Reiter vertreten sehr unterschiedliche Meinungen zur neuen Helmpflicht

Dressur: Die Beerdigung des Zylinders

Ginge es nach dem Oytener Jörn Kubelke, sollten zumindest die Cracks des Dressurvierecks wählen können, ob sie Zylinder oder doch lieber einen Helm tragen wollen.
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Ginge es nach dem Oytener Jörn Kubelke, sollten zumindest die Cracks des Dressurvierecks wählen können, ob sie Zylinder oder doch lieber einen Helm tragen wollen.

Verden – Seit Anfang des Jahres 2021 gilt im Reitsport für alle deutschen Dressurreiterinnen und Dressurreiter die Helm- oder auch Kappenpflicht (wir berichteten). Damit müssen bis auf die Voltigierer und Westernreiter alle Pferdesportler einen Helm oder eine Kappe tragen. Helm oder Kappe lösen bei den Dressurreitern aus Sicherheitsgründen den traditionellen Zylinder ab. Das hat im Kreis der Aktiven zu viel Kritik, aber auch Zustimmung geführt.

  • Neu Richtlinie der FN besagt, dass Dressurreiter ab sofort nur noch einen Helm tragen dürfen
  • Der Zylinder kann jetzt „nur noch zu Beerdigungen getragen werden“, lässt da Dressurreiter Hannes Baumgart seinen Unmut freien Lauf
  • Viele Reiter zeigen aber auch großes Verständnis

Größte Gegnerin der Helmpflicht in den Vier- und Fünf-Sterne-Prüfungen ist die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt, Isabel Werth: „Ich habe eine Umfrage gestartet. 97 Prozent der von mir Befragten sind für eine freie Wahl und nicht für eine Helmpflicht“, sagt die Dressurkönigin. Sie hat bis heute nicht davon gehört, dass es im Dressursport in der Grand Prix Klasse schon einmal einen schwerwiegenden Unfall gegeben hat.

Es gibt aber auch Dressurreiter, die für eine komplette Helmpflicht sind. Sönke Rothenberger (Bad Homburg) reitet zum Beispiel nur mit Helm und auch Vielseitigkeits-Europameisterin Ingrid Klimke (Münster) trägt in der Dressur immer einen Helm. Im US-Verband ist der Helm schon lange Pflicht, was die WM-Zweite Laura Graves unterstützt. „Das ist, als wenn man den Sicherheitsgurt im Auto anlegt und das stellt doch auch niemand infrage“, wundert sich Graves.

Isabel Werth outet sich als große Gegnerin der Verordnung

Der deutsche Disziplintrainer Dressur heißt Jonny Hilberath und ist im Kreis Verden kein Unbekannter. Der 65-Jährige ist in Abbendorf (Kreis Rotenburg) zu Hause. Er vertritt folgende Meinung: „Grundsätzlich sollte es jedem Seniorenreiter (über 25 Jahre) überlassen bleiben, ob er seine Dressurprüfung mit Zylinder oder Helm reitet. Es gibt keinerlei Statistik, dass sich ein Reiter bei einer Dressurprüfung eine Kopfverletzung zugezogen hat. Das Tragen eines Helms auf dem Abreiteplatz kann ich mir aber gut vorstellen“, sagt Jonny Hilberath.

Wir haben einige Dressurcracks aus unserer Region um eine Stellungnahme zu diesem durchaus umstrittenen Thema gebeten. Der bekannteste und erfolgreichste Dressurreiter im Kreis Verden, Hannes Baumgart (RV Aller-Weser), hat folgende Meinung: „In den oberen Kategorien ab Klasse S halte ich es für Quatsch, denn das Unfallrisiko ist in diesen Klassen praktisch gleich null. Aus kulturellen Gründen gehört ein Zylinder in der Grand Prix-Klasse dazu. Ich kann meinen Zylinder jetzt, der immerhin rund 1300 Euro gekostet hat, höchstens noch zu Beerdigungen aufsetzen“, schüttelt der Dressur-Crack da nur den Kopf. „In allen Jungpferdeprüfungen und bei den Jugendlichen ist das Tragen eines Helmes gut und auf jeden Fall erforderlich“, schränkt der Döhlberger aber ein.

Hannes Baumgart

In den oberen Kategorien ab Klasse S halte ich es für Quatsch, denn das Unfallrisiko ist in diesen Klassen praktisch gleich null. Aus kulturellen Gründen gehört ein Zylinder in der Grand Prix-Klasse dazu. Ich kann meinen Zylinder jetzt, der immerhin rund 1300 Euro gekostet hat, höchstens noch zu Beerdigungen aufsetzen!

Hannes Baumgart (RV Aller-Weser)

Jörn Kubelke (RV Aller-Weser), der in Oyten einen Ausbildungsstall betreibt, ist der Meinung, „dass ein Helm bei Jungpferdeprüfungen und im ländlichen Bereich erforderlich ist. Nicht aber in S-Dressuren, auch nicht bei den Amateuren, denn da sind die Pferde so gut geschult, dass jeder Reiter selbst wählen sollte, ob er mit Zylinder oder Kappe startet. Passieren kann überall etwas, aber bei den gut geschulten S-Pferden ist es so gut wie ausgeschlossen.“. Die Sottrumerin Anja Rietbrock sieht es ähnlich: „Mit einem Zylinder ist es natürlich ästhetischer, aber wir können an dieser neuen Regelung nichts mehr ändern. Wir haben uns ja inzwischen auch schon an die Kappe durch das Tragen bei den Jungpferdeprüfungen gewöhnt. So schlimm ist es nun ja auch wieder nicht. In den USA wird gar nicht danach gefragt. Wer dort ohne Kappe erwischt wird, wird richtig hart bestraft.“

Auch Nadine Husenbeth (RV Sottrum) findet die Einführung der Helmpflicht völlig in Ordnung. „Wir haben als Dressurreiter auch eine Vorbildfunktion. Zudem geht die Sicherheit auch in dieser Sportart über alles. In den Jungpferdeprüfungen ist eine Kappe schon lange Pflicht und kein Problem. Außerdem sind die heutigen Helme so bequem und so cool, dass ich voll hinter dieser neuen Sache stehe.“ Von der neuen Regelung überzeugt ist Turnierrichterin, Ausbilderin und aktive Reiterin Kassandra Mohr (RC Hagen-Grinden): „Traditionen hin oder her. Ich finde die neue Regelung konsequent und richtig. Wir alle sollten Vorbilder für die Kinder und Jugendlichen sein. Und die Sache dient der Sicherheit Da ist eine Kappe genau richtig.“

Reiten mit Kappe ist für Heide Hellwinkel ein klarer Stilbruch

Heide Hellwinkel (PSG Barnstedt), die in ihrer erfolgreichen Laufbahn viele S-Dressuren gewonnen hat, sieht die neue Regelung mit gemischten Gefühlen: „Das Reiten mit einer Kappe in Grand Prix-Prüfungen ist ein absoluter Stilbruch. Die Pferde, die hier starten, sollten eigentlich so gut ausgebildet sein, dass das Risiko gegen null strebt. Daher ist hier eine Kappe, außer vielleicht bei der Siegerehrung, wenn die Pferde abgelenkt sein können, nicht erforderlich!“

Die Barnstedterin Heide Hellwinkel sieht die neue Regelung mit gemischten Gefühlen. Archiv

Maja Schnakenberg (RV Hülsen-Aller), eine der talentiertesten Dressurreiterinnen im Kreis Verden, begrüßt die neue Regelung, auch wenn sie eine Ausnahme bei Olympia und bedeutenden Prüfungen akzeptieren würde. „Da sind die Pferde so gut ausgebildet, dass nichts passieren wird. Für alle Jugendlichen bis 18 Jahre und auch auf dem Abreiteplatz halte ich dagegen eine Kappe für unbedingt erforderlich“, sagt die noch 17-Jährige.

Fazit damit: Die Helmpflicht hat sich bei Jungpferdeprüfungen bewährt und wird auch bei den Reitern akzeptiert. Das Problem scheinen die Grand Prix-Prüfungen. Hier werden von vielen Dressurreitern aus ästhetischen und kulturellen Gründen weiterhin Frack und Zylinder gewünscht. Doch für die FEI steht nicht die Ästhetik und die Kultur an erster Stelle, sondern die größte Sicherheit der Reiterinnen und Reiter. Daher trat diese neue Regelung am 1. Januar 2021 in Kraft und wird auch nicht mehr umgestoßen..

Von Jürgen Honebein

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