TV-Kritik

„Herr und Frau Bulle: Totentanz“: Ein paar Zufälle zu viel

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Ein Geräusch lässt Yvonne (Alice Dwyer, l.) und Heiko Wills (Johann von Bülow, r.) sowie deren Gast Piet Bernsdorff (Andreas Pietschmann, M.) erschrocken herumfahren. Versucht da tatsächlich jemand, in ihr Haus einzudringen?

Der zweite Krimi mit Johann von Bülow und Alice Dwyer ist ziemlich cool und erzählt mittendrin eine völlig neue Geschichte.

Nach der Premiere des ungewöhnlichen Titelduos im Herbst 2018 war das Echo durchwachsen; gerade angesichts der Kombination eines knallharten Krimis mit vielen komischen Momenten wirkte das Konzept der neuen ZDF-Reihe „Herr und Frau Bulle“ noch nicht ausgereift. 

Der zweite Film, „Totentanz“, bleibt der Grundidee zwar treu, doch die Diskrepanz ist nicht mehr ganz so groß. Die witzigen Elemente sind schlüssiger in die Handlung und die Figurenentwürfe integriert, zumal die Rollen auch weniger ausgereizt werden; der Film ist insgesamt familienfreundlicher. In anderer Hinsicht ist sich Autor Axel Hildebrand, der auch schon das Drehbuch für die erste Episode („Tod im Kiez“) geschrieben hatte, jedoch treu geblieben: Die Geschichte entwickelt sich ganz anders, als es zunächst den Anschein hat; und sie führt erneut in die höchsten Kreise.

„Herr und Frau Bulle: Totentanz“ beginnt mit einem Knalleffekt

Die Handlung beginnt mit einem Knalleffekt: Kaum hat ein Politiker seinen Chauffeur in den Feierabend geschickt, explodiert das Auto. Der Staatssekretär hat von dem Anschlag gar nichts mitbekommen; sein Fahrer ist tot. Weil terroristische Hintergründe nicht ausgeschlossen sind, übernimmt der Staatsschutz den Fall; für Kriminalhauptkommissarin Yvonne Wills (Alice Dwyer) und ihren Kollegen Kevin Lukowski (Tim Kalkhof) bleibt nur die Fußarbeit.

Natürlich geben sich die beiden damit nicht zufrieden und schnüffeln auch ein bisschen hinter dem Politiker her: Der Mann war bis vor kurzem noch ein unbeschriebenes Blatt, hat dann jedoch in kürzester Zeit eine erstaunliche Karriere gemacht. Tatsächlich stellt sich raus, dass er sein Amt einer miesen Erpressung zu verdanken hat. Die Frage nach den Motiven für das Attentat ist damit allerdings nicht beantwortet. Das ändert sich, als Yvonne und Ehemann Heiko (Johann von Bülow), Fallanalytiker beim Berliner LKA, den Schwerpunkt der Ermittlungen verlagern: Womöglich hat der Anschlag keineswegs den falschen getroffen.

„Herr und Frau Bulle: Totentanz“, 7.9.2019, 20.15 Uhr, ZDF, Video im Netz verfügbar bis 5.12.2019

In dieser Drehbuchidee liegt der größte Reiz der Geschichte: Etwa zur Hälfte geht sie quasi noch mal von vorne los. Nun ergibt sich auch die Antwort auf eine weitere Frage, die sich Krimizuschauer von Anfang an gestellt haben: Welche Rolle spielt Heikos bester Freund Piet (Andreas Pietschmann)? Die beiden kennen sich seit der Schulzeit, waren zusammen bei der Bundeswehr und Mitte der Neunziger gemeinsam bei einem humanitären Einsatz in Somalia; ebenso wie das von einem Sicherheitsdienst gestellte Mordopfer, dessen Chef (Sönke Möhring) sowie ein ehemaliger Pilot, der kürzlich erschossen worden ist. 

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Das alles kann kein Zufall sein; offenbar gibt es eine Todesliste, auf der womöglich auch Heiko und Piet stehen. Der Freund hat zudem an einer schweren Last zu tragen: Seine Tochter (Flora Li Thiemann) leidet an einer genetisch bedingten unheilbaren Lungenkrankheit, sie hat nicht mehr lange zu leben. Die Szene, als der Vater zu den Klängen des Nirvana-Hits „Smells Like Teen Spirit“ durchs Krankenhauszimmer kaspert, um das Mädchen aufzuheitern, ist auf ebenso heitere Weise berührend wie die innigen Freundschaftsmomente zwischen den beiden Männern. 

„Herr und Frau Bulle: Totentanz“ wirkt streckenweise wie ein Hochglanzkrimi

Regisseur von „Totentanz“ ist der in sämtlichen Fernsehfilmgenres erfahrene Uwe Janson. Er hat in den letzten Jahren vor allem durch Sat.1-Komödien von sich reden gemacht, darunter neben „Die Schlikkerfrauen“ (2014) in erster Linie die Parabel über Aufstieg und Fall Karl-Theoder zu Guttenbergs („Der Minister“, 2013). Sehenswert waren auch die beiden Beiträge zur ARD-Reihe „Der Usedom-Krimi“ („Winterlicht“ und „Mutterliebe*“, 2019). Seine Filme zeichnen sich stets durch eine auffallend sorgfältige Bildgestaltung aus; „Totentanz“ wirkt dank der ausgezeichneten Kameraarbeit von Dominik Berg streckenweise wie ein Hochglanzkrimi. 

Großen Anteil an der eindrucksvollen Anmutung hat nicht zuletzt das Titelpaar: Johann von Bülow und Alice Dwyer sind auch entsprechender Dialoge ein ziemlich cooles Team. Schon ihre Einführung samt passendem Song von Nick Cave sorgt für eine spezielle Atmosphäre. Tim Kalkhof ist eine ausgezeichnete Ergänzung: Yvonnes Mitarbeiter ist weit mehr als bloß ein Muskelprotz. Unter anderem wendet er beim Betreiber eines zwielichtigen Hinterzimmerbordells mit Erfolg eine ziemlich unkonventionelle Befragungsmethode an, bei der Erdnüsse eine besondere Rolle spielen. 

Einige andere Comedy-Momente hätte Janson dagegen weglassen können, etwa eine Türquälerei zwischen Heikos Assistentin (Birge Schade) und Yvonnes Chef (Stephan Bissmeier), aber davon abgesehen ist „Herr und Frau Bulle“ eine Bereicherung für den Samstagskrimi im „Zweiten“.

Von Tilmann P. Gangloff

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

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