand der drohenden „Kipppunkte“* verdeutlichte. Gehe es so weiter, könnte die Erderwärmung bis 2050 auf drei Grad ansteigen, das hätte einen Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter und das Auftauen der Permafrostböden mit extremer Freisetzung von Methangas zur Folge. „Null CO2 bis 2040 diktiert, was wir jetzt tun müssen.“

Und für das bei Politikern wie Altmaier beliebte (und hier auch wieder angeführte) Argument, man müsse „die Leute mitnehmen“, hatte Kerstin Andreae einen Tipp: „Wir brauchen Geschichten, die erzählen, dass es geht.“

Von Daland Segler

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