Beckeln Fountains entpuppen sich beim 12:1-Sieg als Improvisationskünstler

Was nicht passt, wird passend gemacht

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Achtfach-Torschütze Jonas Gralheer und Beckelns Co-Trainer Erich Huntemann.

Harpstedt - Von Daniel Wiechert. Es war eine Punktlandung. Erst am Tag vor dem großen Tag trudelten die neuen Jerseys ein. Dunkelblau, mit einem gelben senkrechten Balken, dazu prangt auf der linken Brust der Vereinsnamen gebende Simonsbrunnen im Wappen – die Fußballer der Beckeln Fountains sind vorbereitet für ihr erstes Pflichtspiel. Jener Verein, der erst vor ein paar Wochen aus der Taufe gehoben wurde, steht vor der Premiere in der 5. Kreisklasse gegen TuS Vielstedt III.

19.30 Uhr: Bereits eine halbe Stunde vor dem Anpfiff stehen die Kisten geordnet am Spielfeldrand – Bier selbstverständlich, auch zwei Kartons mit Hochprozentigen gibt es. Einzelne Wasserflaschen sind ebenfalls auszumachen, verstreut auf dem feuchten Rasen. „Wer ein Bier will, nimmt sich einfach eins und schmeißt 1,50 Euro in die Spardose“, erklärt Jan Würdemann den zuschauenden Fountains-Mitgliedern, während er den Schriftkram erledigt, die Passnummern in den Spielbogen einpflegt. Denn auch in der 5. Kreisklasse geht alles nach Vorschrift – „Bürokratie first“.

Diese Erfahrung hatte auch Tim Sander machen müssen. Der 19-Jährige ist der Vater des Beckelner Projekts, der 1. Vorsitzende in der noch jungen Fountains-Geschichte. Einiges an Sisyphusarbeit musste Sander vor dem ersten Pflichtspiel leisten. Zunächst Anträge beim Verband stellen, dann Formulare einreichen, natürlich den Verein eintragen lassen, schließlich die Pässe für alle 27 Spieler anfordern. So wurde aus einer vagen Idee ein eingetragener Verein. „Wir sind alles Freunde, deshalb habe ich diese Aufgaben gerne übernommen“, sagt Sander: „Wir hätten auch beim Harpstedter TB noch eine Mannschaft aufmachen können, aber uns war es einfach wichtig, für Beckeln zu spielen.“

19.57 Uhr: In Grüppchen pilgern die Zuschauer zum Sportplatz neben dem Harpstedter Rosenfreibad, etwa 50 sind es mittlerweile. „Halb Beckeln scheint zu kommen“, sagt Arno Drews, seit Jahrzehnten als Schiedsrichter aktiv, heute mit dem Fahrrad als Zuschauer gekommen.

Beim 1. Vorsitzenden Sander steigt derweil die Nervosität, hektisch tigert er über den Rasen: Der Schiedsrichter fehlt. „So viele Leute kommen, um uns zu sehen, und dann kommt der Schiri nicht, das kann’s doch echt nicht sein“, echauffiert sich Sander. Gleichzeitig öffnet sich eine andere Baustelle: Hendrik Wolle, gegen Vielstedt als Beckelns Mann zwischen den Pfosten auserkoren, rennt zur Seitenlinie, die komplette Sohle seines Schuhwerks schleift über den Rasen. „Jojo, was hast du für ‘ne Schuhgröße?“, fragt der Keeper den Kassenwart Joachim Sander. Minimale Unterschiede spielen jetzt keine Rolle, das Schuhwerk ist ruckzuck gewechselt. „Ey Schnacker“, ruft „Jojo“ Sander: „Die will ich aber später geschniegelt und gefettet zurück“, gibt er Wolle mit auf den Weg.

15 Minuten ziehen ins Land, eigentlich sollte der Ball längst rollen, doch vom angesetzten Referee ist noch immer keine Spur. „Arno ist doch hier“, kommt die rettende Idee eines Zuschauers. „Wieso nicht“, meint Drews: „Ich habe doch eh alles in der Nähe. Hauptsache, das Spiel findet statt.“ Gesagt, getan. Um 20.25 Uhr, bedächtig fällt der Nieselregen aus dem Harpstedter Abendhimmel, pfeift Drews die Partie an.

Direkt schallt es „Einrücken, Übernehmen“ oder „Zustellen, Verschieben“ über den Rasen. Ob 5. Kreisklasse oder Regionalliga – die Taktikschnipsel klingen auf jedem Platz der Republik gleich.

Falls es auf dem Harpstedter Sportplatz einen VIP-Platz gibt, dann hat sich ihn „Trampeltier“ geschnappt. Der Golden Retriever, dessen Spitzname ein Schriftzug am Geschirr enttarnt, liegt Höhe der Mittellinie, hat freie Sichtbahn auf den ersten historischen Moment der Beckeln Foutains: Jonas Evers, genannt „Evi“, setzt sich über die linke Bahn im Dribbling durch, die hohe Hereingabe verwertet Timo Gralheer per Ausfallschritt mit der rechten Fußspitze – 1:0 (12.).

Ein standesgemäßer Auftakt für ein Beckelner Schützenfest: Nur 30 Minuten später haben Evers und Gralheer das Ergebnis auf 7:0 hochgeschraubt. Die Fountains-Verantwortlichen könnten sich entspannt zurücklegen, eine Zigarette oder ein Bier genießen, doch das kommt für Erich Huntemann nicht infrage. Natürlich nicht. Huntemann ist Co-Trainer, heute hauptverantwortlich, da „Chef“ Jörg Weichler Zuhause gefragt ist – der Hundenachwuchs muss sicher zur Welt gebracht werden. Seelenruhig verfolgt der „Co“ das Offensivspektaktel seines Teams. „Das sind hier alles nette Jungs“, sagt er, „doch letztlich bleibt es fußballerisch ein zusammengewürfelter Haufen. Sie müssen erstmal lernen, wie systemmäßiger Fußball gespielt wird.“

Auch wenn der Spaß am Gekicke überwiegen soll, merkt man Huntemann, der mit seinem Outfit (Lederschuhe- und Jacke sowie Jeans) als Doppelgänger Josef Matulas durchgehen würde, an, wie es im Fußball-Hirn rattert. Wie der prominente Fernseh-Detektiv auf Observation schleicht Huntemann die Linie auf und ab, macht sich Notizen. In dieser Niederschrift dürfte sich auch das erste Gegentor Beckelns wiederfinden. Ein strammer Schuss ins kurze Eck aus 20 Metern bezwingt Fountains-Keeper Wolle. Ob es am Schuhwerk lag?

Egal, denn es bleibt Beckelns einziges Gegentor. Stattdessen schrauben Evers (am Ende vier Treffer) und der achtfache Torschütze Gralheer das Ergebnis auf 12:1 hoch. Als die Beckeln-Spieler schließlich beim „Feierabend-Bier“ die 90 Minuten Revue passieren lassen, schimmert es auch Tim Sander: Der Kampf durch den Bürokratie-Dschungel hat sich für solche Gemeinschaftsmomente gelohnt.

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