Blindes Vertrauen

Harm Lahdes Fuchsstute Americana trotz großer Sehschwäche ein Springphänomen

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Harm Lahde gewann in München mit der fast blinden Stute Oak Grove’s Americana das Youngster-Cup-Finale. 

Verden/Varste - Von Martina Brüske. Man sieht es ihr nicht an, aber sie sieht nicht viel. Oak Grove‘s Americana ist acht Jahre alt, gewann gerade mit Harm Lahde das Finale der internationalen Youngster-Tour in der Münchner Olympiahalle. Die Fuchsstute ist ein echtes Phänomen – für den Sport, für ihre Besitzer und für ihren Reiter. Der hat immer alle verfügbaren „Antennen“ auf höchstmöglichen Empfang, wenn er die energiegeladene Pferde-Dame unter dem Sattel hat, denn Americana hat aufgrund einer Hornhautentzündung nur noch auf einem Auge ein wenig Sehkraft. Und die nutzt sie so gut es geht. Eine kleine Geschichte von großem Vertrauen.

An den Tag, an dem er Americana aus der Tierklinik nach der ausführlichen Augenuntersuchung abgeholt hat, kann sich Harm Lahde nur allzu gut erinnern. „Sie war sehr unsicher, tastete mit den Hufen auf der Anhängerklappe herum. Wir waren sehr vorsichtig. Ich war niedergeschlagen und habe mir Sorgen gemacht, wie es wohl mit ihr weitergehen würde.“ Das ist rund vier Jahre her und von den Sorgen ist wenig übrig geblieben. Die Fuchsstute „platzt vor Energie“, springt, wie es ihr hochnobler Stammbaum mit Generationen von Springpferden in der Ahnengalerie vermuten lässt – und vor allem ohne Angst. „Ich versuche momentan sie zu bremsen, mit mehr Ruhe im Parcours zu arbeiten, aber das ist echt nicht leicht mit ihr“, grinst der 30 Jahre alte Profi, der auf dem Gestüt Eichenhain in Blender für die Ausbildung zuständig ist. „Sie hat genauso viel ,Go‘ wie ihre Mutter. Sie will immer loslegen.“

Möglich ist das alles nur, weil in Blender alles getan wurde und wird, damit die flotte Fuchsstute ein gutes Leben führen kann. „Wir machen nur genau so viel, wie sie anbietet und möchte“, sagt Harm Lahde. „Wenn ich merke, dass sie irgendwie unsicher ist – auch im Parcours – höre ich sofort auf. Bloß kein Risiko eingehen, das wäre fatal!“ Wie viel Americana tatsächlich erkennen kann, diese Frage können auch die Tierärzte nicht schlüssig beantworten, nur sie selbst signalisiert ihr Befinden. Regelmäßig werden die Augen untersucht und überprüft, um Aufschluss darüber zu erhalten, ob es Veränderungen gibt. Verschlechtert sich der Zustand, dann gilt sofort ein Sportstopp.

Als das Gestüt Eichenhain die junge Fuchsstute erwarb, deren Mutter Oak Grove‘s Heartfelt ist – ein international erfolgreiches Sportpferd, war Americana putzmunter und gesund. Irgendwann fiel auf, dass das Jungpferd sich anders verhielt. Also wurde veterinärmedizinischer Rat angefordert. Das Ergebnis ausführlicher Untersuchungen war niederschmetternd: Americana hatte eine Keratitis, eine Hornhautentzündung.

Auf Americana zu verzichten, war keine Option für das Team des Gestütes Eichenhain, also begann man vorsichtig herauszufinden, was die junge Stute will und kann. Und sie wollte und konnte sich bewegen, ihre Umgebung auskundschaften und einen abwechslungsreichen Alltag haben.

Americana hat ihr eigenes „Servicepersonal“ und das schätzt sie auch. „Wir haben es so organisiert, dass sie immer die selben Menschen um sich hat und wir wissen auch genau, wie sie reagiert und auf was wir achten müssen“, sagt Harm Lahde. „Unvorhergesehene Geräusche erschrecken sie mehr als andere Pferde, das muss man wissen. Im Parcours können Sprünge mit hellen Stangen und wenig Kontrast Probleme erzeugen, Schattierungen kann sie ganz offenkundig wahrnehmen. Zuhause wird sie dressurmäßig von Jessie Distler geritten. Americana ist Jessies Liebling, das war schon mit Heartfelt so und ist nun auch mit der Tochter so. Ansonsten wird Americana nur von mir geritten.“

Völlig verblüfft ist das gesamte Eichenhain-Team immer wieder über den Elan und Mut der Fuchsstute. „Ganz ehrlich, wir waren erfreut, dass sie geritten und sogar gesprungen werden konnte“, erinnert sich der Reiter. „Als sie dann ihre erste Springpferdeprüfung ging und auch noch gewann, waren wir echt platt. Sie kann unglaublich springen. Aber das in fremder Umgebung bei wenig Sehkraft zu erwarten – nein, das wäre vermessen gewesen. Wir haben es versucht, wenn es nicht machbar gewesen wäre, dann hätten wir es gelassen.“

Die statiöse Pferdedame belehrt „ihre Menschen“ beständig eines Besseren, glänzt inzwischen in schweren internationalen Prüfungen und ist ein Routinier auf Reisen. Lahde: „Wenn man frühmorgens im Dunkeln für die Abfahrt zum Turnier die Pferde verlädt, dann ,dackelt‘ Americana von selbst auf die Rampe, die kennt jeden Zentimeter im Transporter.“ Dunkelheit macht der Fuchsstute, die eine Enkelin des berühmten niederländischen Hengstes Heartbreaker ist, überhaupt nichts aus. Eine neue Umgebung, wie bei Turnieren, wird zunächst erkundet. Der Sozialkontakt mit den anderen Pferden ist unproblematisch. Ein Phänomen, das man auch aus Herdenverbänden kennt – Pferde tolerieren Handicaps – nicht nur bei Artgenossen.

Ist ein Ende der Sportlaufbahn abzusehen? Harm Lahde weiß es nicht, er weiß nur: „Americana wird niemals verkauft. Und wenn es mit dem Sport nicht mehr geht, darf sie in die Zucht, sie hat schließlich die beste Abstammung.“ Was er nicht formuliert, wird gleichwohl aus jedem Satz greifbar. Die Dankbarkeit dafür, dass die Stute sich so entwickelt hat. Möglich ist das allerdings auch nur, weil Oak Grove‘s Americana 100-prozentiges Vertrauen in ihre menschlichen Bezugspersonen zeigt. Für Reiter und Pfleger, die dieses Vertrauen erzeugen und rechtfertigen können, gibt es einen Begriff in englischer Sprache, der all das zusammenfasst, was einen echten Pferdemenschen ausmacht: Horsemanship.

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