Olympia-Bewerbung 2022: "Tür nicht zu"

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Katarina Witt, das Gesicht der Münchner Bewerbung für Olympia 2018

Berlin - Jetzt ist es offiziell: Es gibt vorerst keine deutsche Olympia-Bewerbung für 2022. Wichtig ist das "vorerst". Denn das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

In Anwesenheit von Bundespräsident Christian Wulff sanken die Hoffnungen auf ein deutschen Olympia 2022 auf den Tiefpunkt. Mit großer Mehrheit sprach sich die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Samstag in Berlin „zum jetzigen Zeitpunkt“ gegen eine erneute Bewerbung um die Winterspiele 2022 aus. Sie folgte damit dem Vorschlag des Präsidiums unter Thomas Bach.

„Jetzt ist nicht der richtige Augenblick, den Hut in den Ring zu werfen. Es gibt zu viele Unabwägbarkeiten“, sagte DOSB-Generalsekretär Michael Vesper. „Unsere Partner haben einen Anspruch darauf, dass jetzt nicht die Frage 'Ja oder Nein?' über Jahre hinweg wabert.“

Ohne Gegenstimmen und mit lediglich vier Enthaltungen nahm die Versammlung einen entsprechenden Antrag des Präsidiums an. Auch wenn es vor der Abstimmung noch einen Änderungsantrag durch den Präsidenten des deutschen Bob- und Schlittenverbandes, Andreas Trautvetter, gegeben hatte.

Dieser wollte die entscheidende Passage: „Sie (die Mitgliederversammlung, Anm. d. Red.) spricht sich aufgrund ihrer derzeitigen Einschätzung [...] dafür aus, von einer Bewerbung [...] abzusehen“, streichen. Dies fand jedoch keine Mehrheit.

„Eine solche Negativaussage ist gar nicht nötig. Die öffentliche Wahrnehmung ist die Schlagzeile, die daraus gemacht wird“, sagte Trautvetter, der zudem kritisierte, dass die Beschlussvorlage bereits vor der Konferenz der Spitzenverbände öffentlich geworden war.

„Ich wundere mich, dass es da ein bisschen Aufregung gerade bei Herrn Trautvetter gegeben hat. Ich kann auch bei den Sekundärtugenden keinen Fehler entdecken“, erklärte Vesper, der sich gemeinsam mit DOSB-Präsident Thomas Bach für das verfrühte Bekanntwerden nach der Sitzung minutenlang rechtfertigen musste.

Dem Beschlussantrag waren anscheinend kontroverse Diskussionen hinter verschlossener Tür vorausgegangen. Offenbar inklusive einer nächtlichen SMS, in der am Samstagmorgen um 3.00 Uhr Änderungswünsche beim Antrag mitgeteilt wurden.

Trotz des gefassten Beschlusses lässt sich der deutsche Sport bis 2013 noch eine Hintertür offen. „Die Tür ist nicht zu“, sagte Vesper im Hinblick auf die Formulierung „derzeit“. Zuvor hatten sowohl Bundespräsident Christian Wulff und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich dem DOSB ihre Unterstützung zugesichert, sollte er sich erneut bewerben.

„Das 'derzeit' hängt nicht von uns ab“, betonte Bach. Der bei allen vier Faktoren einer erneuten Olympiabewerbung - internationale Chancen, politische Einigkeit, Unterstützung in der Bevölkerung und Finanzierung - „hohe Unsicherheit“ feststellte.

Zufriedener konnten die DOSB-Bosse aber mit dem Auftritt des Bundespräsidenten Wulff sein, der in seiner Rede die besondere gesellschaftliche Rolle des Sports hervorhob. „Die Bedeutung des Sports steigt“, sagte der CDU-Politiker, der zudem das Ehrenamt lobte und die Autonomie des Sports betonte.

Zudem forderte Wulff im Kampf gegen Fangewalt eine gesamtgesellschaftliche Strategie. „Das Stadion darf nicht der Ort sein, wo man Gewalttätern die Chance gibt, in der Anonymität der Menge den eigenen Aggressionen freien Lauf zu lassen und Menschenleben zu gefährden“, sagte Wulff: „Wir können Fanatismus, Gewalt und Ausländerfeindlichkeit nicht hinnehmen. Es braucht eine gemeinsame Anstrengung aller Akteure in unserem Land. Da dürfen wir den Sport nicht allein lassen.“

Dem Präsidenten, der zusammen mit Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich auch zur Vergabe der Winterspiele 2018 (Pyeongchang/Südkorea) nach Durban/Südafrika gereist war, wurde eine besondere Ehre zuteil. Als erst vierter Preisträger erhielt er Ehrenmedaille des DOSB.

Für die größte Erheiterung sorgte dagegen Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der das Interesse der deutschen Hauptstadt an einer Austragung Olympischer Spiele erneuerte. „Berlin wäre ein geeigneter Ort für Sommerspiele. Wir wären bereit“, sagte Wowereit und fügte nicht ganz ernst gemeint an: „Wir könnten auch Winterspiele...“

sid

"Die Wahl fiel aufs Geld": Pressestimmen zur Olympia-Vergabe

Klicken Sie sich hier durch internationale Pressestimmen, garniert mit Bildern der Enttäuschung von München-Befürwortern. © Getty
SÜDKOREA: “JoongAng Ilbo“: “Zwölf Jahre der Hoffnungen, Träume und mühevollen Arbeit wurden in der vergangenen Nacht belohnt, als Pyeongchang nach zwei vergeblichen Bewerbungen das Austragungsrecht für die Olympischen Winterspiele 2018 erhielt.“ © Getty
“The Korea Times“: “Yes! Am Ende doch, ein Fall von 'Aller guten Dinge sind drei'.“ © Getty
“Chosun Ilbo“: “Pyeongchang hat schließlich seinen Traum realisiert, Gastgeberstadt der Olympischen Winterspiele zu sein. Was dieses Mal den Unterschied machte, war, dass das ganze Land hinter der Bewerbung stand.“ © Getty
“Hankyoreh“: “Pyeongchang hat mit seinem Motto 'Neue Horizonte' auf die Herzen der IOC-Mitglieder gezielt.“ © Getty
“Da wir das einzige geteilte Land der Welt sind, werden wir weltweit mehr Aufmerksamkeit bekommen. Und wenn es hilft, eine friedvolle Atmosphäre zwischen Süd- und Nordkorea zu schaffen, wird das mehr wert sein als jeder wirtschaftliche Profit.“ © Getty
RUSSLAND: “Sport Express“: “Erstens war ein Austragungsort in Europa nicht zu erwarten, zweitens war die - bereits dritte - Bewerbung der koreanischen Stadt sehr überzeugend. Zielstrebigkeit und Geduld haben sich ausgezahlt.“ © Getty
“Kommersant“: “Die Präsentationen in Durban mögen eindrucksvoll gewesen sein - aber es ist doch recht naiv anzunehmen, dass die erwachsenen Menschen vom IOC ohne feste Meinung angereist sind. Und hier hat sich - in positivem Sinn - die Hartnäckigkeit der Koreaner mit ihrer dritten Bewerbung ausgezahlt.“ © Getty
SCHWEDEN: “Dagens Nyheter“: “Die Entscheidung für Pyeongchang war zu erwarten. Auch wenn es nur eine Stadt mit weniger als 50 000 Einwohnern ist. Mit den Milliarden-Investitionen der Südkoreaner konnten München und das französische Annecy nicht mithalten.“ © Getty
NORWEGEN: “Aftenposten“: “Für München ist diese Niederlage schwer zu verdauen. Die Deutschen hatten knallhart gesetzt und viel Geld investiert. Bei ihnen und im französischen Annecy stand das meiste ja schon parat. In Pyeongchang muss eine neue Olympia-Stadt gebaut werden.“ © Getty
ITALIEN: “La Gazzetta dello Sport“: “Südkorea hat das Rennen gemacht und die Chancen für Rom 2020 erhöht. Man sagt, dass Thomas Bach außer sich war, weil ihm einige den Rücken gekehrt haben, die ihn unterstützen wollten. Das war ein Zeichen für die bevorstehende Präsidentenwahl.“ © Getty
“Corriere dello Sport“: “Pyeongchangs Sieg ist für uns ein schöner Erfolg. Die Spiele 2018 in Südkorea geben Rom 2020 einen Schub.“ © Getty
“Il Messaggero“: “Mit den Spielen in Asien rückt Rom 2020 näher.“ © Getty
“La Repubblica“: “Rom bejubelt den Zuschlag für Pyeongchang: Jetzt steigen die Chancen für Rom 2020.“ © Getty
“Corriere della Sera“: “Pyeongchang holt die Spiele 2018 und stärkt Rom 2020.“ © Getty
ÖSTERREICH: “Salzburger Nachrichten“: “Das höchste Budget hat den Ausschlag gegen München und gegen Annecy gegeben. Für das IOC war es in Durban eine richtungsweisende Wahl. Entscheidet man sich für Gigantismus oder für die Rückkehr zu einfacheren Spielen. Die Antwort gab es im ersten Wahlgang klar und deutlich: Das Moderne (Milliarden) besiegte die Tradition.“ © Getty
“Österreich“: “Die Wahl fiel wieder einmal nicht auf das beste Konzept (München), sondern aufs Geld.“ © Getty
“Kronenzeitung“: “Nichts wurde aus den Olympischen Winterspielen 2018 vor den Toren Österreichs.“ © Getty
TSCHECHIEN: “Hospodarske Noviny“ (Wirtschaftsblatt): “Mit der Wahl des koreanischen Pyeongchang nach zwei erfolglosen Versuchen haben die Veranstalter der Winterspiele 2018 eines deutlich gemacht: Das Internationale Olympische Komitee will auf neuen Märkte expandieren und wählt deshalb Kandidaten mit starken staatlichen und finanziellen Garantien im Rücken.“ © Getty

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