„So eine Mannschaft habe ich noch nie erlebt“

Wildeshausens Coach Marcel Bragula über seine „Mentalitätsmonster“

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Immer mit vollem Einsatz dabei: Seit nunmehr dreieinhalb Jahren ist Marcel Bragula Chefcoach beim VfL Wildeshausen.

Wildeshausen - Von Daniel Wiechert. Für den Fußballtrainer Marcel Bragula ist 2017 ein Jahr der Extreme. Erst stieg sein VfL Wildeshausen aus der Landesliga ab, dann stürmte das Team durch die Bezirksliga, feierte die Herbstmeisterschaft und überwintert auch als Spitzenreiter. Zum Jahresausklang sprachen wir mit Bragula über die Aufs und Abs, die Mentalität seines Teams, den traurigsten Moment der Hinrunde und wie der Wildeshauser Erfolgscoach die Debatte um die „Systemtrainer“ wahrnimmt.

Marcel Bragula, zwischen den Feiertagen ist fußballfreie Zeit. Können Sie es genießen, wenn sich der Ball mal ein paar Tage nicht dreht?

Marcel Bragula: Als Trainer hast du ja trotzdem immer etwas zu tun, auch in der Winter- oder Sommerpause. Nicht unbedingt immer täglich, aber es geht darum, die Vorbereitung auf die Rückrunde vernünftig zu planen; wenngleich vieles bereits vor Weihnachten passiert ist. Aber da gibt es ja auch immer noch mal Nachbesserungen oder Verschiebungen. Und natürlich versucht man immer, die Mannschaft vielleicht noch einmal zu verstärken. Man versucht, auf den einen oder anderen personellen Ausfall zu reagieren. Das ist aber nicht nur eine Aufgabe des Trainers, sondern auch der Abteilungsführung beziehungsweise von uns allen.

Das Thema Fußball verfolgt Sie also ständig.

Bragula: Das ist so, ja. Jetzt kommt ja auch noch die Futsal-Kreismeisterschaft auf uns zu. Die Hälfte der Mannschaft hat noch nie Futsal gespielt. Da müssen wir jetzt zunächst einmal einen Termin für die Regelkunde finden. Und bei der Belegungsdichte der Hallen in Wildeshausen ist es auch gar nicht so einfach, eine freie Halle zu bekommen. Das sind so Dinge, die halten mich auf Trab in diesen Tagen. Aber vom Zeitaufwand ist es natürlich kein Vergleich zur laufenden Saison.

Es kann ja auch nicht schaden, mal ein bisschen herunterzufahren. 2017 war schließlich mit dem Abstieg aus der Landesliga und der dann folgenden Herbstmeisterschaft in der Bezirksliga intensiv. Welche Gesamtnote geben Sie ihrer Mannschaft; sowohl sportlich als auch charakterlich?

Bragula: Die sportliche Note muss ich ja auf das gesamte Jahr beziehen, daher ist es natürlich eine Drei. Wobei ich der Mannschaft wegen des Abstieges überhaupt nicht böse bin. Sie hat sich dagegen mit vereinten Kräften gewehrt, war personell durch Verletzungen gebeutelt, hatte vor der Saison schon viel an Qualität einbüßen müssen. Daher kann man niemandem böse sein. Umso schöner ist es, dass die Mannschaft sich nach dem Abstieg derart schnell gefangen hat, mit so einer Wucht in die neue Saison gegangen ist – daher ist die Hinrunde eine Eins, klar.

Und charakterlich?

Bragula: Ich bin jetzt 43 Jahre alt und beschäftige mich schon mein ganzes Leben lang mit Fußball; aber eine Mannschaft in dieser Konstellation – wie diszipliniert sie arbeitet, mit welcher Mentalität sie die Spiele angeht – habe ich so noch nie erlebt!

Sie haben es angesprochen, das Team konnte im Sommer den Schalter trotz des Abstieges direkt wieder umlegen. Gab es in der Vorbereitung einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Hier ist direkt wieder etwas Großes möglich?

Bragula: Es gab schon einen Hallo-wach-Effekt. Das war das Trainingslager in Verbindung mit dem „Schmidt+ Koch-Cup“ in Löhnhorst. Da hat das Team trotz eines anstrengenden Trainingslagers nach 0:3-Rückstand das Finale gegen die SG Aumund-Vegesack noch mit 4:3 gewonnen. Da denkst du dir: Hoppla, da wächst ja doch direkt wieder etwas zusammen.

Ihr Team stellt in der Liga die stärkste Defensive und die beste Offensive. Rene Tramitzke führt zudem die Torjägerliste an. Was macht ihn derzeit so stark?

Bragula: Vielleicht, dass er jetzt auch ein bisschen mehr das Vertrauen spürt, weil er der einzige Stoßstürmer ist. Dementsprechend hat er derzeit keine Konkurrenz, wenn wir mit einem echten Mittelstürmer spielen.

Die Sommer-Verstärkungen – sowohl die externen als auch die aus der U 23 – haben ebenfalls direkt weitergeholfen. Werden im Winter weitere Neue kommen?

Bragula: So lange da nichts fest ist, kann ich nichts Konkretes berichten. Aber sicherlich gibt es Dinge, die wir tun sollten. Wir sollten auf jeden Fall noch einen zweiten Stoßstürmer dazubekommen. Denn wenn Rene mal beruflich verhindert ist oder sich verletzt, dann haben wir keinen Spieler mehr für diese Position. Und dann haben wir in der Defensive noch eine Baustelle bekommen – das war gleichzeitig der traurigste Moment der Hinrunde...

Inwiefern?

Bragula: Ja, das kann ich jetzt auch sagen, weil es offiziell ist: Lennart Flege wird nie wieder Fußball spielen. Er wurde schon operiert. Der Knorpelschaden im Knie macht weiteres Fußballspielen unmöglich. In der Abschlussbesprechung der Hinrunde hat er es uns gesagt. Das war ein sehr emotionaler Moment, das war schon heftig, da habe nicht nur ich ein paar Tränen verdrückt. Lennart war so etwas wie das Herzstück dieser Mannschaft, er ist 28, seit zehn Jahren dabei. Und wenn so einer von heute auf morgen die Diagnose bekommt, dass er nie wieder spielen kann, dann tut das uns allen richtig weh...

Also muss der Verein in der Defensive handeln.

Bragula: Es wäre schon wichtig, wenn wir uns in der Abwehr neu aufstellen könnten. Linksverteidiger Lukas Schneider ist ja bekanntlich auch nur sporadisch dabei. Und als die beiden zuletzt ausfielen, hat man bereits gesehen, das uns das einiges an defensiver Stabilität gekostet hat.

Viele Trainer sagen, die Meisterschaft sei so etwas wie ein Marathonlauf. Nach der Hälfte führt Ihr Team knapp. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Puste ausreichen wird?

Bragula: Das weiß ich nicht. Aber wir haben doch überhaupt keinen Druck, Meister werden zu müssen. Wir haben die Erwartungshaltung bis jetzt schon mehr als erfüllt. Wir stehen über dem Soll – was natürlich gut ist.

Auffällig ist, dass Ihr Team zu Hause noch ohne Makel ist, sieben Spiele, sieben Siege. Und die drei Partien, die sie auswärts nicht gewinnen konnten, fanden alle auf Kunstrasen statt. Wird es für den VfL Wildeshausen künftig ein noch größerer Wettbewerbsnachteil sein, keinen Kunstrasen-Platz zu haben?

Bragula: Definitiv. Viele sagen: „Ihr seid doch in den letzten zehn Jahren auch ohne Kunstrasen klar gekommen.“ Stimmt. Nur befindet sich der Fußball im stetigen Wandel. Der technische Anteil im Training leidet im Winter extrem, wenn du nur auf ramponierten Plätzen spielen kannst. Letztendlich haben ich oder die Mannschaft keinen Einfluss darauf, das ist eine politische Sache. Aber andere Vereine und Gemeinden legen da massiv vor. Mir geht es gar nicht um die Erste Herren, sondern um die ganze Jugendabteilung. Die Tendenz wird in den nächsten 20 Jahre noch viel mehr in Richtung Kunstrasen gehen. Und daher wäre es schön, wenn ein Verein und eine Stadt unserer Größenordnung da mitziehen könnte.

Kommen wir noch einmal zu einem ganz anderen Thema. Um die sogenannten „Systemtrainer“ wie Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco ist zuletzt eine Debatte entbrannt – angestoßen durch Mehmet Scholls flapsigem Spruch, dass diese Trainergeneration die Jugendspieler dazu bringen würde, künftig „18 Systeme rückwärts laufen und furzen“ zu können. Was halten Sie von der Diskussion?

Bragula: Die Aussagen von Mehmet Scholl sind in dieser Art und Weise, wie sie gefallen sind, sicherlich nicht gerechtfertigt. Domenico Tedesco oder Julian Nagelsmann sind gute Trainer, die Qualität haben. Aber meine ganz persönliche Meinung ist, dass an der Kritik schon etwas dran ist. Diese Trainer werden viel zu schnell hochgelobt. Julian Nagelsmann ist mit Hoffenheim in einer eher schwachbesetzten Europa-League-Gruppe sang- und klanglos ausgeschieden. Domenico Tedesco hat erst einmal nur eine starke Hinrunde mit Schalke hinter sich.

Ist die taktische Detailversessenheit dieser neuen Trainergeneration denn falsch?

Bragula: Man muss schon variabel sein, man muss auch in der Lage sein, im Spiel mal das ein oder andere umzustellen. Aber ich finde, man kann dieses Taktikthema auch zu groß machen.

Haben Sie ein Beispiel?

Bragula: Jupp Heynckes hat beim FC Bayern nur an ein paar Stellschrauben gedreht, und schon funktionierte wieder alles. Und das, obwohl die Bayern nicht drei- bis viermal im Spiel das System wechseln. Ein anderes Beispiel ist der BVB, dessen Fan ich bin. Klar, ich mochte den Trainer Peter Bosz. Aber wenn man sich mit dem extremen „Hochverteidigen“ viermal in Folge die Finger verbrennt, dann sollte man es vielleicht irgendwann auch sein lassen. Und das hat er viel zu spät erkannt; wenngleich es mir natürlich nicht zusteht, die Arbeit eines Bundesliga-Coaches konkret zu beurteilen. Es ist eben immer eine Trainerphilosophie. Und ich glaube, dass du deine Ziele eher durch eine starke Defensive erreichst. Das schließt natürlich nicht aus, offensiv zu spielen.

Auch im Amateurbereich gehören Wörter wie „Pass-Schatten“ oder „Pressing-Zonen“ mittlerweile zum Vokabular. Wird der Fußball auch in den unteren Ligen immer detailversessener?

Bragula: Das ist so. Beispielsweise wird das ballorientierte Verschieben mittlerweile in den untersten Klassen beherrscht. Und durch jeden Trainer, der nach höheren Lizenzen greift, erhöht sich zwangsläufig die taktische Qualität bei den Mannschaften. Aber ich finde, man darf sich in Taktik nicht verlieren.

Wie meinen Sie das konkret?

Bragula: Taktik ist für mich neben Technik, Kondition und Psyche nur einer von vier Bausteinen. Wenn du dich komplett dem Baustein Taktik verschreibst, und dementsprechend dein Team nicht fit ist, hast du da überhaupt nichts von. Gerade in der Bezirks- oder Landesliga geht nichts über die körperliche Fitness. Und Mentalität darf man nie vergessen. Noch einmal: Taktik ist einer von vier Bausteinen, absolut richtig. Aber Taktik ist nicht das, was den Fußball allein ausmacht.

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