„Schon peinlich“

Deutsches Vorrundenaus beschäftigt auch die Fußballer im Landkreis Oldenburg

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Das Vorrundenaus der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft sorgte deutschlandweit für hängende Köpfe. Bei den Fußballern im Landkreis Oldenburg reicht die Gefühlsspanne von Frust bis hin zu Gleichgültigkeit.

Landkreis - Erstmals in der Geschichte ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei einer WM in der Vorrunde ausgeschieden. Und das als amtierender Weltmeister! Nach dem Debakel der Löw-Elf reicht die Gefühlsspanne bei den Fußballern im Landkreis Oldenburg von Wut und Frust über Enttäuschung bis hin zu Gleichgültigkeit.

Sebastian Merz

Sebastian Merz (29), Fußballobmann und Abwehrspieler des Kreisligisten FC Huntlosen: Das entscheidende Vorrundenspiel gegen Südkorea nutzte der FC Huntlosen, um seinen neuen Riesenfernseher (190 Zentimeter Bildschirmdiagonale) einzuweihen. 30 hoffnungsfrohe Fans hatten sich dazu im Vereinsheim versammelt, unter ihnen auch Sebastian Merz. 

Allerdings hatte sich bei ihm auch zwei Wochen nach Turnierbeginn noch keine richtige WM-Stimmung eingestellt. „Das war sonst anders.“ Dazu habe auch beigetragen, dass er sich mit der Mannschaft nicht identifizieren könne: „Die wirkte auf mich wie ein zusammengewürfelter Haufen.“ 

Die vielen Unentschieden in den letzten Tespielen und das knappe 2:1 bei der Generalprobe gegen Saudi-Arabien hatten Merz bereits im Vorfeld skeptisch gemacht. „Dann darf man sich auch nicht wundern, wenn das gegen Mexiko und Südkorea genauso aussieht“, findet er. Das Turnieraus nahm er „fast schon mit Gleichgültigkeit“ zur Kenntnis. 

Besonders für die Fans ist das Aus ärgerlich

Ärgerlich seien die schwachen Auftritte der Mannschaft vor allem für die Fans, die früher Feierabend gemacht hätten, und die Betriebe, die ihren Mitarbeitern fußballfrei gegeben hatten. „Alle freuen sich, und werden dann so enttäuscht. Da denkst du dir: Das kann man besser machen.“ 

Im Gegensatz zum deutschen Team schafften es England und Belgien, Merz zu beeindrucken. „Aber auch Frankreich, Spanien und Argentinien ist alles zuzutrauen. Aus dem Bauch heraus, würde ich es aber den Engländern gönnen.“

Michael Würdemann (36), stellvertretender Fußballabteilungsleiter und Mittelfeldspieler des Kreisligisten Harpstedter TB: Wegen eines wichtigen Auftrags hat Michael Würdemann bisher von der WM nicht viel gesehen. Das Südkorea-Spiel verfolgte der Stiftenhöfter mit einem Ohr am Radio, und zwar allein. 

Michael Würdemann

Der leitende Angestellte war als einziger in der Firma geblieben, während die übrigen Mitarbeiter des Edelstahlbetriebs erwartungsfroh gegangen waren, um die Übertragung aus Kasan zu verfolgen. Spätestens als das 0:1 fiel, dämmerte es Würdemann, „dass es wohl nicht sein sollte“. 

Stutzig machte ihn bereits die Mannschaftsaufstellung. „Gegen Südkorea brauchst du jemanden, der Gas gibt und keinen Tempoverschlepper wie Khedira“, erläutert der C-Lizenzinhaber. Deutschlands Abschneiden in Russland sei „für den amtierenden Weltmeister schon peinlich“. Möglicherweise habe die Mischung im Kader nicht gestimmt. „Ich hätte in der Offensive mutiger aufgestellt“, meint Würdemann. 

Unter anderem hätte er Angreifer Nils Petersen nominiert: „Für mich der beste Stürmer der letzten Bundesliga-Saison! Wer für einen Verein wie den SC Freiburg spielt und aus wenigen Chancen so viele Tore macht, der hat es verdient!“ 

Stattdessen gelte es nun, das Debakel vernünftig aufzuarbeiten und es dann besser zu machen. „In vier Jahren ist schließlich wieder WM.“ Das deutsche Ausscheiden am Mittwoch wollte Würdemann nach Feierabend verständlicherweise „auch in der Zusammenfassung nicht mehr sehen“.

Carsten Krudop

Carsten Krudop (53), Fußballobmann und Trainer des SC Dünsen in der 2. Kreisklasse: Mit Nachbarn verfolgte Krudop die erste Halbzeit des Südkorea-Schlamassels. „Aber schon zur Pause hatte ich kein gutes Gefühl – da fehlte mir irgendwie die Begeisterung, das Feuer.“ 

Dann hatte die Geburtstagsfeier seiner Tochter Luana Vorrang. Zur Schlussphase schaltete der SC-Coach den heimischen Fernseher ein und sah auch die beiden Treffer der Asiaten. Nach dem Abpfiff machte sich bei ihm „tiefe Enttäuschung“ breit: „Denn die Kaderqualität war zumindest von den Namen nicht schlechter als bei vorherigen Turnieren.“ 

Das Scheitern führt Krudop unter anderem auch auf die „Nebenkriegsschauplätze“ wie die Özil/Gündogan-Erdogan-Affäre und die Diskussion über das Quartier zurück. Dabei hatte er noch nach dem Schweden-Spiel gehofft: „Jetzt reißen wir’s!“ Falsch gedacht. Stattdessen werden Jogis Jungs mit Häme und Spott übergossen. „Das zeigt doch nur, wie viel Respekt die anderen vor uns haben“, findet Krudop. 

Krudops Familie hält auch zu Brasilien

Da seine Frau Milena Brasilianerin ist und Tochter Luana die doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, sind die WM-Sympathien im Hause Krudop fortan klar verteilt. „Brasilien ist sehr gut aufgestellt und dürfte weit kommen“, ist Vater Carsten überzeugt. „Ich könnte mir aber auch durchaus vorstellen, dass es eine Überraschung gibt und eine Mannschaft aus der zweiten Reihe wie Belgien oder Kroatien Weltmeister wird.“

Sascha Görke

Sascha Görke (27), Mittelfeldspieler und Vize-Kapitän des Bezirksligisten VfL Wildeshausen: „Ich war in der Gildestube – und habe ein ziemlich beschissenes Spiel von unserer Mannschaft gesehen“, nimmt Görke kein Blatt vor den Mund. Er hatte vor Turnierbeginn „damit gerechnet, dass wir wieder den Titel holen“. 

Nach dem Mexiko-Schock zum Auftakt hatte der VfL-Regisseur duch das 2:1 über Schweden neue Hoffnung geschöpft. Aber schon nach der ersten Halbzeit gegen Südkorea hatte ihn „die Realität schnell wieder eingeholt“. Görke und seine Wildeshauser Teamkollegen sind für ihre Mentalität bekannt, niemals aufzugeben und bis zum Schlusspfiff zu kämpfen. Deshalb ärgert er sich besonders darüber, „dass ehemalige Weltmeister so lustlos auftreten“. 

Mitleid empfindet Görke hingegen „für Marco Reus, der seine erste WM erlebt und dann in einer solchen Mannschaft spielen muss“. Nachdem er mit seinem ersten Tipp falsch lag, schätzt Görke, dass nun Belgien das Rennen machen wird: „Die haben eine gute Truppe und spielen einen guten Fußball.“ 

Verdient hätte den WM-Sieg aber auch Argentinien um seinen Superstar Lionel Messi. „Messi ist einfach ein genialer Spieler. Er hat die beiden letzten großen Finals bei der WM 2014 und bei der Copa América verloren – deshalb würde ich es ihm persönlich sehr gönnen.“ - mar

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