Thorsten Williges muss sich für die Spielerlaubnis in der DDR einbürgern lassen

Erster westdeutscher Profi im Osten

Während Thorsten Williges (l.) hier noch für Verden spielt, zog es ihn im Anschluss als ersten westdeutschen Handballprofi in den Osten zu Empor Rostock. Foto: Archiv

Verden - Von Björn Lakemann. Der aus Verden stammende Thorsten Williges ist mittlerweile 50 Jahre alt und wohnt aktuell in St. Peter Ording. Dort betreibt der zweifache Familienvater eine eigene Praxis für Osteotherapie (Heilmethode für nachhaltige Gesundheit). Die Handballschuhe hat der 1,93 Meter große Rückraumspieler längst an den berühmten Nagel gehängt. Doch denkt Williges an seine aktive Zeit zurück, leuchten die Augen noch immer. Schließlich hatte er 1990 für ein Novum gesorgt. Denn nach der Maueröffnung spielte er als erster westdeutscher Handballprofi im Osten – für Empor Rotock.

Hatte Williges zunächst für die HSG Cluvenhagen/Langwedel und den TSV Verden gespielt, setzte er im Februar 1990 alles auf eine Karte und machte sich auf den Weg nach Rostock. Einen großen Anteil an seiner Entscheidung hatte seinerzeit der Verdener Arndt Wolters, ein Stahlhändler aus seiner Heimatstadt. Denn der hatte nach der Wende sein Glück in Rostock gesucht und war bei Empor als Sponsor eingestiegen. „Er hat mir den Wechsel schmackhaft gemacht. Daher habe ich ihm viel zu verdanken“, so Williges. „Denn für mich war es eine einmalige Chance beim Europapokalsieger und Vereinseuropameister von 1982 spielen zu dürfen.“

Ganz so einfach ging der Wechsel seinerzeit aber nicht über die Bühne. Erst an der Ostsee angekommen, galt es für den Verdener noch eine ziemlich hohe Hürde zu überspringen. Denn ein Passus in der Spielordnung des Handballverbandes, der noch aus der Zeit vor der Wiedervereinigung rührte, besagte, dass nur maximal zwei Ausländer in den Teams spielen durften. Und laut Präsidiumsbeschluss des DDR-Handballverbandes galten Westdeutsche bis zum 31. Dezember 1990 als Ausländer. Da mit den beiden Russen Juri Sacharov und Igor Iwanow aber schon zwei Ausländer das Empor-Trikot trugen, musste Williges handeln. Um für seinen neuen Verein spielen zu können, stellte der Verdener kurzerhand einen Antrag auf Einbürgerung. „Das habe ich beim Ministerium des Innern getan“, erinnert sich Williges. Und am 18. September war es geschafft. 15 Tage vor der Wiedervereinigung konnte der Verdener in Berlin endlich seinen Pass abholen, um ihn freudestrahlend auf der Empor-Geschäftsstelle präsentieren zu können. Nur einen Tag später feierte er sogar sein Debüt. Zwar setzte es für die Rostocker eine 20:25-Niederlage gegen Magdeburg, doch Williges erzielte dabei nicht nur zwei Tore, sondern gehörte nun endlich richtig dazu.

In Rostock betrat Williges eine völlig neue Welt. Während in Verden lediglich dreimal in der Woche trainiert wurde, standen in seiner neuen sportlichen Heimat acht bis zehn Übungseinheiten wöchentlich auf dem Programm. Aber damit hatte der Rückraumspieler überhaupt keine Probleme. Im Gegenteil: „Ich habe jedes Training geliebt und im Anschluss meistens immer noch eine halbe Stunde drangehängt.“ An der Ostsee spielte Williges an der Seite der bekannten Frank-Michael „Potti“ Wahl, Matthias Hahn, Rüdiger Borchardt sowie National-Keeper Jürgen Rohde. Dabei hatte vor allen Dingen Wahl, der erste Ehrenspielführer der deutschen Handball-Nationalmannschaft, bei dem Verdener einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Das war einfach geil, dass ich solche Leute wie ihn kennenlernen durfte“, schwärmt Williges noch heute von seinem ehemaligen Mitspieler.

Zu den sportlichen Höhepunkten zählten für den Verdener in erster Linie die internationalen Vergleiche. Im Europapokal zog er nach Siegen über Wisla Plock (18:24, 29:19) und den HV Tachos Waalwijk (25:15, 31:26) aus den Niederlanden mit den Rostockern sogar ins Viertelfinale ein. Doch das fand ohne ihn statt. Denn nachdem Trainer Reiner Ganschow noch auf ihn gesetzt hatte, wurde der Rechtshänder von dessen Nachfolger Helmut Wilk, der Empor Anfang Februar 1991 übernommen hatte, schlichtweg aussortiert. Williges: „Mit Reiner bin ich gut klargekommen. Er hat auch mal zu mir gesagt, dass ich nicht ganz talentfrei bin.“ Ganz im Gegensatz zu Helmut Wilk, der für Williges keinen Platz im Team hatte. „Du bist ein Westdeutscher und ich mag dich nicht“, erinnert sich der Verdener nur ungern an das damit verbunde Aus für ihn an der Ostsee.

Nach seiner Zeit in der DDR-Oberliga zog es Williges zurück in die Heimat. Dort spielte er die nächsten vier Jahre für den TV Grambke (1) und Eintracht Hildesheim (3) jeweils in der dritten Liga. Was folgte, war eine halbe Saison beim Bundesligisten VfL Bad Schwartau, ehe er von dort zum Zweitligisten nach Wilhelmshaven wechselte. Dort trumpfte er in den nächsten eineinhalb Jahren gewaltig auf, bevor es den Verdener für eine knappe Spielzeit zur SG Achim/Baden zog. Danach ließ er seine Karriere bei der HSG Tarp-Wanderup (Schleswig-Holstein) ausklingen. Auch wenn Williges den Handball aktuell nur noch aus der Ferne verfolgt, steht für den 50-Jährigen eines fest: „Mit dem heutigen Erfahrungsschatz und dem Körper von damals würde ich gerne wieder spielen.“

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