Erinnerungen vom Ex-Aushängeschild der LGKV

Als Spöttel den Mauer-Fall verpasste

Michael Spöttel 1982 als Deutscher Meister über 25 Kilometer im Ziel.
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Einer der größten Triumphe: Michael Spöttel 1982 als Deutscher Meister über 25 Kilometer.

Er war ein Riesen-Aushängeschild der LG Kreis Verden: Michael Spöttel feierte Deutsche Meistertitel, trug das Nationaltrikot und hält heute noch den Niedersachsenrekord im Marathon. Der 63-jährige Bremer blickt auf seine Karriere zurück.

  • Michael Spöttel wird als Verdener 1979 Deutscher Marathon-Meister
  • Während des Mauerfalls als Läufer in Ostafrika unterwegs
  • Universiade in Kanada das gefühlsmäßige Highlight

Achim/Verden – Wenn Michael Spöttel auf seine Karriere zurückblickt, muss er nicht lange überlegen: „Mein größter sportlicher Erfolg war sicher der Deutsche Meistertitel 1979 im Marathon. Ein richtiges Hitzerennen in Hamburg-Harburg, das ich in 2:20:15 Stunden gewonnen habe.“ Wenn der Bremer, einst Aushängeschild der Leichtathletik-Gemeinschaft Kreis Verden, von seinem schönsten Erlebnis erzählen soll, braucht er jedoch ein bisschen Bedenkzeit: „Es gab viele Events, an die ich mich gerne erinnere. Ein absolutes Highlight steht gefühlsmäßig aber über allen anderen. Das war die Universiade 1883 in Edmonton. Eine richtig tolle Veranstaltung mit Sportlern aus aller Welt.“ Dass Spöttel bei dieser globalen Studentenmeisterschaft auch noch Bronze im Marathon geholt hat, rundet das Bild von der der traumhaften Reise nach Kanada natürlich ab.

In Erinnerungen schwelgen vertreibt dem 63-Jährigen, der seit 2015 in Woltmershausen wohnt und ein Modegeschäft führt, ein bisschen die Zeit in der Coronavirus-Pandemie. Zwar kann Spöttel jeden zweiten Tag seiner Leidenschaft, dem Laufen, frönen, aber die persönlichen Kontakte fehlen doch sehr: „Ich gehe gerne ins Kino, ins Theater oder ins Restaurant. Das fällt natürlich im Moment alles flach. Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich die Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie für absolut richtig halte.“

Gegen Corona gerüstet: Michael Spöttel daheim im eigenen Garten.

Da der promovierte Ethnologe extrem viel liest – Literatur, Wissenschaft, Politik – und auch aktuell äußerst interessiert am Geschehen ist, fühlt er sich in seinem persönlichen Wirkungskreis gar nicht mal so ungeheuer eingeschränkt: „Im Sommer habe ich mich viel um Haus und Garten gekümmert. Und das Laufen funktioniert ja ebenfalls ganz gut in der Umgebung.“ Wobei Covid-19 natürlich im Geschäft schon seine Spuren hinterlässt. In dem wirkt der Einzelhändler nicht im Verkauf, sondern eher im Hintergrund zum Beispiel in der Buchführung: „So zwei, drei Jahre möchte ich den Laden schon noch führen.“ Berufliche Alternativen ergaben sich nie so richtig, vor 15 Jahren haben Spöttel und Ehefrau Andrea zwei Pflegekinder angenommen: „Sich darum zu kümmern, erforderte immens großen Aufwand.“

Dem Laufen indes blieb der Teilnehmer der Marathon-WM 1987 immer treu. Angesteckt von der Leidenschaft war Spöttel durch Fernsehbilder von Länderkämpfen geworden: „Da ging es zwischen Deutschland und den USA hoch her, auch gegen Russland gab es immer heiße Rennen.“ Also fing der Schüler des Verdener Domgymnasiums – dort machte er 1974 das Abitur – mit regelmäßigem Lauftraining an. „Das war im Herbst 1970, als 14-Jähriger habe ich dann bei den Schülerkreisbestenkämpfen den 1000-Meter-Lauf gewonnen.“

Der erste Erfolg: Die LGKV-Mannschaft mit Michael Spöttel, Jürgen Schulze und Ulf Ranke (von links) wurde 1972 Deutscher Meister im Waldlauf.

Flugs holte ihn die Leichtathletik-Abteilung des TSV Verden in den Verein, die Leistungssport-Karriere in der LGKV konnte starten. Gleich 1972 gab es mit dem von Helmut Behrmann trainieren Team erste Erfolge, die B-Jugendmannschaft wurde in diesem Jahr deutscher Meister im Waldlauf. An die Aller hatte es den im hessischen Bad Nauheim geborenen Spöttel übrigens 1965 verschlagen.

Schnell merkte der Athlet, wie sehr gewonnen Rennen Hormone ausschütten können – jeder Sieg stachelte mehr und mehr an: „Erfolge haben mich richtig glücklich gemacht. Ich habe mir immer neue Ziele gesetzt, wollte weiter nach oben und irgendwann der Beste in Deutschland werden. Daher genoss der Sport für lange Zeit absolute Priorität.“

Und die Liste der Triumphe kann sich sehenlassen: 1977 folgten der DM-Titel über 10 000 Meter bei den Junioren sowie mit der Cross-Titel mit der Mannschaft. Dem Marathon-Gold 1979 schloss sich drei Jahre später der nationale Titel über 25 Kilometer an. In seiner Vita hat Spöttel weiter sechs DM-Vizetitel stehen, 16 Mal trug er bei Länderkämpfen das Nationaltrikot. Und 1984 stellte er einen Niedersachsen-Rekord auf, der bis heute Bestand hat – 2:12:53 Stunden im Marathon. „Das ist auch meine Bestleistung über die klassische Distanz“, berichtet er nicht ohne Stolz. Vorher hatte der LGKV-Athlet bereits 1975 einen Niedersachsen-Rekord der Jugend über 10 000 Meter auf der Bahn mit 30:41 Minuten aufgestellt – ebenfalls bisher unerreicht.

Die 25 Kilometer und der Halbmarathon stehen noch vor den 10 000 Metern und dem Marathon

Michael Spöttel über seine Lieblingsstrecken

Einen ganz hohen Wert schreibt der Bremer dem 25-Kilometer-Titel von 1982 zu: „Diese Distanz und der Halbmarathon sind zu meinen Lieblingsgtrecken geworden und stehen noch vor den 10 000 Metern sowie dem Marathon.“ Das gefühlt schnellste Rennen absolvierte Spöttel indes 1983 in Bremen, was aber keinen Niederschlag in den Ergebnislisten fand: „Ein Schwede und ich hatten schon nach einem Kilometer immensen Vorsprung vor dem Feld. Da bog ein Führungsfahrzeug an der Hollerallee falsch ab und wir verloren eine Minute. Alle anderen Läufer nahmen den richtigen Kurs.“

Die kurioseste Anekdote stammt allerdings aus dem Jahr 1989. Spöttel, seinerzeit Völkerkunde-Student in München, weilte einige Wochen in Ostafrika, „wo viele erstklassige Läufer herkamen.“ Der Deutsche absolvierte Läufe in Tansania und Ruanda, bekam von Demonstrationen in der damaligen DDR nichts mit. „Ein Fahrer sagte mir dann auf Französisch, dass es nur noch ein Deutschland gebe. Ich konnte das überhaupt nicht glauben und habe mich in der Deutschen Botschaft erkundigt, was geschehen war. Dort wurde mir dann vom Mauerfall berichtet.“ So wird sich Spöttel sein Leben lang daran erinnern, wo er zu diesem wichtigen Zeitpunkt gewesen ist.

Reisen bleiben eines seiner Steckenpferde: Michael Spöttel konnte sich 2020 am Schwedeneck so richtig entspannen.

Ebenfalls schmunzeln muss der LGKV-Athlet über ein Ereignis aus dem Jahre 1972, als es nach sommerlichem Training in Dänemark zu einem Rennen nach Essen ging. Der 16-Jährige war alleine im Zug gefahren. Dort angekommen, ereilte ihn die Nachricht, dass das auf Aschenbahn geplante Event wegen heftigen Regens ausfallen würde. „Ich wollte aber unbedingt laufen, habe dann in Essen übernachtet und bis am Folgetag nach zu einem Rennen nach Rhede gefahren. Alles, ohne meinen Eltern Bescheid zu sagen.“ Auf der Rückfahrt musste ihn der Vater dann vom Bremer Hauptbahnhof abholen – das anschließende Gespräch bleibt unübermittelt.

Reisen wurden in der aktiven Zeit zur zweiten Leidenschaft des Mannes, der mehrere Studienabschlüsse besitzt – vornehmlich in Länder, die er ohne seinen Sport nicht zu Gesicht bekommen hätte: „Ich habe alles mitgenommen, was es gab. Nach Bulgarien, CSSR, in die DDR oder Polen wären als Privatperson damals ja unmöglich gewesen. Durch meine Lauferei konnte ich all diese Länder kennenlernen.“ Südamerika hat Spöttel ebenfalls besucht, in den USA hat er sogar drei Monate gelebt: „Da bin ich zum Training nach Los Angeles gereist.“

Traurig über Ausfall der 50-Jahr-Feier der LGKV

Zu großen Veranstaltungen zieht es den Bremer heutzutage zumindest nicht mehr. Die bisher letzte Tour führte ihn 2018 zur Leichtathletik-EM nach Berlin. „Was sich im Laufbereich abspielt, schaue ich mit mittlerweile nur noch im Fernsehen an. Oder im Internet, wo ja viel über Livestreams gesendet wird“, genießt Spöttel die Events im heimischen Wohnzimmer. Ein Besuch ist aber trotzdem geplant: 2022 stehen die kontinentalen Wettbewerbe in München auf dem Programm. „Dort werde sich sicherlich hinfahren, wenn es meine Gesundheit erlaubt“, meint der Woltmershauser.

Traurig ist Spöttel, dass im März 2020 eine Riesenparty gestrichen werden musste. In Bierden sollte das 50-jährige Bestehen der LGKV gefeiert werden: „Ich war sogar in die Organisation eingebunden. Wir hoffen alle, dass wir das alles im Herbst nachholen können.“ Denn mit alten Kollegen zusammenkommen und Erinnerungen austauschen – das findet Spöttel immer noch hochinteressant. So fiel kurz vor Weihnachten der Trip zu einem guten Freund nach Darmstadt aus, der seinen 80. Geburtstag begehen wollte: „Sehr schade, aber nicht zu ändern. Wir haben uns jedes Jahr vor dem Fest bei ihm getroffen.“

Bleibt die Hoffnung, dass sich im Verlauf dieses Jahres die Situation entspannt und viele Treffen mit Ex-Mitstreitern stattfinden können. Sicherlich werden dann auch wieder Erinnerungen ausgetauscht – und Michael Spöttel wird über seinen größten sportlichen Erfolg berichten müssen. Oder von der unvergessenen Universiade.

Von Ulf von der Eltz

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