„Es hängt nur an der Kohle!“

Zwischen Vorfreude und Ablehnung: Die Geisterspiele in der 1. und 2. Bundesliga stoßen im Fußballkreis Oldenburg-Land/Delmenhorst auf ein geteiltes Echo. Foto: dpa

Zwei Monate lang herrschte in der 1. und 2. Bundesliga Corona-Zwangspause. An diesem Wochenende darf der Ball in den Stadien wieder rollen. Vor dem Re-Start der Profis schwankt bei den Amateuren im Fußballkreis Oldenburg-Land/Delmenhorst die Stimmung zwischen Vorfreude und Ablehnung.

Nils Klaassen (Harpstedter TB): Der Kapitän des Kreisliga-Dritten ist unschlüssig, „ob es wirklich notwendig ist, dass in der Bundesliga wieder gespielt wird“. Trotzdem will der Borussia-Dortmund-Sympathisant per Internetradio dabei sein, wenn es wieder losgeht. Dass die Profis grünes Licht bekommen haben, macht die Situation für ihn persönlich sogar noch schlimmer. „Es juckt in den Füßen, und fernsehen befriedigt nicht mein Verlangen, selbst wieder auf dem Platz zu stehen“, betont der 25-jährige Mittelfeldspieler. Allerdings hat er Verständnis dafür. Schließlich habe die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ein medizinisches Konzept, schicke die Profis in Quarantäne und lasse sie regelmäßig auf das Virus testen. „Aber wenn ich auf dem Platz stehe, habe ich keine Ahnung, wo sich mein Gegenspieler in den letzten Tagen rumgetrieben hat, und Checks werden auch nicht gemacht.“

Thomas Luthardt (Kreisspielausschussvorsitzender): „Endlich wieder Fußball!“, jubelt der 56-jährige Delmenhorster. Dann folgt das große Aber: „Ohne Zuschauer im Stadion ist es kein Fußball.“ Trotzdem wird Luthardt am Sonnabend um 15.30 Uhr vorm Bildschirm sitzen. „Keine Frage!“ Aber natürlich ist auch ihm klar, dass die Medaille zwei Seiten hat. „Bundesliga-Vereine sind Wirtschaftsunternehmen und haben Angestellte, aber Kindergärten werden nicht aufgemacht. Man muss abwarten, ob das richtig so ist – Fußball ist nicht alles“, sagt der bekennende Werder-Fan.

Matthias Ruhle (VfL Wildeshausen): Die Begeisterung über den Wiederbeginn des Bundesliga-Betriebs hält sich beim stellvertretenden Fußballabteilungsleiter des VfL Wildeshausen in Grenzen. „Ich halte wenig davon“, erklärt der 36-Jährige. Andere Sportgroßereignisse wie die Olympischen Sommerspiele und Wimbledon würden abgesagt oder verschoben. „Aber die deutsche Bundesliga muss spielen“, meint Ruhle sarkastisch: „Wir haben jetzt wochenlang ohne Fußball überlebt. Das würden wir auch bis zum Beginn der neuen Saison schaffen, ohne dass einer tot aus dem Fernsehsessel fällt.“ Deshalb hätte er es „besser gefunden, wenn man die Saison wie in Frankreich oder den Niederlanden einfach abgebrochen hätte, mit Auf-, aber ohne Absteiger – die Bundesliga kann 19 oder 20 Mannschaften verkraften“. Stattdessen werde nun „künstlich Druck von oben nach unten erzeugt“, findet Ruhle. Weil der Niedersächsische Fußball-Verband (NFV) immer noch nicht entschieden hat, wie es mit der unterbrochenen Saison im Amateurbereich weitergeht, sitze er als Trainer der Wildeshauser Bezirksliga-B-Junioren zwischen allen Stühlen: „Ich kann den Jungs gar nicht sagen, welches Ziel sie haben und wofür sie trainieren.“

Matthias „Jupp“ Büsing (Beckeln Fountains): „Wir müssen uns nichts vormachen: Es hängt nur an der Kohle! Der Profifußball ist ein großer Wirtschaftszweig, der wieder ins Laufen kommen muss“, redet der 48-Jährige Klartext. Schalkes finanzielle Probleme seien „das beste Beispiel, auf was für wackeligen Füßen das Ganze aufgebaut ist“. Dennoch findet es der eingefleischte HSV-Anhänger „grundsätzlich gut, dass Fußball wieder startet – das gehört zu unserer Kultur einfach dazu“. Allerdings wäre der Coach des Tabellenneunten „nicht böse“, wenn die Saison in der 1. Kreisklasse abgebrochen würde.

Carsten Krudop (SC Dünsen): Beim Thema Bundesliga ist Krudop zwiegespalten. „Ich finde es grenzwertig, wenn ich mir vorstelle, dass ein Trainer mit Mundschutz an der Seitenlinie steht. Andererseits hängen am Profifußball auch 50 000 Arbeitsplätze. Deshalb ist es legitim, dass die Vereine – wie andere Unternehmen auch – um ihre Existenz kämpfen“, sagt der 55-Jährige. Trotz der langen Pause hat sich bei ihm „noch keine richtige Freude“ auf Bundesliga-Fußball eingestellt. Beim Amateursport ist das anders. In dieser Woche konnte Krudop erstmals seit Langem wieder mit seiner Mannschaft trainieren. Die Spieler es Tabellendreizehnten der 2. Kreisklasse seien „begeistert und euphorisch bei der Sache“ gewesen, berichtet er.

Tom Schmidt (SV Atlas Delmenhorst): Auch der Mittelfeldspieler des Oberliga-Zweiten sieht „sowohl positive als auch negative Faktoren“. Einerseits hat der 21-jährige Wildeshauser „natürlich Bock, Fußball zu gucken“, andererseits ist er „nicht überzeugt, dass die Saison wirklich zu Ende gespielt wird“. Dazu sei die Coronapandemie noch nicht weit genug eingedämmt. Deshalb stellt sich dem Werder-Fan die Frage, ob sich der ganze Aufwand im Endeffekt lohnt. „Trotzdem hoffe ich, dass es gut geht.“

Gerrit Schüler (TV Dötlingen): Beim Offensivmann des Kreisliga-Achten überwiegt eindeutig die Vorfreude. „Ich hab’ den Fußball echt vermisst! Ich freue mich richtig darauf, zu gucken“, sagt der 28-Jährige. Natürlich muss auch Schüler zugeben, dass die Begleitumstände der Geisterspiele „ein bisschen surreal“ sind. Nun hofft Schüler, dass der SV Werder Bremen („Meine Liebe!“) im Abstiegskampf zumindest noch einen Tabellenplatz gutmacht: „Ich glaube fest daran. Und in der Relegation gewinnen wir dann gegen den HSV!“  mar

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