„Jetzt kann ich meinen Traum leben“

Ottersberger Rafael Czichos führt Holstein Kiel in die Zweite Liga

Holstein Kiel gegen den SC Paderborn: Rafael Czichos klärt hier sachlich. Die starke Kieler Defensive, in der der Kapitän oft ein Fels in der Brandung war, sorgte überhaupt erst dafür, dass die Störche in die 2. Bundesliga aufsteigen konnten. J Fotos (2): imago
+
Holstein Kiel gegen den SC Paderborn: Rafael Czichos klärt hier sachlich. Die starke Kieler Defensive, in der der Kapitän oft ein Fels in der Brandung war, sorgte überhaupt erst dafür, dass die Störche in die 2. Bundesliga aufsteigen konnten.

Kiel/Ottersberg - Von Frank von Staden. Als der Ottersberger Rafael Czichos am 30. Juni 2010 seine Zelte an der Wümme abbrach, um beim Fußball-Regionalligisten VfL Wolfsburg II anzuheuern, da hatte er nur ein Ziel: „Ich will irgendwann in der 2. oder gar 1. Bundesliga spielen!“

Und dieses Ziel hat der mittlerweile 27-Jährige nun mit seinem jetzigen Klub, den er als Kapitän anführt, endlich erreicht. Mit Holstein Kiel schaffte Czichos den Sprung ins Bundesliga-Unterhaus. Im folgenden Interview verrät der Blondschopf, den die Schleswig-Holsteiner 2016 zum Fußballer des Jahres wählten und der insgesamt 168 Drittliga-Spiele (18 Tore, elf Vorlagen) absolvierte, was das Erfolgsrezept der „Störche“ war, wie das Team tagelang feierte, was er seinem Klub noch zutraut – und auch, wie er seine Zukunft sieht.

Gehen wir gleich ins sportlich Eingemachte: Was war denn nun der Grund, warum es Holstein Kiel mit dem Aufstieg gepackt hat? Immerhin ging es in der abgelaufenen Saison enorm eng in die 3. Liga zu, schnupperten teilweise zehn, zwölf Teams an Deutschlands Eliteliga.

Czichos: Da gibt es sicher nicht nur einen Grund. Zum einen hat bei uns im Team alles gepasst, waren wir ein richtig verschworener Haufen, der in jeder Phase zusammengehalten hat. Zum anderen haben wir am Ende die beste Defensive (Anm.d.Red.: 25 Gegentor in 38 Spielen) gestellt. Im Übrigen die beste aller drei Bundesligen. Aber am Wichtigsten war wohl, dass wir in der Endphase der Saison noch zulegen konnten, 13 Spiele ungeschlagen blieben!

Beste Defensive der Liga – da haben Sie als Innenverteidiger ergo großen Anteil am Erfolg.

Czichos: Einen Anteil, keinen großen. Denn im Profi-Fußball verteidigen ja alle elf Spieler und greifen bis auf den Keeper alle an.

Am vorletzten Spieltag haben Sie dann mit ihrem Team den Aufstieg durch ein 1:0 in Großaspach als feststehender Tabellenzweiter den Aufstieg perfekt gemacht. Was ging Ihnen da nach dem Abpfiff durch den Kopf?

Czichos: Dass ich es endlich geschafft habe. Dass mein Traum endlich in Erfüllung gegangen ist. Und dass ich jetzt diesen Traum leben darf.

Und was ging danach ab, was war danach los in der eigentlichen Handball-Hauptstadt Kiel?

Czichos: Erst einmal war es unglaublich geil, dass uns über 1000 Fans nach Großaspach begleitet und für eine Gänsehautstimmung gesorgt haben. Die haben ja mehr als zehn Stunden Anfahrt in Kauf genommen. Nach dem Abpfiff haben sie das Stadion in ein Tollhaus verwandelt. Später haben uns dann viele Fans am Hamburger Flughafen empfangen. Und was dann eine Woche später im letzten Punktspiel in Kiel gegen Halle abging, ist kaum zu beschreiben. Das war unfassbar. Das war das Schärfste, Beste, Atemberaubendste, was ich je erlebt habe!

Da ist das Ding: Kiels Kapitän Rafael Czichos reckt den Landespokal in die Höhe.

Und die Mannschaft, wie hat die sich belohnt?

Czichos: Wir haben nach dem Spiel in Großaspach spontan drei Tage Mallorca gebucht und gefeiert.

Ehrlich? Hand aufs Herz, da gab es nicht nur Wasser, Cola und O-Saft.

Czichos (lacht): Wer weiß das schon. Aber der Trainer hat uns voll und ganz vertraut. Auch das zeigt, was für eine Einheit wir sind. Außerdem: Das 3:0 über Halle hat ja bewiesen, dass wir den Coach nicht enttäuscht haben. Danach ging die Feierei dann gleich weiter.

Was macht Sie denn so sicher, dass Sie im nächsten Jahr erneut feiern können – den Klassenerhalt?

Czichos: Nun, im Verein stimmen alle Voraussetzungen für die 2. Liga. Und die Mannschaft hat ebenfalls die Reife und Qualität. Da werden uns auch die Neuzugänge noch ein Stück weiter nach vorn bringen. Aber natürlich müssen wir hart an uns arbeiten, uns stetig ein Stück verbessern. Wir wollen allen zeigen, dass wir zweitligatauglich sind.

Was wird der Schlüssel für dieses Ziel sein?

Czichos: Wenn wir in der Defensive genauso ekelig agieren wie in der vergangenen Saison, haben wir schon viel erreicht. Klar ist aber auch, dass es nicht mehr so glatt laufen wird, wie in der 3. Liga. Deshalb müssen wir schnell lernen, mit Rückschlägen umzugehen, müssen daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Über finanzielle Dinge wird gerade in Ihrer Branche ungern gesprochen. Aber Ihr Vertrag, den Sie im November 2016 bis 2019 verlängert haben, wird sich doch in Sachen Gehalt positiv verändern, oder?

Czichos: Ich verrate jetzt sicher kein Geheimnis, dass sich Verträge bei einem Aufstieg verändern. Weniger wird man dann sicher nicht verdienen. Zudem habe ich gerade bis 2020 verlängert.

Was verdeutlicht, dass Sie sich sehr wohl an der Förde zu fühlen scheinen. Czichos und die Störche – das passt scheinbar. Ist Holstein Kiel Ihr Traum-Verein?

Czichos: Nun, ich habe mir im März eine neue Wohnung im Randbezirk direkt am Wasser zugelegt. Das hätte ich nicht getan, wenn ich Kiel verlassen wollte. Aber jeder, der im Fußball Geld verdient, weiß, wie schnelllebig das Geschäft ist. Da kann in einer Saison so viel passieren. Fakt ist aber, dass ich dem Verein einiges zu verdanken habe und deshalb schon sagen kann, dass es passt.

Heißt, wir werden Sie hier in Ihren heimischen Gefilden nicht mehr Fußball spielen sehen?

Czichos (lacht): Man soll niemals nie sagen. So in acht Jahren kann gern einmal ein Verein aus dem Kreis Verden bei mir anfragen. Aber vielleicht schafft es ja auch einmal ein Klub aus der Region in den DFB-Pokal.

Haben Sie überhaupt noch Kontakt in Ihre alte Heimat, zu Personen, mit denen Sie einst in der Oberliga oder Jugend gespielt haben?

Czichos: Nicht wirklich. Zur Familie Denker vielleicht noch am meisten. Die hat auch zum Aufstieg gratuliert. Und von meinem alten Verdener Jugendtrainer Florian Kastens höre ich auch ab und an. Aber ansonsten ist da nicht viel geblieben. Doch ist dafür auch kaum Zeit.

Apropos Zeit: Was macht eigentlich ein Fußball-Profi in seiner Freizeit? Ein Max Kruse zum Beispiel pokert recht gerne – und Sie?

Czichos: Glücksspiel ist für mich überhaupt nichts. Damit habe ich nichts am Hut. Ich mag Basketball, werfe hier und dort ein paar Körbe. Aber am Allerliebsten liege ich auf der faulen Haut!

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

2G-Plus-Regel: Amateursport vor dem Aus

2G-Plus-Regel: Amateursport vor dem Aus

2G-Plus-Regel: Amateursport vor dem Aus
TV Oyten trennt sich von Axel Sammrey

TV Oyten trennt sich von Axel Sammrey

TV Oyten trennt sich von Axel Sammrey
25:20 – Svea Helmke kassiert ein Sonderlob

25:20 – Svea Helmke kassiert ein Sonderlob

25:20 – Svea Helmke kassiert ein Sonderlob
Schmunzeln in der Corona-Krise

Schmunzeln in der Corona-Krise

Schmunzeln in der Corona-Krise

Kommentare