Interview

Jörn Leiding über die Corona-Folgen und die Aufgabe des KSB: „Wir wollen ein Leuchtturm sein“

Vorsichtig optimistisch: Jörn Leiding, Vorsitzender des Kreissportbundes.
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Vorsichtig optimistisch: Jörn Leiding, Vorsitzender des Kreissportbundes.

Rotenburg/Sottrum – 2020 war für Sportlerinnen und Sportler, Sportvereine und -verbände gleichermaßen ein schwieriges Jahr, auf das nur wenige mit Freude zurückblicken. Im Interview mit Jörn Leiding (47), dem Vorsitzenden des Kreissportbundes, der zudem noch dem TV Sottrum vorsteht, klingt aber auch Optimismus durch.

Welche Schlagzeile wünschen Sie sich für 2021?

Oh. Meine Lieblingsschlagzeile wäre: Sport wieder bedenkenlos möglich! Das wäre eine gute Überschrift, die würde ich schön finden. Je früher, desto besser.

Bis dahin dürfte es noch dauern. Aber wie hat die Corona-Pandemie eigentlich die Arbeit des Kreissportbundes verändert?

Erst einmal haben wir komplett umgestellt auf eine digitale Arbeitsweise, was die Vorstandssitzungen angeht. Und alles, was in der Beratung geht, wird telefonisch gemacht. Das ist im Doing die größte Umstellung. Ich selber habe noch nie so viele Landessportbund-Termine gehabt, bin aber dafür noch nie so selten nach Hannover gefahren. Die Meetings sind zwar häufiger, der effektive Aufwand ist aber geringer. Das gestaltende Element ist uns leider völlig weggebrochen, es ist ein rein reagierendes Arbeiten gewesen. Man liest die Leitlinien, die Kanzlerin und Ministerpräsidenten beschlossen haben, wartet ab, was Ministerpräsident Weil für Niedersachsen sagt, dann der Landrat für den Landkreis schreibt, um den Vereinen mit dieser Zeitverzögerung fundierte Aussagen geben zu können. Aber dann wissen wir noch gar nicht, was die einzelnen Gemeinden machen. Wir wollen und versuchen, in dieser Gemengelage ein Leuchtturm zu sein. Ob wir es sind, müssen die Vereine beurteilen. In der täglichen Routine war es ein Gucken, was möglich war. Gott sei dank sind vom Landessportbund alle Übungsleiterlizenzen stumpf verlängert worden – die einzig sinnvolle Entscheidung.

Können Sie auch sagen, wie viele Vereine aus dem Kreis Corona-Hilfen beantragt haben?

Wir können unterstützen, aber wissen letztlich auch nicht, wer Geld bekommen hat. Es gibt ja viele unterschiedliche Förderprogramme, das aktuell größte ist die Corona-Hilfe des Landes mit sieben Millionen Euro. Die wird aber extrem wenig in Anspruch genommen, weil dort der Satz drin, dass ein Verein in seiner Existenz bedroht sein muss. Viele Vereine sind dann nicht über die Brücke gegangen, weil sie noch Rücklagen haben. Hier haben wir mehr als einmal Hinweise gegeben. Ein anderes Programm ist das von der Deutschen Ehrenamtsstiftung zum Thema Digitalisierung. Da geht es um 80 Prozent Finanzierung der IT. Da sind 12 500 Anträge eingegangen. Da hat man gesehen, es ist Bedarf da.

Wie groß sind denn die Sorgen der Vereine?

Was die finanzielle Schieflage angeht, da kommen die Auswirkungen erst im neuen Jahr so richtig. Was sich aber schon zeigt: Je größer ein Verein ist, desto größer ist in der Regel auch der Mitgliederverlust. In Lüneburg sind es bis zu 20 Prozent. Die kleinen Vereine sagen eher, dass alle bleiben. Auch wir beim TV Sottrum mit unseren bisher 2 000 Mitgliedern haben Verluste, das sind mit Sicherheit dieses Jahr 200 Mitglieder. Zehn Prozent ist normal, das zieht sich durch fast alle Vereine, etwa durch Studenten, die wegziehen. Aber die Zugewinne wie sonst, die hast du 2020 nicht. Die Frage ist ja: Wie lange halten die Mitglieder den Lockdown durch. Entweder sie weichen aus auf Individualsport oder die Vereine finden eine Onlinelösung, was im ersten Lockdown eine super Maßnahme war. Aber strategisch gesehen ist das auch eine Gefahr. Die Leute kommen immer besser damit zurecht. Vielleicht ist es ihnen dann egal, ob der Yogalehrer in Bayreuth ist oder in Sittensen. Je länger der Lockdown dauert, je kritischer ist es deshalb. Es braucht danach erst einmal wieder eine Anlaufzeit, zurück in den Modus zu kommen, weil die Gewohnheit, regelmäßig zum Vereinssport zu gehen, nicht mehr da ist.

Wer leidet am meisten unter den „geschlossenen“ Sportvereinen?

Die größten Verlierer sind auf der einen Seiten die Risikogruppen, also alle Seniorensportarten. Da ist der Sport häufig auch der einzige soziale Kontakt. Eine große Gruppe ist auch die der kleinen Kinder. Und dann sind natürlich die ehrenamtlich engagierten Übungsleiter große Verlierer.

Gibt es womöglich auch Gewinner? Tennis oder Golf zum Beispiel?

Ich denke, das sind erst einmal alle Individualsportarten und die, die draußen funktionieren, die eine gewisse Neugier wecken. Bei uns in Sottrum hat etwa die Leichtathletik im Trainingsbetrieb einen Zulauf bekommen, als der noch erlaubt war. Aber eine Wanderung zwischen den Sportarten kann man erst dann betrachten, wenn alles wieder erlaubt ist.

Wie kann der Kreissportbund aktuell helfen?

Der LSB und wir als KSB sind motiviert, an die Sorgen und Nöte der Vereine heranzukommen, um zu wissen: Was braucht ihr denn? Da könnte die Resonanz durchaus größer sein, damit wir reagieren können. Es ist ja Geld im System, was man daran sieht, dass wir viele Förderprogramme haben, die teilweise wenig genutzt werden. Andere Dinge funktionieren dafür hervorragend, zum Beispiel der Sportstättenbau in den letzten beiden Jahren. Da haben die Vereine die Coronazeit genutzt. Im LSB-Topf sind 10,5 Millionen Euro, beantragt wurden 14 Millionen. Durch die Mehreinnahmen der Toto-Lotto-Stiftung in Höhe von 1,8 Millionen gehen 1,3 Millionen davon zusätzlich in den Sportstättenbau.

Also genießt der Sport trotz Lockdown einen hohen Stellenwert?

Es ist unstrittig, dass Sport an sich wichtig für die Gesellschaft und jeden Einzelnen ist. Darum freue ich mich über jede Möglichkeit, wo man mit mehr als einer Person Sport treiben kann. Darum finde ich es total gut, dass die Vereine zwischen dem ersten Lockdown und jetzt die Möglichkeit hatten, wieder hochzufahren. In Niedersachsen wurde ganz gute Lobbyarbeit gemacht, der Sport wird wahrgenommen. Nichtsdestotrotz finde ich es wichtig, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, wenn Sport wieder möglich ist, und den Vereinen die Chance zu geben, sich über einen Mehrwert wieder interessant zu machen.

Wann rechnen Sie denn mit der Rückkehr auf die Sportplätze?

Ich bin kein Hobbyvirologe. Aber wenn wir bei einem Inzidenzwert sind, von dem alle überzeugt sind – ob 50 oder 75 –, dann sollte Sport auch wieder möglich sein. In dem Wissen, dass es für alle Beteiligten maximal herausfordernd ist: Der Aufwand ist es wert, um kleine Lichtblicke zu setzen.

Und wann ist ein „normaler“ Sportbetrieb mit Wettkämpfen und Punktspielen wieder möglich?

Persönlich glaube ich, dass es noch vor Ostern schwierig ist, richtig Sport mit Publikum, in engem Kampf, mit Vollkontakt zu betreiben. Ich bin grundsätzlich Optimist. Wenn man sich aber den Spielbetrieb anguckt, ist absehbar, dass die Saison 2020/2021 schwierig bis gar nicht machbar ist – egal ob im Fußball oder Badminton oder sonst wo. Jeder Verband hat für sich einen Weg gefunden. Daher ist meine Hoffnung, dass die Saison 2021/2022 wieder so funktioniert, wie wir es kennen. Ich hoffe, dass der sportliche Ehrgeiz nur bis Sommer eingeschränkt ist.

Mal ehrlich: Gibt es aus Sicht des KSB auch irgendetwas Positives aus 2020 zu berichten?

Ja, wir haben wieder ein Vorstandsmitglied Finanzen, und ich finde es total gut, dass sich Christian Thiessen aus Bremervörde proaktiv entschieden hat, sich für den KSB zu engagieren. Damit sind wir, seit ich dabei bin, erstmals wieder komplett besetzt. Positiv ist weiterhin, dass wir eine so hohe Nachfrage nach der Sportstättenförderung haben. Positiv ist, dass der Landkreis immer an unserer Seite steht. Die Vereine können froh sein, dass sie hier zu Hause sind. Der Landkreis gibt allein 92 000 Euro für Übungsleiter und fördert zudem parallel zu uns die Sportstätten. Es gibt wenige Kreise, die so viel Geld in die Sportvereine pumpen. Und ich bin in diesem Zusammenhang auch froh, dass bisher nicht geplant ist, Sporthallen als Impfzentren zu nutzen. Positiv ist auch das Thema Integration in und durch Sport. Die Fördermittel für 2021 sind gerade verlängert worden. Da ist richtig PS auf der Straße.

Was ist Ihr größter sportlicher Wunsch für 2021?

Mein Wunsch ist, dass alle Vereine möglichst unbeschadet da rauskommen, gerade in den kleinen Ortschaften sind die Vereine eine große soziale Komponente. Wenn die nicht mehr da wären, würde man es deutlich merken. Außerdem würden wir gerne am 9. Oktober in der Pestalozzihalle in Rotenburg eine tolle Jubiläumsveranstaltung machen – wir werden nämlich 75! Unter dem Motto: Vom Ehrenamt fürs Ehrenamt. Wir planen eine Würdigung des Ehrenamts, wollen sportliche Highlights unserer Vereine zeigen und das Tanzbein schwingen. Wir haben uns eine Deadline bis Ostern gesetzt, ob wir es dann auch machen. Ansonsten ist 2021 auch ein Jahr voller Veranstaltungen. Es ist quasi 2020 und 2021 in einem. Ich erwarte da einen extrem getakteten Terminkalender, an jedem Wochenende eine Jubiläumsveranstaltung und viele Meisterschaften, die hoffentlich alle stattfinden können. Wichtig ist aber, dass alle Beteiligten ein gutes Gefühl dabei haben.

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