39-Jähriger ist im Rekordtempo beim VfL Wildeshausen angekommen: Ab jetzt gleichberechtigter Trainer

Marco Elia – Alphatier und Kumpel

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Das Halbzeitritual: Bevor es in die Kabine geht, tauschen sich Marco Elia (r.) und Marcel Bragula aus: „Wir besprechen das Gesehene, gleichen unsere vorherigen Spielbeobachtungen mit dem ab, was der Gegner wirklich zeigt“, klärt Elia auf: „Zudem ist es gut, wenn das Team erstmal seine Ruhe hat und auch untereinander ein paar Sachen klären kann.“

Wildeshausen - Von Daniel Wiechert. Für Marcel Bragula ist Marco Elia schlicht ein „Alphatier“. Wenn dies bedeutet, dass jemand gerne Verantwortung übernimmt und vorweg marschiert – trifft dies auf Elia zu. Wenn dies definiert, dass man nicht in der Lage ist, jemanden neben sich zu dulden und stur seinen Weg zu gehen – trifft dies ganz und gar nicht auf Elia zu. Denn der 39-Jährige ist Teamplayer durch und durch.

Bragula, Trainer vom Bezirksliga-Meister VfL Wildeshausen, meinte selbstredend die erste Form des „Alphatiers“. Für ihn ist Elia „ein guter Freund“. Diesen hatte Bragula vor der Saison 2014/15 als Co-Trainer nach Wildeshausen gelotst. Die Gründe lagen für Bragula auf der Hand. Erstens bringe Elia eine „unglaubliche fachliche Expertise“ mit. Zweitens lebe er Zuverlässigkeit und Disziplin perfekt vor. Drittens „ticken Marco und ich gleich. Wir sind Malocher.“

Das „Co“-Attribut hielt sich auch nicht lange. „Diese Trennlinie zwischen Chefcoach und Co-Trainer verschwamm mit der Zeit immer mehr“, sagt Elia. Für Bragula ist sein kongenialer Partner ein elementares Puzzleteil im Meisterbild: „Wir alle beim VfL wissen, dass ganz viel Marco Elia in diesen 78 Saisonpunkten steckt.“

Doch genug der Lobhudelei. Wer ist dieser Typ? Wie tickt er? Was hat er in diesen VfL Wildeshausen eingebracht, dass es nach Platz zwei 2013 und Rang drei 2014 in diesem Jahr mit der Meisterschaft klappte?

Hausbesuch bei Elia in Oldenburg: Fester Händedruck, die dunklen Augen strahlen einen förmlich an. Schon bei der Begrüßung wird klar: Dieser Typ ist selbstbewusst, gleichzeitig offen und zugänglich. Elia ist 39, würde aber locker als 30-Jähriger durchgehen: die schwarzen Haare perfekt gestylt, der Drei-bis-fünf-Tage-Bart feinlinig getrimmt.

Detailliert geht es auch zu, wenn man sich mit ihm über die Systematik des Fußballs unterhält. Wenn Elia über Taktik redet, wird sein Blick gegenüber seines Gesprächspartners stechend, seine Hände kreisen über dem Küchentisch – es scheint, als sehe er ein imaginäres Spielfeld vor sich. „Mir ist es wichtig, methodisch-didaktisch zu arbeiten.“ Heißt: zunächst wissen, was man vermitteln möchte, dieses dann anschließend mundgerecht portioniert dem Spieler an die Hand geben.

Genau hier sieht Ottmar Jöckel, Fußballabteilungsleiter beim VfL, Elias Stärke: „Marco liest Spiele hervorragend. Das Wichtigste ist aber, dass er das dann auch rüberbringt. Das schafft er auf eine vorzügliche Weise.“

Diese Kompetenz hängt mit Elias Job zusammen. Er ist Kompanietruppführer bei der Bundeswehr, stationiert in Delmenhorst. Dort ist er unter anderem für die Ausbildungsgestaltung zuständig. „Die methodisch-didaktische Arbeitsweise habe ich bei der Bundeswehr gelernt.“ Überhaupt sieht er einige Parallelen: „Bundeswehr und Fußball befruchten sich bei mir gegenseitig. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich ein Gelände abzusichern habe, muss ich wissen, wo sind unsere Schwachstellen, was könnte der ‚Feind‘ nutzen. Diesen Geländeabschnitt müsste ich dann in erster Linie absichern.“ So sei es auch beim Fußball: „Wenn ich beispielsweise einen nicht so ballsicheren Außenverteidiger hätte, müsste ich die anderen Spieler dafür sensibilisieren, dass er immer genug Anspielmöglichkeiten über eine kurze Distanz hat, so dass er keine 30-Meter-Pässe zu spielen braucht, die eh nicht ankommen würden“, erklärt Elia.

Kleinigkeiten, die zusammengenommen das große Ganze ergeben. Elia glaubt, dass das sogenannte Playbook im Fußball noch immer zu kurz kommt. Heißt: Vorher mit dem Team festlegen, wann und wie es auf bestimmte Entwicklungen im Spiel zu reagieren hat. Diesen Matchplan gab es auch im Saisonfinale gegen den SV Atlas. „So lange es 0:0 steht, wollten wir Mittelfeldpressing spielen, falls wir in Rückstand geraten, wollten wir direkt auf Offensivpressing umstellen. Als dann das 0:1 fiel, wusste jeder im Team, was zu tun ist. Das war wichtig. Die Spieler hatten so überhaupt keine Zeit dazu, die Köpfe hängen zu lassen.“ Schließlich galt es, die neue Marschroute umzusetzen. Statt gesichert zu stehen und bei Ballgewinn über schnelle, flachgespielte Kombinationen zum Erfolg zu kommen, hieß nun die Devise: noch früher drauf, bei Ballgewinn direkt den eingewechselten Zentrumspieler Kai Schmale suchen. Schmale köpfte dann Wildeshausen auch in die Landesliga...

Die Non-Stop-Party ging los. Auch wenn Elia als gebürtiger Geseker (Bragula: „Er hat westfälisches Blut“) das Feiern quasi in die Wiege gelegt wurde, konnte er berufsbedingt nicht bei jeder Meistersause dabei sein. Irgendwie war er es aber doch: Jan Lehmkuhl postete beispielsweise ein Teamfoto beim Feiern: Die Spieler halten ein Shirt mit den Initialen ME in die Kamera.

Elia ist angekommen – im Team und in Wildeshausen. „Ich war vom ersten Tag an beeindruckt. Erstens ist es hier eine klasse Anlage im Krandel. Zweitens habe ich direkt gemerkt, dass das hier alles Super-Zeitgenossen sind.“ Nach den höherklassigen Fußball-Jahren, unter anderem als Oberliga-Torhüter beim VfB Oldenburg, sei es gewesen, als „wäre ich nach Hause gekommen. Hier wird Fußball gelebt – ganz ohne Geld.“ Die Kameradschaft sei überragend. Nicht nur vonseiten der Spieler und Trainer, fügt Elia an: „Zum Beispiel ist unser Betreuer Thomas Kupka ein ganz wichtiger Mann. Ohne ihn könnten Marcel und ich uns nicht so extrem auf das Trainer-Dasein konzentrieren.“

Auch die Spieler hätten es ihm und Bragula in dieser Saison einfach gemacht. „Ottmar Jöckel hat mal gesagt: ‚Diese Mannschaft ist ein Geschenk für jeden Trainer.‘ Damit hat er absolut Recht. Unser Auftrag war es ‚nur‘, aus einer guten eine sehr gute Bezirksliga-Mannschaft zu machen. Dafür mussten wir sie taktisch weiterbringen.“ Kompakteres Verschieben, im Abwehrzentrum dichter stehen, die Räume enger machen, dazu das systematische Angreifen (einstudierte Spielzüge) – das alles sei angegangen worden. „Und dafür ist es wichtig, dass Marcel und ich zu zweit sind. Jeder Spieler braucht Aufmerksamkeit, um sich weiterzuentwickeln.“ Bei aller Detailversessenheit in taktischen Sachen „darf man die Spieler aber nie überfrachten“.

Elia besitzt Empathie, kann sich in die Köpfe seiner Spieler hineinversetzen. „Wenn jemand vielleicht eine schlechte Halbzeit hatte, muss ich mir überlegen: Kann ich ihn wirklich rausnehmen, oder gibt ihm das einen Knacks für den weiteren Saisonverlauf?“, sagt er und schnippt beim Wort „Knacks“ lautstark mit den Fingern. Überhaupt gestikuliert er viel, um das Gesagte zu untermauern. Er weiß um die Bedeutung der Gesten. Oder liegt es an seiner jahrzehntelangen Torhüter-Vergangenheit, in der seine Hände sein wichtigstes Werkzeug waren? Vielleicht. In anderer Hinsicht hilft das Torhüter-Dasein ganz bestimmt. „Ich habe jahrelang aus dem Tor heraus die beste Perspektive gehabt, um zu sehen, wie ein Team richtig verschiebt, wie man die Räume dichtmacht.“ Elia lernt aus Erfahrungen, auch aus beruflichen: „Wenn du durch Afghanistan fährst und einen Fahrzeugkonvoi von sechs oder sieben Wagen anführst, musst du immer auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Und wenn dann der Fall der Fälle eintritt, musst du wissen, was zu tun ist. Da muss man in der Lage sein, klare Entscheidungen treffen zu können.“ Ein Alphatier eben.

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