„Großer Rückstau an Bewegungsbedarf“

Der KSB-Vorsitzende Jörg Skatulla zieht nach dem außergewöhnlichen Sportjahr 2020 Bilanz

Der KSB-Vorsitzende Jörg Skatulla hat einen Tischtennisschläger in der rechten Hand und plant einen Rückhandschlag.
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Da war die (Sport-)Welt noch in Ordnung: Anfang Februar nahm der KSB-Vorsitzende Jörg Skatulla bei der Aktion „Blacklight Sports“ den Tischtennisschläger in die Hand. Gut einen Monat später war der Amateursport komplett lahmgelegt.

Landkreis – Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr hat die Coronapandemie den Amateursport komplett lahmgelegt. Seit März befindet sich der Kreissportbund (KSB) im Landkreis Oldenburg praktisch ununterbrochen im Ausnahmezustand. Im Gespräch mit dieser Zeitung lässt der KSB-Vorsitzende Jörg Skatulla das Jahr Revue passieren und spricht über die Herausforderungen der kommenden Monate.

Herr Skatulla, als Vorsitzender des Kreissportbundes haben Sie ein bewegtes Jahr hinter sich. Wie haben Sie es empfunden?

Jörg Skatulla: Das Jahr war in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Es ist noch normal gestartet, dann wurde es unberechenbar. Was wir im Frühjahr und jetzt erleben müssen, hätte sich noch im vergangenen Jahr keiner vorstellen können.

Auch wenn die negativen Aspekte überwogen haben dürften, gab es sicherlich auch Positives.

Positiv ist vor allen Dingen, dass wir zusammengerückt sind, dass sich speziell im Sport die Vereine umeinander gekümmert haben. Es wurden Hygienevorschriften umgesetzt, online kommuniziert und zwischendurch Sport getrieben, als es möglich war. Das waren viele gute Dinge.

Was war Ihre größte Enttäuschung im Jahr 2020?

Dass wir jetzt im zweiten Lockdown den Sport so bedingungslos ruhen lassen müssen und keine Lösung gefunden haben, eigenverantwortlich – so wie es die Vereine im Frühjahr bewiesen haben – zumindest das Minimale möglich zu machen. Aber so wie sich die Pandemie entwickelt hat, tragen wir alle diese Entscheidung mit, auch wenn es eine Sache des Verstandes ist und nicht des Herzens. Der Sport fehlt einfach.

Wie ist es um die Finanzen der Vereine bestellt? Droht den Clubs im Landkreis der Kollaps?

Ich denke nicht. Auf der einen Seite haben wir eine große Solidarität der Mitglieder in den Vereinen. Und auf der anderen Seite werden die Vereine, die in Schwierigkeiten gekommen sind, durch die Hilfen von Bund und Land unterstützt. Deshalb glaube ich, dass wir gemeinsam durch diese Krise kommen werden.

Könnte sich die Sportlandschaft durch die Pandemie dauerhaft verändern? Werden die Menschen auch künftig vermehrt im „Homeoffice“ Sport treiben, nur noch individuell trainieren und nicht wieder in die Vereine zurückkehren?

Nein, das glaube ich nicht. Wenn uns dieser Lockdown eins gezeigt hat, dann dass der Sport mehr ist als eben nur alleine zu trainieren. Zusammenkommen und gegeneinander anzutreten, das ist doch das, was uns fehlt und die Leute auch wieder in die Hallen und auf die Sportanlagen bringen wird. In der Zwischenzeit haben wir gelernt, noch besser auf uns aufzupassen und mit Hygienevorschriften umzugehen. Das wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass der Sport, sobald er wieder losgehen kann, wieder in die alten Bahnen zurückfindet.

Würden Sie den Vereinen raten, in Zukunft noch mehr auf Online-Kurse zu setzen?

Ich bin ein großer Verfechter der Digitalisierung. Online-Kurse sind ein Alternativangebot, das heute dazugehört. Aber das sollte nicht das einzige Angebot sein. Denkbar sind auch Hybridveranstaltungen, dass man den Kurs, den man live besuchen kann, teilweise auch online absolviert. Da wird die Technik viel bringen. Außerdem haben die Vereine gelernt, so dass sich sicherlich einiges verändern wird.

Ist ein Mitgliederschwund in den Vereinen des Landkreises erkennbar? Der Deutsche Olympische Sportbund erwartet im Zuge der Pandemie für 2020 ein Mitglieder-Minus von zehn Prozent, was 2,5 bis drei Millionen Vereinsmitgliedern entspräche.

Der Landessportbund Niedersachsen rechnet mit einem Minus von fünf Prozent. Ich halte zwischen fünf und zehn Prozent für realistisch. Der Schwund ist aber nicht darauf zurückzuführen, dass die Mitglieder weg sind. Aus den Vereinen habe ich gehört, dass es sich dabei um eine normale Fluktuation handelt. Es gibt keine Kündigungswelle. Was fehlt, sind die Neuzugänge! Wenn kein Sport stattfindet, kommt keiner neu hinzu. Dieses Defizit werden wir kompensieren, sobald es wieder losgeht. Dann werden viele Leute wieder den Weg in die Vereine suchen. Bis dahin müssen wir durch dieses Tal hindurch. Es kommt aber auch darauf an, welchen Verein man betrachtet. Einem kleinen Schützenverein mit 100 Mitgliedern halten die Leute die Treue. Die kennen sich alle und halten zusammen. Ein Reitverein hat wiederum andere Sorgen als ein Golf- oder Tennisclub, die Individualsport anbieten können und im Moment die großen Gewinner sind.

Wird sich der Negativtrend 2021 fortsetzen?

Solange der Lockdown andauert, wird es weiterhin an Neuzugängen fehlen. Ich hoffe, dass es im März oder April wieder losgehen kann. Dann werden auch die Mitgliederzahlen wieder steigen. Ich glaube, dass ein ganz großer Rückstau an Bewegungsbedarf entstanden ist, der sich dann entladen wird.

Was wird im neuen Jahr die größte Aufgabe und Herausforderung für den Kreissportbund sein?

Wir sollten die Solidarität, die wir gezeigt haben, nicht aufgeben, sondern daran festhalten! Wir sollten weiterhin miteinander reden und uns helfen. Damit meine ich auch die Sportvereine untereinander, die sicherlich voneinander profitieren können. Das Thema Zusammenhalt sollten wir nach der Krise hochhalten, genauso wie die Digitalisierung.

In diesem Jahr sind die meisten Sportveranstaltungen ausgefallen. Wann kehrt Normalität ein, so dass wir wieder Meisterschaften und Punktspiele erleben können?

Das ist ein Blick in die Glaskugel, und ich bin kein Hellseher! Ich hoffe, dass wir die Winterzeit überstehen und mit den Impfungen die Infektionszahlen zurückgehen. Ich rechne damit, dass wir spätestens ab Sommer den normalen Punktspielbetrieb draußen und in den Hallen wieder aufnehmen können. Hoffentlich sind dann auch bald große Events wie das Landesturnfest wieder möglich. Die Politik weiß, unter welchem Druck die Menschen stehen, und wird bestrebt sein, die Einschränkungen für den Sport schnell wieder zu lockern. Aber wir sollten immer mit Augenmaß handeln und nicht den Fehler machen, das, was wir uns erarbeitet haben, durch überstürztes Handeln sofort wieder kaputtzumachen.

Was ist Ihr größter Wunsch für 2021 – sowohl sportlich als auch privat?

Privat hoffe ich, dass wir alle gesund bleiben, die Pandemie so gut wie möglich überstehen und das öffentliche Leben mit Kultur wieder aufblüht. Vor allem denjenigen, die in vorderster Front kämpfen, beispielsweise in den Krankenhäusern, wünsche ich viel Durchhaltevermögen. Sportlich wünsche ich mir, dass der Betrieb so schnell wie möglich wieder losgeht und wir wieder Wettkämpfe austragen können.

Zur Person

Seit 2013 gehört Jörg Skatulla dem Vorstand des Kreissportbundes (KSB) im Landkreis Oldenburg an. Zunächst war der 52-jährige Sandkruger für die Finanzen zuständig. Im September 2018 löste er dann Peter Ache an der KSB-Spitze ab. Jörg Skatulla ist Regierungsrat beim Finanzamt für Großbetriebsprüfung in Oldenburg und dort für die Ausbildung von Betriebsprüfern zuständig. Der gebürtige Bottroper ist seit 25 Jahren verheiratet und Vater von drei Kindern. Früher spielte Jörg Skatulla Volleyball (Bezirksoberliga) und Fußball (Bezirksklasse). Inzwischen betreibt er im Fitnessstudio Gesundheitssport, „um die Knochen in Bewegung zu halten“. Neben seinem sportlichen Ehrenamt ist Jörg Skatulla sehr kulturinteressiert und besucht in der Freizeit Kinos, Theater und Konzerte. „Auch das fehlt im Moment.“ Darüber hinaus liest er gerne: „Aktuell die Biografie von Barack Obama, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen habe.“

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