Rückblick: Vor rund neun Jahren erschütterte ein handfester Skandal die Tischtennis-Szene

Makaberes Spiel mit einem Toten

Die Meldung eines verstorbenen Spielers sorgte 2012 für einen Skandal in der Tischtennis-Szene.
+
Die Meldung eines verstorbenen Spielers sorgte 2012 für einen Skandal in der Tischtennis-Szene.

Wenn es um den eigenen Vorteil geht, sind auch Sportler sehr erfinderisch. Schließlich sollen die eigenen Ziele erreicht werden. Dass es dabei nicht immer ganz fair zugeht, liegt auf der Hand. In der Tischtennis-Verbandsliga wurde dabei in der Saison 2012/2013 jedoch eine Grenze überschritten. Denn in der Meldeliste des Neurönnebecker TV tauchte mit Marian Odstrcil ein toter Spieler auf.

  • Partie des Neurönnebecker TV in Ritterhude im Fokus der Tischtennis-Szene
  • Erste Gerüchte bereits im August 2012
  • NTV-Teammanager Richter fühlte sich von einem polnischen Spielervermittler hinters Licht geführt

Verden – Der 20. Oktober 2012 – er war für den Großteil der Bevölkerung sicher ein ganz normaler Samstag. Das galt jedoch nicht für die Tischtennis-Szene. Denn an diesem Abend waren alle Augen auf die Verbandsliga-Partie zwischen der TuSG Ritterhude II und dem Neurönnebecker TV gerichtet. Verantwortlich dafür waren die Gerüchte um NTV-Spieler Marian Odstrcil. Denn obwohl der Tscheche schon 2008 verstorben war, wurde er vor Saisonbeginn von den Nordbremern als Neuzugang präsentiert. Ein handfester Skandal, der bis heute noch seinesgleichen sucht.

Aber was war nun genau passiert? Beim Tischtennis kam es immer mal wieder vor, dass Vereine aus taktischen Gründen vor der Saison Spieler aufstellten, die im Grunde genommen nie zum Einsatz kommen sollten. Diese „Karteileichen“ dienten dazu, dass andere Spieler zunächst für untere Mannschaften antreten können, ehe sie sich nach drei Spielen als Ersatz in der höheren festgespielt haben. Im Fall des Neurönnebecker TV bekam der Begriff „Karteileiche“ jedoch eine ganz andere, makabere Bedeutung. Denn was sich der TT-Verbandsligist erlaubt hatte, war ein Skandal. Obwohl Marian Odstrcil 2008 verstorben ist, wurde er vom NTV als Neuzugang gemeldet.

Schon vor der Saison hatte es die ersten Gerüchte um die Person Odstrcil gegeben. Allerdings gab es keinen Beweis für sein Ableben. Dass bestätigte seinerzeit auch Lothar Fricke, Staffelleiter der Verbandsliga Lüneburg Nord, der bereits Ende August das erste Mal von den Gerüchten gehört haben wollte. Daraufhin hatte Fricke um eine Stellungnahme bei Neurönnebecks Teammanager Gerhard Richter gebeten. In dieser wurde dem Staffelleiter schließlich mitgeteilt, dass Odstrcil spielfähig sei und und für eine oder zwei Partien aus Tschechien anreisen werde. Als Odstrcil dann in den ersten vier Spielen des NTV nicht zum Einsatz kam und der fünfte Spieltag anstand, wurde nicht nur Fricke hellhörig. Denn laut den Statuten musste damals ein Spieler spätestens in der fünften Partie mitwirken. Ansonsten hätte ein Spieler aus dem unteren Team nachrücken müssen. Somit richteten sich alle Augen auf die Partie des NTV am 20. Oktober in Ritterhude. Aber auch dort tauchte der Tscheche – natürlich – nicht auf und die Bombe platzte endgültig.

Tschechischer Verband bestätigte das Ableben Odstrcils

Für Alexander Semmler, damals im Trikot des Bezirksligisten TV Oyten, der noch in der Saison 2007/08 an der Seite von Odstrcil in Neurönnebeck gespielt hatte, allerdings keine Überraschung. „Marian ist damals während der Saison verstorben. Belegen kann ich das zwar nicht, doch erinnere ich mich noch genau an das Telefonat mit Gerhard Richter, als er mir diese traurige Nachricht überbringen musste.“ Es war daher ein Schock für Semmler, als er im Vorfeld der laufenden Saison die Meldeliste des NTV zu Gesicht bekam.

Marian ist damals während der Saison verstorben. Belegen kann ich das zwar nicht, doch erinnere ich mich noch genau an das Telefonat mit Gerhard Richter, als er mir diese traurige Nachricht überbringen musste

Oytens Alexander Semmler, der in der Saison 2007/008 noch mit Odstrcil in Neurönnebeck gespielt hatte

Dass Odstrcil tatsächlich tot ist, bestätigte dafür auf Nachfrage Vratislav Oslzla. Er war Vorsitzender des TJ Sokol Kostelec, für den Odstrcil vor seinem Engagement in Neurönnebeck aktiv war. „Marian ist schon lange tot. Das kann ich auch belegen. Daher habe ich auch kein Verständnis dafür, wie man ihn jetzt melden kann. Das ist ein Skandal und einfach nur pietätlos“, wetterte Oslzla. Auch Simone Hinz von der Presseabteilung des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) bestätigte seinerzeit nach einer E-Mail des tschechischen Tischtennis-Verbandes das Ableben Odstrcils.

Aber wie konnte so etwas überhaupt passieren? Laut Fricke gab es dafür eine einfache Erklärung. „Natürlich muss der gemeldete Spieler vorher eine Vereinsmitgliedschaft unterschrieben haben. Aber das wird vom Verband nicht überprüft. Danach fordert der Verein online eine Spielberechtigung ein. Damit ist es dann getan.“ Fricke weiter: „Mittlerweile ist Verbandssportwart Dieter Behnen über den Vorfall informiert. Die Nachforschungen laufen also bereits.“

Neurönnebecks erste Mannschaft aus der Verbandsliga zurückgezogen

NTV-Teammanager Gerhard Richter, der mittlerweile verstorben ist, bestritt damals vehement, seinerzeit eine Aussage über den Tod des Tschechen gemacht zu haben, und fühlte sich von einem polnischen Spielervermittler hinters Licht geführt, der ihm den Spieler angedient habe. Demgegenüber standen jedoch die schriftlichen Versicherungen von zwei ehemaligen Neurönnebecker Spielern, wonach Richter sie über das Ableben von Marian Odstrcil schon 2008 informiert habe, und die vom DTTB auch als korrekt eingestuft wurden. Folge: Die Mannschaft des Neurönnebecker TV wurde am 17. Dezember aus der Verbandsliga zurückgezogen.

Dass es im Sport nicht immer nur mit fairen Mitteln zugeht – das demonstrieren immer mal wieder ziemlich kuriose Ergebnisse gerade an den letzten Spieltagen der Saison. Auch die eine oder andere witterungsbedingte Absage eines Fußballspiels ist mitunter nur schwer zu begreifen. Aber einen verstorbenen Spieler für die Saison zu melden – das geht weit über die Grenzen des Erlaubten hinaus. Einfach nur skandalös!

Von Kai Caspers

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Unruh sorgt für Paukenschlag

Unruh sorgt für Paukenschlag

Unruh sorgt für Paukenschlag
Fußballer David Airich kehrt zum TBU II zurück

Fußballer David Airich kehrt zum TBU II zurück

Fußballer David Airich kehrt zum TBU II zurück
Mike Lochny – der vierte Streich

Mike Lochny – der vierte Streich

Mike Lochny – der vierte Streich
Paukenschlag beim TSV Bassen

Paukenschlag beim TSV Bassen

Paukenschlag beim TSV Bassen

Kommentare