Athleten wollen wie Straftäter GPS-Fußfessel

Köln - Deutsche Weltklasse-Athleten lassen sich gerne wie Straftäter behandeln, wenn es um Bequemlichkeit im Anti-Doping-Kampf geht. Tischtennis-Europameister Timo Boll hat einen kontroversen Vorschlag.

Viele Sportler nehmen den Vorschlag von Tischtennis-Europameister Timo Boll positiv auf, den Zeitaufwand bei der Bearbeitung des umstrittenen Doping-Meldesystems ADAMS mittels GPS-Ortung und einer Art elektronischen Fußfessel zu minimieren.

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Doping: Die merkwürdigsten Ausreden

Alberto Contador erklärte seine positive Doping-Probe mit verunreinigtem Essen. Er wurde daraufhin freigesprochen. Es ist nicht die erste merkwürdige Erklärung in der Geschichte des Dopings. © AP
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Sprinter Dennis Mitchell nutzte seinen positiven Dopingbefund, um sich als Sexprotz zu outen. Das viele Testosteron komme von einer wilden Partynacht, in der er seine Frau verwöhnt habe. „Fünf Flaschen Bier und mindestens vier Mal Sex mit seiner Frau. Es war ihr Geburtstag. Die Lady hatte es verdient“, so lautete sein Statement. © Getty
Der Klassiker: Wer hat die Dopingmittel in Dieter Baumanns Zahnpastatube deponiert? © ots/dpa/Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Adrian Mutu: Der rumänische Fußballspieler sagte 2004 nach einer positiven Dopingprobe, er habe lediglich ein Mittel zur “Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit“ genommen. Zuvor hatte er zugegeben, Kokain genommen zu haben, dieses Geständnis wenige Tage später jedoch widerrufen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die Lebensmittelvergiftung der anderen Art: Ex-Sprinter Linford Christie beteuert: „Ich habe nicht gedopt, ich habe nur Avocados gegessen!“ © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Die wohl abgefahrenste Ausrede für Blutdoping hatte Radsportler Tyler Hamilton: “Ich bin ein Mischwesen. Die fremden Zellen in meinem Körper werden von den Stammzellen meines vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert." © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Gefährliche Mitbringsel: Die aus Südamerika importierten Bonbons sollen mit Koks verseucht gewesen sein, meint Straßenrad-Star Gilberto Simoni. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Johann Mühlegg soll eine Spezial-Diät gemacht haben, wegen der in seinem Kreislauf eine EPO-ähnliche Substanz nachgewiesen wurde... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Auf den Hund gekommen: Frank Vandenbroucke behauptete, als bei ihm Anabolika und EPO sichergestellt wurden, die Mittel seien für seinen asthmakranken Hund bestimmt gewesen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Justin Gatlin gab einem Masseur die Schuld. Der soll ihn nämlich mit einer testosteronhaltigen Salbe bearbeitet haben. Es soll sich sogar um eine fiese Retourkutsche des Profikneters gehandelt haben, meint Gatlin. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Christian Henn, ehemals Radprofi, wollte eigentlich nur der eigenen Libido auf die Sprünge helfen. Ein Spezialtee wurde ihm zum Verhängnis. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-T-Mobile-Fahrer Matthias Kessler nahm angeblich Präparate zu sich, auf denen chinesische Schriftzeichen standen. Nur doof, dass er kein Chinesisch kann. © Getty
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Zu tief ins Glas geschaut und damit den Testosteronspiegel erhöht. Floyd Landis schiebt‘s auf den Whiskey © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Keiner war über einen positiven Dopingtest so verwundert wie Patrik Sinkewitz: "Ich? Das kann nicht sein", wunderte er sich. Und das ist noch nicht mal eine Ausrede... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Martina Hingis, die Schweizer Version von Zahnpasta-Dieter Baumann: Jemand soll ihr Koks in den Fruchtsaft gemischt haben. Sieht ja auch aus wie Süßstoff... © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Ex-Radprofi Rolf Aldag gibt dem System die Schuld. Ohne EPO-Missbrauch hätte er im T-Mobile-Team keinen neuen Vertrag bekommen. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Erik Zabel sagte, er habe nur einmal EPO probiert. Die Substanz habe aber nicht mit seinem Körper und Geist harmoniert. © Getty
Doping - die dümmsten Ausreden
Jan Ullrich ließ sich in einer Disco Ecstacy andrehen. „Ulle“ schluckte die Tabletten, ohne sich dabei etwas gedacht haben zu wollen. “Ich war den Abend ziemlich mies drauf. Das waren zwei Tabletten, wo mir bestätigt wurde, (...) und dass das eigentlich harmloses Zeug ist.“ Wer ihm die Tabletten gab, sagte er nicht. “Zu den Tabletten kann ich gar nichts sagen, ich kenn' kein Ecstasy. Ich weiß nicht wie das aussieht. Ich bin um die Ecken gezogen und war in verschiedenen Läden. Ich möchte keinen Unschuldigen da mit reinziehen.“ © Getty
400-Meter-Olympiasieger LaShawn Merritt wurde nach positiven Dopingproben gesperrt. Die positiven Tests ließen sich mit der Einnahme eines frei erhältlichen Produkts zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils erklären, sagte sein Berater. © dpa
Claudia Pechstein: “Ich weiß nun, dass ich eine Blutmacke habe, aber nicht krank bin“, sagte die Eisschnellläuferin. Die Sportlerin war 2009 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt worden. Später erklärten Ärzte, ein von ihrem Vater vererbter Gen-Defekt sei für die hohen Retikulozyten-Werte verantwortlich. © dpa
Ivonne Kraft: Den positiven Test auf das Asthma-Mittel Fenoterol erklärte die Mountainbikerin 2007 mit einer explodierten Sprühflasche. Ihre Mutter habe Asthma-Spray benutzen wollen, dann sei die Flasche explodiert und sie habe die Substanz offenbar eingeatmet. © Getty

„Weil ich über ADAMS meinen Aufenthaltsort bekannt geben muss, weiß man ohnehin immer, wo man mich findet. Da macht GPS nicht den großen Unterschied“, sagte Kugelstoß-Weltmeister David Storl dem Sport-Informations-Dienst (SID), und der dreimalige Biathlon-Olympiasieger Michael Greis hob hervor, dass ihn „Datenschutz-Aspekte nicht stören würden.“ Auch Hendrik Feldwehr, WM-Dritter mit der Lagenstaffel, sagte: „Grundsätzlich kann ich mir das durchaus vorstellen.“

Bis zu drei Monate im Voraus müssen Athleten derzeit angeben, wo sie zu einem bestimmten Zeitpunkt täglich anzutreffen sind. Der Aufwand, der damit verbunden ist, wollen viele nicht mehr in Kauf nehmen. Nach Meinung der mehrfachen Eisschnellauf-Weltmeisterin Jenny Wolf schießt Boll aber über das Ziel hinaus: „Das geht mir zu weit. Ich wahre lieber meine Privatsphäre“, sagt die Olympiazweite über 500 m.

Zögerlich reagierten auf SID-Anfrage auch Juristen, Datenschützer, die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA und Sportfunktionäre auf den Vorschlag des 15-maligen Tischtennis-Europameisters, der gesagt hatte: „Ich würde viel lieber zum Beispiel einen GPS-Empfänger mitnehmen, der einfach automatisch mitteilt, wo man ist.“

Silke Kassner, als Athleten-Vertreterin im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) im ständigen Kontakt mit der NADA, wies darauf hin, dass „man grundsätzlich erst einmal prüfen müsste, was technisch möglich ist und im Falle der Dopingkontrollen Sinn ergibt“. GPS würde, so Kassner, die Athleten lediglich befreien von der Meldung beim ADAMS-System, das ab dem 22. November nach einem Update ohenhin deutlich einfacher zu handhaben sein soll - „und das um den Preis der Totalüberwachung“. Der Überraschungsmoment bei Kontrollen wäre nach Meinung von Kassner „vielleicht viel unangenehmer oder perverser, beispielsweise abends in der Disco“.

Lars Mortsiefer, NADA-Vorstandsmitglied, stellte die Anforderung, dass auch bei einer Anwendung von GPS „die Planbarkeit der Kontrollen gewährleistet“ sein müsste. Diese würden über das ADAMS-System oft im Voraus terminiert. GPS müsste zudem „auf die technische Machbarkeit und die datenschutzrechtliche Zulässigkeit hin überprüft werden“.

Die Datenschützer sind immerhin weit davon entfernt, den Vorschlag Bolls von vornherein zu verteufeln. Bettina Gayk, Sprecherin des NRW-Datenschutzbeauftragten Ulrich Lepper, meinte: „Auf den ersten Blick ist GPS eine Fußfessel, wie sie bei Straftätern unter Hausarrest verwendet wird. Ausgehend von unserem Prinzip, dass so wenig Daten wie möglich preisgegeben werden sollten, hätte die Ortung aber den Vorteil, dass nur die kontrollierte Person aktenkundig wird. Über das Meldesystem müssten dagegen Daten über andere Personen mitgeteilt werden, bei denen sich der Athlet zu verschiedenen Zeitpunkten befindet. GPS könnte eine Verbesserung sein“. Man müsse das Ganze durchdenken, „vor allem von Seite der NADA her“.

Dagegen ist sich der Heidelberger Sportrechts-Experte und Athleten-Anwalt Michael Lehner sicher, dass „eine ständige Überwachung per GPS nicht in unser rechtsstaatliches System hineinpasst“, auch wenn Bolls Idee einiges vereinfachen würde. Der Anwalt vieler prominenter Athleten in Doping-Prozessen sagt: „Freizügigkeit ist ein sehr hoher Wert. Und ich bezweifle, ob GPS mit der Menschenrechtskonvention der UNO übereinstimmt.“

sid

Rubriklistenbild: © dpa

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