STADTGESPRÄCH: Der einstige Achimer Macher über Vergangenes, Heutiges, Kommendes

Johann Stadtlanders Sorgen um „sein Tennis“

Stadtgespräch zwischen Johann Stadtlander und Sportredakteur Frank von Staden mit Zollstockabstand in den Räumen des Achimer Kreisblattes.
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Stadtgespräch zwischen Johann Stadtlander und Sportredakteur Frank von Staden mit Zollstockabstand in den Räumen des Achimer Kreisblattes.

Der Achimer Johann Stadtlander hat einst viel bewegt im deutschen Tennis. Jetzt aber sorgt er sich etwas um seinen Sport. Denn nicht nur Damen-Bundestrainerin Barbara Rittner beklagt den fehlenden Nachwuchs. Stadtlander sprach im großen Interview über Damaliges, Heutiges und Kommendes - nicht nur im Tennis.

  • Großes Interview mit dem einstigen Macher im deutschen Tennis, Johann Stadtlander
  • Der Achimer beklagt fehlenden Tennis-Nachwuchs
  • Reise in den Süden nach Corona

Achim – Einst war der Uesener Johann Stadtlander (81) der Tausendsassa des Achimer, Niedersächsischen und auch Deutschen Tennis, war DTB-Jugendwart, Vize-Präsident und langjährige Vorsitzender des Niedersächsischen Tennisverbandes, wurde 2018 zudem zum Ehrenmitglied des Deutschen Tennisbundes ernannt. Stadtlander machte und gestaltete die „Goldenen Zeiten“ des deutschen Tennis mit. Die scheinen aber vor allem im Damenbereich längst vorbei, was die jüngsten Ergebnisse bei den Australian Open zu untermauern scheinen. Wir sprachen mit dem einstigen Funktionär über Vergangenes, Derzeitiges und Kommendes.

Was hatten Sie für ein Gefühl in Ihrer Magengegend, nachdem Mona Barthel in der zweiten Runde als letzte Deutsche bei den gerade laufenden Australian Open in Melbourne aus dem Turnier geflogen war? Ich habe schon im Vorfeld damit gerechnet, dass wir Down Under nicht viel zu bestellen haben würden. Den Nachwuchs hatte ich bis zur zweiten Runde auf der Rechnung, mehr war da nicht drin. Auch das frühe Ausscheiden von Kerber war jetzt nicht unbedingt eine Riesenüberraschung.

Erstmals seit den French Open 2010 findet nun ein Grand-Slam-Turnier ab der dritten Runde ohne eine deutsche Frau statt. Blutet Ihnen als jemanden, der die Glanzzeiten im Tennis erlebt und auch mitgestaltet hat, da das Herz? Natürlich! Aber ich sage es mal so: Es ist ein schleichender Prozess, der sich angebahnt hat.

Es ist ein schleichender Prozess, der sich angebahnt hat.

Johann Stadtlander über das frühe Ausscheiden der deutschen Damen in Australien

Damen-Bundestrainerin Barbara Rittner, zu der Sie seit Jahrzehnten einen engen Kontakt pflegen, bereitet die Tennis-Fans nach dem „Australia-Debakel“ auf magere Jahre vor, will die Zukunftsaussichten gar nicht erst schönreden. Wie sehen Sie die kommenden Jahre im deutschen Damen-Tennis? Das sehe ich genauso. Barbara hat recht, wenn sie sagt, dass wir für die Zukunft sehr viel Geduld haben müssen. Denn wir haben ein großes Loch zwischen Kerber & Co. und den heute 18- bis 20-Jährigen. Barbara ist eine sehr engagierte Trainerin, die sich auch stark um den Nachwuchs kümmert. Aber Talente sind nun mal nicht einfach aus dem Boden zu stampfen.

Drei Grand-Slam-Titel von Angelique Kerber hatten in den vergangenen Jahren dann wohl über Nachwuchsprobleme hinweggetäuscht. Wurde zu voreilig von einer kommenden „Goldenen Generation“ gesprochen? Nun, es sah ja zu Beginn so aus, als ob wir weiterhin gute Spielerinnen hätten, die wir in die großen Turniere würden schicken können. Wir hatten ja zuletzt viele Talente bis zum 16. Lebensjahr. Aber die sind dann aus vielerlei Gründen auf der Strecke geblieben, haben den Sprung unter die Top-100 verpasst.

Hat ergo der Deutsche Tennis-Bund die Zeichen der Zeit nicht erkannt und in der Nachwuchsarbeit geschlampt? So drastisch würde ich es nicht bezeichnen! Wir haben vier sehr gut arbeitende Bundesstützpunkte, die mit zahlreichen Ehrenamtlichen alles Erdenkliche versuchen, um weiter den Nachwuchs auf ein bestmögliches Niveau zu bringen oder zu halten. Aber letztlich können sie dort auch nicht zaubern.

Junge, hungrige Trainer werden gebraucht

Woran liegt es denn dann, dass das deutsche Damen-Tennis in der Welt derzeit stark hinterherhinkt? Was wir brauchen, sind junge, hungrige Trainer! Trainer, die bereit sind, mit ein, zwei Jugendlichen auf kleinere Turniere in Europa zu gehen. Aber dafür fehlt das Geld. Hier muss der DTB bereit sein, in allen vier deutschen Leistungszentren Geld zu investieren. Denn solch eine Maßnahme kostet.

An welche Summe denken Sie da? Nun, ich glaube, dass jedes Zentrum für diese Umsetzung um die 150 000 Euro pro Jahr benötigen würde. Doch das wird eine gute, am Ende sicher gewinnbringende Investition sein.

Heißt im Umkehrschluss, dass die jetzigen Stützpunkttrainer zu wenig Zeit aufbringen? Nein, auf keinen Fall. Sie alle machen von Montag bis Freitag einen sehr guten Job. Doch die meisten haben eben schon Familie und verbringen dann die Wochenenden zuhause. Deshalb mein Rat: Setzt auf junge, hungrige Trainer, die bereit sind, auch an den Wochenenden ihre Schützlinge zu betreuen und ihnen zur Seite zu stehen. Wir müssen uns da auf die Akteure im Alter zwischen 14 und 16 Jahren konzentrieren, um am Ende neue Spitzenspieler nach vorn bringen zu können.

DTB sollte Geld in die Hand nehmen

Die nächste Top-Ten-Spielerin ist in den kommenden Jahren nicht in Sicht. Wem trauen Sie am ehesten aus dem Nachwuchsbereich zu, in die Fußstapfen einer Steffi Graf, Barbara Rittner, Anke Huber, Angelique Kerber oder auch Andrea Petkovic sowie Laura Siegemund zu treten? Ganz ehrlich? Derzeit niemanden. Wie gesagt, wir müssen bei Null anfangen.

Verlassen wir Ihr Steckenpferd Tennis ganz kurz. Wie lebt Johann Stadtlander heute, wie verläuft sein Alltag? Nicht so viel anders als bei jedem Anderen in meinem Alter. Ich versuche nach meinen beiden Hüft-OPs viel an die frische Luft zu kommen. Deshalb suche ich so häufig wie möglich auch den Golf-Platz in Verden auf. Ob ich dann am Ende den Ball mit fünf oder sieben Schlägen ins Loch bringe, ist dabei eher nebensächlich. Mich mit meinen Bekannten und Freunden auszutauschen, ist da viel wichtiger geworden.

Haben Sie immer noch Kontakt zu alten Tennis-Weggefährten oder hat das im Laufe der Zeit stetig nachgelassen? Nein. Ich pflege weiterhin den Kontakt zum DTB und auch zur niedersächsischen Zentrale. Deshalb weiß ich auch, dass der Verband sehr gut aufgestellt ist und dort hervorragende Arbeit geleistet wird. Außerdem gibt es eine Gemeinschaft aller ehemaligen Präsidenten, die sich für zwei Tage im Jahr trifft. Da gibt es immer sehr angenehme Gespräche.

„Fehler? Ja, habe ich gemacht“

Wenn Sie eine Entscheidung in ihrem langen Funktionärsleben rückgängig machen könnten, welche wäre das? Oha, das ist eine gute Frage. Sicherlich gibt es zwei, drei Dinge, die ich aus heutiger Sicht anders machen würde. Aber die behalte ich lieber für mich. Das ist sicher nichts für die Öffentlichkeit.

Und welche war für Sie die beste? Die beste Entscheidung war das Amt des Bundesjugendwartes im DTB für fünf Jahre anzunehmen. Dadurch habe ich fast die ganze Welt bereisen dürfen, habe sportlich als auch menschlich viele Erfahrungen sammeln können.

Wie lauten Ihre Vorsätze für das Jahr 2021? Das ist schnell beantwortet: Gesund bleiben – das ist doch das Wichtigste.

Pflegen seit Jahrzehnten ein sehr gutes Verhältnis: Johann Stadtlander, Bundestrainerin Barbara Rittner (rechts) und Anke Huber.

Thema Lockdown: Was würden Sie anders machen, wenn Sie die Macht hätten? Auch da reicht ein kurzer Satz: nichts. Aber Entscheidungsträger möchte ich gerade in dieser Hinsicht nicht sein.

Vielleicht die, dass der Amateursport völlig zum Erliegen kommt. Ich befürchte, dass viele ihren Sport zukünftig nicht mehr für so wichtig nehmen.

Johann Stadtlander über übertriebene Entscheidungen der Regierung in der Corona-Krise

Aber welche Einschränkungen halten Sie für übertrieben? Vielleicht die, dass der Amateursport völlig zum Erliegen kommt. Ich befürchte, dass viele ihren Sport zukünftig nicht mehr für so wichtig nehmen.

Welcher ist Ihr Lieblingsort, um Kraft zu tanken, beziehungsweise um zur Ruhe zu kommen? Sagte ich bereits: der Golf-Platz in Verden.

Stadtlander lässt sich impfen

Corona-Impfung: Ja oder Nein? Ganz klar ja. Ich habe Anfang März meinen Termin. Natürlich werde ich diesen wahrnehmen.

Tennis-Arena, Stadion, Konzert, Theater, Urlaub? Was machen Sie zuerst, sobald es wieder erlaubt ist? Nun, sehr gerne würde ich einmal wieder ins Weserstadion gehen und ein gutes Werder-Spiel live anschauen. Aber das ganze Drumherum ist für mich schon etwas anstrengend geworden. Also sage ich lieber: Ich würde gerne in den Süden reisen.

Unser Nachwuchs braucht Vorbilder!

Johann Stadtlander

Welche Schlagzeile wollen Sie 2021 über Ihren Sport lesen? Vor allem die, dass sich das Damen-Tennis wieder im Aufschwung befindet. Doch ich denke, sie wird am Ende eher lauten: „Alexander Zverev gewinnt Wimbledon“. Oder ein anderes Grand-Slam-Turnier. Das würde mich auch sehr freuen. Denn das schafft Vorbilder. Und unser Nachwuchs braucht Vorbilder!

Zahlen, Daten, Fakten über den Achimer Johann Stadtlander

Die übergeordnete Funktionärskarriere des rührigen Achimers Johann Stadtlander begann 1972 mit der Wahl zum Tennis-Bezirkssportwart. 1982 kam das Amt des Landesjugendwartes hinzu. 1987 stieg Stadtlander dann zum Bundesjugendwart und zum Vizepräsidenten des DTB auf. Von 1998 bis 2002 gehörte der heute 81-Jährige zudem noch dem Aufsichtsrat des Deutschen Tennis Bundes an. Für sein unermüdliches Engagement im Deutschen Tennis erhielt er 2002 die Goldene Ehrennadel des DTB, 2003 folgte dann der absolute Höhepunkt, als Johann Stadtlander in der Hünenburg in Achim-Baden das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. „Dass ich dann auch zum Ehrenmitglied ernannt wurde, bedeutet mir sehr viel. Der Tennissport hat mein Leben geprägt und immer begleitet. Auch jetzt noch“, so der „Vater des Achimer Tennis“, der lange Jahre den einstigen Traditionsklub Grün-Weiß Achim als 1. Vorsitzender anführte. vst

Von Frank Von Staden

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