Deutsches Ski-Ass im Interview

Ferstl: "Olympia und WM im selben Jahr ergibt keinen Sinn"

Josef "Pepi" Ferstl gab 2007 sein Debüt im alpinen Ski-Weltcup, feierte zwei Weltcupsiege und ist fester Bestandteil der Herren-Mannschaft des Deutschen Skiverbandes.
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Josef "Pepi" Ferstl gab 2007 sein Debüt im alpinen Ski-Weltcup, feierte zwei Weltcupsiege und ist fester Bestandteil der Herren-Mannschaft des Deutschen Skiverbandes.

Mit seinem Super-G-Sieg 2019 in Kitzbühel schrieb Josef "Pepi" Ferstl Sportgeschichte. Im Interview mit chiemgau24.de spricht er über Corona, aktuelle Diskussionen im Ski Alpin und seine Zukunft im Skisport.

Traunstein - Als erster und bislang einziger Deutscher gewann der gebürtige Traunsteiner 2019 den Super-G beim legendären Hahnenkammrennen.

In der Saison 2019/20 hatte der 31-Jährige zu Beginn mit einer Verletzung zu kämpfen und fand anschließend nicht zu alter Leistungsstärke zurück.

Im Interview mit chiemgau24.de spricht Ferstl über die vergangene Saison, seine Motivation für den kommenden Winter, die Einschränkungen und Perspektiven für die deutschen Alpin-Fahrer durch Corona und die zwei kommenden Großereignisse, die WM in Cortina d'Ampezzo und die Olympischen Spiele in Peking.

Josef Ferstl im Interview: "Olympia und WM im selben Jahr ergibt keinen Sinn"

Herr Ferstl, wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt und bewältigt?

Josef Ferstl (31): Meiner Familie und mir geht es gesundheitlich gut, das ist in diesen Zeiten das Wichtigste. Natürlich war auch für uns die Situation befremdlich und nicht einfach, aber wir haben das Beste aus dieser ungewöhnlichen Zeit gemacht.

Wie haben Sie das abrupte Ende des Weltcups erlebt?

Ferstl: Das war schon sehr eigenartig und kannte ich in dieser Form auch noch nicht. Wir hingen nach der Absage der letzten Rennen etwas in der Luft und wussten nicht, wie es weitergehen soll. Nach der Saison finden in der Regel noch Materialtests statt, die dann auch gecancelt wurden. Mit der Zeit habe ich mich aber an die Umstände gewöhnt und letztlich das Beste draus gemacht.

Im Gegensatz zu anderen Nationen haben die Fahrer des Deutschen Skiverbandes noch nicht die Möglichkeit gehabt, auf Schnee zu trainieren. Kann man da schon von einem Nachteil im Hinblick auf die kommende Saison sprechen?

Ferstl: Ein Vorteil ist das sicher nicht, aber zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich da noch keinen großen Nachteil für uns. Wir müssen jetzt natürlich abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Wenn wir bald wieder regulär trainieren können, werden die schneefreien Wochen keine großen Auswirkungen auf die neue Saison haben.

Hinweis der Redaktion: Das Interview mit Pepi Ferstl gibt es auch als Audiodatei. Im Podcast "Après-Ski", an dem chiemgau24.de redaktionell beteiligt ist, hört Ihr das komplette Gespräch mit dem Traunsteiner.

Gibt es schon konkrete Pläne für erste Trainingseinheiten auf Schnee?

Ferstl: Wir stehen in Kontakt mit Skigebieten in Südtirol, das sieht wohl ganz gut aus. Dass wir das obligatorische Sommertraining in Übersee abhalten werden, ist eher unrealistisch. Aber der Deutsche Skiverband arbeitet intensiv an Alternativen. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns, wo auch immer, adäquat auf die neue Saison vorbereiten können.

Wie halten Sie sich derzeit fit?

Ferstl: Zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen habe ich nur zuhause trainiert. Meine Garage habe ich zu einem Kraftraum umfunktioniert, das hat super geklappt. Als die Beschränkungen gelockert wurden, war ich viel in der Natur unterwegs, bin mit dem Rennrad gefahren und war laufen. Ich bin sehr zufrieden mit meinem derzeitigen Fitness-Level, auch wenn die Umstände ungewöhnlich waren.

Ihr Hauptsponsor, der Getränkehersteller Grapos, hat trotz der wirtschaftlich angespannten Zeiten den Vertrag mit Ihnen verlängert. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Ferstl: Ich bin sehr glücklich, einen solchen Partner an meiner Seite zu haben. Wir arbeiten schon seit einigen Jahren zusammen und haben beide davon profitiert. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, dass in diesen Zeiten der Vertrag seitens Grapos verlängert wurde. Dafür bin ich sehr dankbar.

Kommen wir zur vergangenen Saison, die mit einer Handverletzung beim Riesenslalom-Training in Sölden denkbar schlecht für Sie angefangen hat ...

Ferstl: Das große Problem der Verletzung war, dass sie in die Hochphase der Vorbereitung auf den Saisonauftakt der Speed-Wettbewerbe fiel. Während meine Kollegen nach Amerika geflogen sind um sich dort auf die Rennen in Lake Louise (Kanada) und Beaver Creek (USA) vorzubereiten, war ich mit der Reha beschäftigt. Das hat mich schon zurückgeworfen und war sehr ärgerlich, da ich gut durch den Sommer gekommen war und mich richtig gut gefühlt habe.

Während Sie in der Saison 2018/19 als 23. bester Deutscher im Gesamtweltcup wurden, hat es in der abgelaufen Saison nur für den 76. Platz gereicht. Wie bewerten Sie ihre Leistungen im Weltcup 2019/20?

Ferstl: Damit kann ich nicht zufrieden sein und weiß, dass ich ein wesentlich höheres Potenzial habe. Mit der Verletzung in Sölden ging es los, ich bin danach nie so richtig in die Saison reingekommen. Im Training hat es eigentlich gut funktioniert, im Wettkampf war aber der Wurm drin. Daraus hat sich eine Negativspirale entwickelt, aus der ich nie rausgekommen bin. Ich habe alles versucht, die Trainer und Betreuer haben alles versucht, es sollte aber nicht sein. Das gehört zum Spitzensport leider dazu, motiviert mich aber für die nächste Saison umso mehr.

Die deutschen Herren haben in den vergangenen Jahre im Speed-Bereich für Furore gesorgt. Wie sehen Sie die Entwicklung in den vergangenen Jahre?

Ferstl: Wir standen vor einigen Jahren mit dem Rücken zur Wand und haben viel Kritik kassiert. Wir haben aber immer an uns geglaubt, hart an uns gearbeitet und einige Umstellungen vorgenommen, die dann gefruchtet haben. Inzwischen ist daraus ein qualitativ hochwertiges Team entstanden, das sich gegenseitig pusht und zu Höchstleistungen motiviert. Wenn man mit Fahrern wie Thomas Dreßen, Romed Baumann oder Andi Sander trainiert, profitiert man automatisch davon und erreicht ein höheres Niveau.

Ferstl (Mitte) und Thomas Dreßen (links) wurden beim Bayerischen Sportpreis 2019 ausgezeichnet. Laudator war der ehemalige Skifahrer Markus Wasmeier (rechts).

Ein großes Thema der vergangenen Wochen war das Lauberhornrennen in Wengen. Obwohl es sich hier um einen gut besuchten Klassiker im Weltcup handelt, stand die Austragung für die kommende Saison auf der Kippe. Wie haben Sie die Diskussionen erlebt?

Ferstl: Ich war sehr überrascht, dass überhaupt über Wengen diskutiert wird. Das Lauberhornrennen ist unbeschreiblich, für uns Fahrer ist es auf und abseits der Strecke immer ein Highlight. Traditioneller geht es eigentlich nicht. Aber, wie so oft im Sport, geht es hier ums Geld. Ich bin da sicher kein Experte, aber dass dieses Highlight optimal vermarktet werden muss, ist trotz aller Tradition nachvollziehbar. Das sind aber Themen, mit denen sich der Veranstalter beschäftigen muss. Aus Sportler-Sicht kann ich nur sagen, dass Wengen einfach dazugehört und ein großartiges Event ist.

Diskutiert wird auch über eine gut fünf Kilometer lange Abfahrt, die auf 3900 Metern Höhe in Zermatt (Schweiz) starten und im Aostatal (Italien) auf 2800 Metern Höhe enden soll. Was halten Sie von dieser Idee?

Ferstl: Jetzt, wo ich die Fakten genauer kenne, muss ich schleunigst trainieren gehen (lacht). Das hört sich extrem anstrengend an. Wir haben schon in Zermatt trainiert und ich kann mich gut erinnern, wie anspruchsvoll es war, auf dieser Höhenlage eine Abfahrt zu absolvieren. Prinzipiell kann ich mir eine solche Abfahrt schon vorstellen, heutzutage ist vieles möglich. Aber ein solches Rennen muss intensiv getestet werden, bevor man es in den Weltcup-Kalender aufnimmt. Sonst wäre das Risiko für uns Fahrer zu groß.

"Das würde den kompletten Reiz einer WM zunichtemachen"

Die für 2021 geplante WM in Cortina d`Ampezzo könnte wegen Corona auf 2022 verlegt werden. Ein sinnvoller Vorschlag?

Ferstl: Olympia und WM im selben Jahr ergibt keinen Sinn. 2022 finden die Olympischen Spiele in Peking statt, darauf liegt der volle Fokus der Athleten und auch der Fans. Nach Olympia noch eine WM auszutragen, würde das Interesse senken und den kompletten Reiz, den eine WM in der Regel ausstrahlt, zunichtemachen.

Der Internationale Skiverband wird in naher Zukunft einen neuen Präsidenten wählen. Was könnte aus Sicht eines aktiven Ski-Alpin-Profis in der Außendarstellung ihres Sports besser laufen?

Ferstl: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit und müssen uns den neuen Märkten gegenüber mehr öffnen. Wir müssen die junge Generation für den alpinen Skisport begeistern, da spielen die Bilder, die unser Sport generiert, eine zentrale Rolle. Die Streif in Kitzbühel ist ein Paradebeispiel. Die spektakulären Leistungen, die wir auf der Strecke abliefern, werden ideal in Szene gesetzt und auf vielen medialen Plattformen verbreitet. Andere Strecken hingegen, die ähnlich anspruchsvoll sind, wirken am Bildschirm eher langweilig. Generell ist der Skisport generationenübergreifend beliebt. Entsprechend gute Möglichkeiten bietet dann auch die Vermarktung unseres Sports.

Josef Ferstl beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel.

Wie sieht Ihre weitere Karriereplanung aus?

Ferstl: Meine Leidenschaft für das Skifahren ist weiterhin sehr groß und mit 31 gehöre ich auch noch nicht zum alten Eisen. Didier Cuche hat mir einmal erzählt, dass bei ihm der Knoten erst mit 32 oder 33 so richtig aufgegangen ist. Das hört sich natürlich gut an (lacht).

Gibt es bestimmte Ziele, die Sie sich gesetzt haben?

Ferstl: Mit der WM in Cortina und Olympia 2022 in Peking stehen zwei Großereignisse an, da will ich mit dabei sein. Eine Medaille ist dann das große Ziel. Auch wenn das nicht planbar ist und alles zusammenpassen muss, habe ich diesen Traum und werde alles versuchen, ihn zu realisieren.

Herr Ferstl, vielen Dank für das Gespräch

Quelle: chiemgau24.de

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