„Unterste Schublade“

Natascha Kampusch spricht über heftige Anfeindungen - auch während Lanz-Sendung gibt es keine Ruhe

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Bei Markus Lanz spricht Natascha Kampusch auch über Cybermobbing - und ihr neues Buch.

Vor 13 Jahren konnte Natascha Kampusch ihrem Entführer entkommen. Bei Markus Lanz spricht sie nun über Drohungen und den Hass, der ihr im Netz entgegenschlägt.

Hamburg - Natascha Kampusch (31) war am 8. Oktober bei Markus Lanz zu Gast, bereits zum vierten Mal ist sie in der Show des TV-Moderators zu Gast. Das Thema: sie selbst. Vor 13 Jahren, am 23. August 2006, konnte Natascha Kampusch in einem unbeobachteten Moment den Fängen ihres Entführers entfliehen. Doch frei ist sie auch heute noch nicht.

„Wie geht es Ihnen?“, fragt Markus Lanz zu Beginn der Sendung. Er ist sichtlich bemüht um eine angenehme Atmosphäre, sieht Kampusch ihre Unsicherheit an. Verständlich, bedenkt man nur, dass diese Frau mit zehn Jahren entführt wurde und achteinhalb Jahre lang in einem Keller eingesperrt war. Eine Geschichte, die heute noch schockiert, 13 Jahre nach ihrer Flucht. „Gut“, antwortet sie mit dünner Stimme. Und das, obwohl sie seit ihrer Flucht im Netz und auch auf der Straße angefeindet wird. Auch während der Sendung von Markus Lanz im ZDF.

„Hoffentlich liest Natascha Kampusch nicht nach, was hier alles getwittert wurde“, schreibt eine Userin auf Twitter. „Man muss sich ja schämen, mit was für gehässigen Menschen man sich hier tummelt.“ Man sieht Natascha Kampusch ihre Unsicherheit an, auch ihre Ablehnung, immer wieder die Rolle eines der berühmtesten Entführungsopfer einzunehmen. Neben Kampusch ist auch Corinna Milborn zu Gast, eine Vertraute von Kampusch und Journalistin, die sich mit der Berichterstattung über sie beschäftigt. Mit in der Runde sitzen Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie, und Anne Deimel. Die Pädagogin und Vize-Vorsitzende des Landesverbandes Bildung und Erziehung NRW beschäftigt sich mit den Problemen und Folgen des Lehrermangels.

Natascha Kampusch schockt Zuschauer bei Markus Lanz (ZDF)

Lanz spricht das Thema Selbstmord an, es wird leise im Studio. Kampusch erzählt, dass Suizid nie eine Option für sie gewesen sei. Sie erzählt jedoch auch, dass sie viele Anfeindungen im Netz zu dem Thema erfahren musste: „Ab und zu habe ich so drüber nachgedacht, ob es den anderen Leuten vielleicht lieber wäre, wenn ich Selbstmord begehen würde. Es gab auch Menschen, die mir so was geschrieben hatten. Es gab auch Menschen, die mir so was gesagt hatten.“

Lanz ist sichtlich berührt, versucht sie aufzumuntern. Er sagt, sie sei nun zum dritten Mal zu Gast in seiner Sendung und habe sich verändert. Er vermutet, dass sie offener geworden sei. „Ja, das ist richtig. Ich habe daran gearbeitet, herauszubekommen, wer ich war“, antwortet die gebürtige Wienerin.

Sie wisse nicht, wer sie war, bevor sie entführt wurde. Dieses Bild wurde ja von der Öffentlichkeit von ihr gezeichnet und anschließend bespuckt. „Mein Fehler war, denen überhaupt zuzuhören“, erklärt sie. Immer wieder habe sie mit Anfeindungen und Beleidigungen kämpfen müssen, sie habe schon überlegt, Österreich zu verlassen. Doch wohin?

Video: Natascha Kampusch lässt sich von den Hatern nicht klein machen

Talk bei Markus Lanz (ZDF): Kampusch wird seit ihrer Flucht gemobbt

Bereits kurz nach ihrer Flucht hat es angefangen, dass sie angepöbelt und gemobbt wurde. Auch auf der Straße oder in der Bahn. Die Leute haben sie auf der Straße erkannt, mit dem Finger auf sie gezeigt und abfällig gesagt: „Das ist die Kampusch!“ Von Anteilnahme keine Spur, von Verständnis ganz zu schweigen. Manche hätten ihr sogar ins Gesicht gesagt, es wäre besser gewesen, wenn sie in dem Keller geblieben wäre. „Unterste Schublade“ nennt sie das.

Der Psychiater Michael Schulte-Markwort hat eine Erklärung für das Verhalten, das ihr entgegengebracht wird. „Die Gesellschaft brauche ein Ventil, um mit dem eigenen Druck umzugehen“, beginnt er. Keiner wolle es wahrhaben, dass in seiner Nachbarschaft ein Verbrecher wohnt und sich dort Gewaltexzesse abspielten. Der Mensch versuche, so etwas sofort auszublenden, weil er nicht aushalten will.

Daraus entsteht eine Art Projektion, in der die Schuld vom Täter auf das Opfer übergeht. Kampusch lauscht interessiert, stimmt dem Psychiater häufig zu. Sie habe auch viele Gedanken darüber gemacht, warum sie die Leute so wütend gemacht habe und sich selbst die Schuld dafür gegeben. Doch wusste sie nicht, welche Schuld sie denn eigentlich hatte.

Verschwörungstheorien über Entführung von Natascha Kampusch erschüttern Markus Lanz

Besonders betroffen zeigte sich Natascha Kampusch über die Verschwörungstheorien um ihre Entführung. Sie hätte die Entführung selbst inszeniert, um an das große Geld zu kommen. 

Neben den ganzen Angriffen im Netz bekommt Kampusch aber auch viel Zuspruch während der Sendung. „Ich finde, die Natascha #Kampusch ist ein taffes Mädl. Unglaublich, dass sie dieses Mobbing und diesen Hass erfährt, nachdem was ihr passiert ist“, schreibt etwa ein User.

Eine andere Nutzerin unterstützt die Wienerin ebenfalls: „Unglaublich, was @nkampusch passiert ist und wie weiter mit ihr umgegangen wird, weil man nicht hinschauen oder sich auseinandersetzen will.“

Am Ende spricht Kampusch über ihr drittes Buch, das sie nun veröffentlichte. „Cyberneider. Diskriminierung im Internet“ heißt es. Sie spricht über ihre Erfahrungen mit Cybermobbing und hofft, Menschen, die Ähnliches erfahren, mit dem Buch helfen zu können. Markus Lanz entgegnet vorsichtig, dass Kampusch das Spiel mit der Öffentlichkeit mit ihren Büchern befeuere. „Irgendwie haben Sie ja recht“, antwortet Kampusch.

Doch Lanz pflichtet ihr bei, erklärt, dass es ja völlig legitim sei, so mit ihrer Geschichte umzugehen. Auf die Frage, ob sie sich nun frei fühle, antwortet sie: „Ja, schon.“ Aber da sei auch der Gedanke, dass es doch nicht so ist. Was sie damit meint, konnte sie in der Sendung nicht sagen.

Mordfall Mia: Der Mörder der 15-Jährigen wurde tot in Zelle gefunden.

In der aktuellen Folge von „Markus Lanz“ im ZDF verstörte ein gezeigtes Foto den BVB-Boss Watzke. Was passiert ist, berichtet tz.de*.

tf

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