„Bei uns wird´s ungemütlich“

Im zweiten Oberliga-Jahr erwartet den TuS Rotenburg ein Hauen und Stechen

Tim Kesselring, Daniel Barkholdt, Sascha Nijland, Nick Dräger und Jan Nowosadtko (v.l.) sind neu im Kader der TuS Rotenburg für die Oberliga. - Foto: Goldstein
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Tim Kesselring, Daniel Barkholdt, Sascha Nijland, Nick Dräger und Jan Nowosadtko (v.l.) sind neu im Kader der TuS Rotenburg für die Oberliga.

Rotenburg - Von Matthias Freese. Sie spielen immer noch in der Oberliga Nordsee, die Handballer des TuS Rotenburg. Doch die Namen der Gegner klingen irgendwie nach mehr: VfL Fredenbeck, OHV Aurich, ATSV Habenhausen – die Absteiger aus der 3. Liga haben das Aussehen der vierthöchsten deutschen Staffel drastisch verändert. Für den Vorjahressiebten von der Wümme wird die zweite Saison in diesen Sphären trotz eines breiteren Kaders ein Überlebenskampf mit ungleichen Voraussetzungen. Und der beginnt heute (19 Uhr) mit dem Derby bei der SG Achim/Baden.

„Ich verliere nicht gerne“, betont Coach Nils Muche, der in seine inzwischen vierte Saison mit dem TuS Rotenburg geht. Der am Spielfeldrand auch verbal sehr aktive Hufschmied aus Schneverdingen wird sich aber womöglich auf die eine oder andere Niederlage mehr einstellen müssen, als noch in der Debütantensaison. Was nicht nur an der vermeintlich stärkeren Konkurrenz liegt. Die Wümme-Sieben ist für viele Kontrahenten längst nicht mehr der unbekannte und unbekümmerte Aufsteiger, sondern ausrechenbarer geworden. Hinzu kommt, dass alle Vereine ab dieser Spielzeit ein Video ihrer jeweiligen Heimpartien innerhalb von 48 Stunden bei der Online-Plattform sportlounge.tv einstellen müssen, sodass die anderen Clubs sich über die Datenbank vorbereiten können. „Wir werden gläsern“, sagt Teammanager Michael Polworth. „Aber die meisten kennen uns und wissen um unsere Knackpunkte.“

Offensichtlich ist, dass der TuS Rotenburg bisher stark vom Tempospiel und seinem Linksaußen Lukas Misere abhängig war. Der 23-Jährige war schließlich mit 208 Treffern der Top-Torjäger der Liga in der vergangenen Saison. Allerdings betrieb die Mannschaft auch gerade defensiv einen hohen Aufwand und überschritt dabei bisweilen die Grenzen des Erlaubten. Mit elf Roten Karten und 134 Zeitstrafen waren die Rotenburger die Rüpel der Klasse. Im Einzelranking der Zeitstrafen lag Christian Hausdorf auf Platz zwei, Klaas-Marten Badenhop folgte als Fünfter. „Wir haben durch unsere Spielweise aber auch viele Punkte geholt und aufgezeigt, dass es bei uns ungemütlich wird“, bemerkt Polworth. Also wird das Team ähnlich robust zu Werke gehen.

„Um zu bestehen, müssen wir zu Hause alles gewinnen und alles mitnehmen, was wir bekommen könnnen“, weiß auch Lukas Misere um das Hauen und Stechen, was auf sein Team zukommmt: „Ich schätze diese Saison als die schwerste Oberligasaison ein. Absteiger wie Aurich, Habenhausen und Fredenbeck werden sich um die ersten Plätze streiten. Zudem sind starke Mannschaften wie der TV Cloppenburg und VfL Edewecht dabei. Außerdem werden wir hitzige Derbys gegen den TSV Bremervörde, Achim/Baden und Habenhausen haben, in denen alles passieren kann.“ Sein Ziel lautet deshalb: Nichtabstieg mit Ambitionen nach oben.

Damit liegt er in etwa auf einer Linie mit der sportlichen Leitung. „Zwischen Platz sieben und fünf“, nennt Muche seine Vorgabe: „Aber es kann bei der Liga auch Rang zwölf werden.“ Er weiß, dass manch anderes Team seinen Jungs vor allem die höherklassige Erfahrung voraus hat und dann „die richtige Entscheidung mit der nötigen Coolness“ trifft. „Wir können uns nicht mit Fredenbeck oder Aurich vergleichen. Aber Geld ist auch nicht alles“, spielt der Trainer auf den Rotenburger Teamspirit an.

Im Gegensatz zu manch anderem Verein geht es in der Kreisstadt finanziell äußerst bodenständig zu. „Wir zahlen Fahrtkosten hier und da, es gibt auch mal ein warmes Essen – aber keine großen Aufwandsentschädigungen“, betont Polworth, der als Stellvertreter von Handball-Boss Friedrich Behrens der zweite starke Mann in der Abteilung ist. So haben sie auch trotz des leicht erhöhten Etats schnell die Augen aufgerissen, noch bevor der Traum von der 3. Liga sich in ihren Köpfen zu entwickeln begann. „Das können wir uns nicht leisten“, erklärt Polworth. Ganz abgesehen vom Backeverbot in der Pestalozzihalle, was eine Klasse höher nicht aufrechtzuerhalten wäre. Rhetorisch fragend fügt er an: „Wollen wir in der 3. Liga gegen den Abstieg spielen und Geld verbrennen oder attraktiven Handball mit den eigenen Jugendlichen zeigen?“ Der TuS Rotenburg ist doch eher der Ausbildungsverein, der versucht, möglichst den Nachwuchs an den Verein zu binden – wenn nicht Studium oder Beruf wie so oft das verhindern. „Unser Ziel ist es, dass 70 Prozent der Mannschaft aus der eigenen Jugend kommen und der Rest aus der Umgebung“, sagt der Teammanager.

Genau diese Maßgabe trifft auch auf die Neuen im insgesamt 21-köpfigen Kader zu. Mit Nick Dräger (zuletzt SV Beckdorf II) kehrt ein Rotenburger Eigengewächs nach viereinhalb Jahren und zwei Kreuzbandrissen zurück. Vom Nachbarn TV Sottrum schließt sich der wurfgewaltige Linkshänder Sascha Nijland dem Team an. „Ich weiß, dass er gut ist, aber er muss noch weiter zulegen“, sagt Muche. Außerdem rücken die Talente Tim Kesselring, Daniel Barkholdt und Jan Nowosadtko hoch – sie gehören zum sogenannten Anschlusskader, werden aber zunächst wohl hauptsächlich mit einem Tribünenplatz vorliebnehmen müssen – wie manch anderer der etablierten Kräfte auch. „Sie sollen sich nicht ausruhen, sondern sich anstacheln“, will Muche mit dem breiten Kader den Konkurrenzkampf anheizen und die Zukunft in der Oberliga sichern.

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