„Wir sind der Motor“

Frank Hensel spricht über Rotenburg, Niklas Kaul und die Rolle der Leichtathletik

Frank Hensel begann in Rotenburg mit der Leichtathletik, war lange Jahre Generalsekretär des DLV und ist inzwischen im Europäischen Verband einer der Entscheider.

Rotenburg - Wikipedia schweigt sich aus. Ein Eintrag zu Frank Hensel findet sich in der Online-Enzyklopädie nicht. Dabei ist der 69-Jährige einer der wichtigsten deutschen Sportfunktionäre – er gehört zum geschäftsführenden Präsidium des Europäischen Leichtathletik-Verbandes (EAA) und war lange Jahre Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Am Samstag ist der ehemalige Zehnkämpfer Ehrengast in der Rotenburger Pestalozzihalle bei der Abschiedsgala von Rolf Ludwig, dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Rotenburger Sportvereine. Im Interview spricht er über seine Anfänge beim TuS Rotenburg, die Bedeutung der kleinen Vereine und seine Tätigkeit.

Herr Hensel, welche Berührungspunkte haben Sie mit Rolf Ludwig?

Wir haben uns 1963 kennengelernt, als ich selbst mit der Leichtathletik angefangen habe. Damals haben wir unser Wintertraining in einer kleinen Turnhalle gemacht – einmal die Woche altersübergreifend. Ich war damals der Jüngste, das Training hat Rolf teilweise geleitet. Und auch wenn ich Rotenburg verlassen habe, ist dieser Kontakt nie ganz abgerissen. Das letzte Mal haben wir uns vor anderthalb Jahren bei der EM in Berlin gesehen.

Bis wann haben Sie in Rotenburg Leichtathletik betrieben und mit wem?

Unter anderem mit Peter Grewe, Holger Winkel und Jörg Mertins. Ende 1967 bin ich zum TSV Dorfmark gewechselt, aber bis 1972 beim TuS Rotenburg noch aktiv gewesen – ich habe in der ersten Mannschaft Volleyball gespielt. Wir haben da einen Durchmarsch bis in die Verbandsliga gemacht.

Aber warum haben Sie den TuS Rotenburg als Leichtathlet verlassen?

Es gab eine Initative in der Südheide durch Hasso Kornemann vom TSV Dorfmark. Dort wurde geguckt, wo es im Umkreis von 30 Kilometern junge talentierte Burschen gibt. Hans-Joachim Walde, der einzige deutsche Zehnkämpfer, der bei Olympischen Spielen zwei Medaillen gewonnen hat (1964 Bronze, 1968 Silber, Anm. d. Red) kam von dort. Das war die Initialzündung. Die wollten Deutscher Meister in der Jugend mit dem Team werden. Das war eine reizvolle Sache – und es ist ja auch alles so eingetreten wie geplant. Aus dieser Trainingsgruppe gibt es auch noch Freundschaften bis heute. Ich bin dann mit dem Studium 1972 zum USC Mainz gegangen, aber immer nur ein bisschen Halbleistungssportler und kein Hochleistungssportler gewesen, weil ich auch andere Interessen hatte. Außerdem hatte ich frühzeitig Achillessehnenprobleme.

Welche Verbindungen gibt es noch nach Rotenburg?

Die Verbindung war relativ häufig da, solange mein Vater noch gelebt hat. Ansonsten sind Verbindungen über den schulischen Bereich vorhanden. Ende Mai bin ich wieder in Rotenburg, dann ist unser nächstes Klassentreffen – 50 Jahre nach dem Abitur.

Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht die kleinen Vereine, in denen die meisten Sportler ja beginnen?

Sie sind die Lebensadern im gesamten deutschen Sport. Ich nenne mal ein Beispiel: Seit drei Jahren gibt es eine DM der 15-Jährigen. Wenn man die Ergebnislisten anschaut und sieht, aus welchen Vereinen die Athleten kommen, dann sind das im Vergleich zu den älteren Jahrgängen zwei Welten, nachher kommt man auf nur noch 20, 25 Vereine, auf die sich das konzentriert.

Sie haben bei Ihrem letzten Auftritt 2011 in Rotenburg von der „Scheinwelt Spitzensport“ gesprochen – was meinten Sie damit?

Ich habe sinngemäß gesagt, dass der Sport der Millionen medial vollkommen untergeht, weil nur noch über Sport-Millionäre gesprochen wird. Und ich habe auch gemeint, dass junge Athleten, die früh erfolgreich sind, schnell ein Einkommen haben, das höher als das ihrer Eltern ist. Da muss man geerdet sein, daran scheitert manches Talent.

Mit Niklas Kaul hat sich 2019 ein deutscher Hoffnungsträger bei der WM zum König der Athleten gekrönt. Wie realistisch ist es für Kaul, sich nur auf seinen Sport zu konzentrieren?

Wer die WM gewinnt, hat ganz Großes erreicht. Und das mit 21! Er ist ein außergewöhnlicher Athlet, der sich konsequent weiterentwickelt hat. Niklas Kaul und auch Malaika Mihambo (Weltmeisterin im Weitsprung, Anm. d. Red.) sind zwei außergewöhnliche Personen, die beide in kleinen „Nestern“ entstanden sind. Beide gehen einen untypischen Weg. Der eine fängt gerade ein Studium an, Malaika hat sogar schon eines abgeschlossen und macht jetzt das zweite. Das sind eher die Ausnahmen, sie sind aber ein schönes Beispiel dafür, dass man das machen kann. Der Tag mit 24 Stunden lässt auch Zeit für andere Herausforderungen.

Aber sind Sie finanziell abgesichert?

Ich denke, wer heute Weltmeister in der Leichtathletik ist und über einige Jahre gesund bleibt, der kann ein erstaunlich hohes Einkommen generieren. Wenn man aber die Begrenztheit der Karriere sieht, kann man nicht sagen: Ich habe ausgesorgt – wenn man nicht gerade Usain Bolt heißt. Dessen jährliches Einkommen wird auf 27 Millionen Dollar taxiert – auch wegen unglaublicher Sponsorenverträge.

Leichtathletik ist im Fernsehen ein Publikumsmagnet, in den Vereinen kommt aber oftmals wenig bis nichts an. Auch beim TuS Rotenburg gibt es kaum noch Athleten in den älteren Jugendklassen. Woran liegt es?

Zunächst gebe ich Ihnen da völlig recht. Leichtathletik mit WM, EM und Olympischen Spielen ist die Sommersportart, die neben Fußball funktioniert. Wenn Sie die Mitgliederzahlenentwicklung nehmen, dann gibt es einen leichten Rücklauf. Die Zahlen sind aber noch relativ stabil. Es gibt einen richtig hohen Zulauf im Kinderbereich. Und das Drop-out-Problem ist kein Phänomen der Leichtathletik, das haben wir im deutschen Sport schon immer. 56 Prozent der Fußballvereine kriegen keine A-Jugend mehr zusammen. Das Schulsystem verändert sich, das Freizeitverhalten, die Sozialkontakte verändern sich. Solange Sie vor Ort Leute haben, die junge Menschen begeistern, funktioniert es noch relativ gut. Der Bezirk Stade/Lüneburg war früher mal eine Hausnummer, aber das hat zwischen Bremen, Hamburg und Hannover ziemlich nachgelassen. Dafür finden wir aber andere Regionen, in denen sich etwas entwickelt. Das hat aber auch etwas mit den Rolf Ludwigs dieser Welt zu tun, mit den positiv Verrückten dieser Welt, die sich engagieren.

Sie waren einer der Väter der EM 2018 in Berlin. 2022 ist München mit dem Olympiastadion Ausrichter. Inwieweit sind Sie da in Ihrer Funktion bei der EAA involviert?

Von Seiten des Councils bin ich zuständig für die EM. Ich habe alle Vertragsverhandlungen zwischen dem europäischen Verband und München geführt.

Welche Bedeutung hat die Entscheidung pro München für die deutsche Leichtathletik?

Es ist eine Menge Arbeit und ein finanzielles Risiko damit verbunden, aber die Hauptgründe sind, dass eine EM im eigenen Land unheimlich Kräfte bei Trainern und Athleten freisetzt. Der Fokus ist da noch ein deutlich anderer. So im Blickpunkt der Medien und der Öffentlichkeit zu stehen – das ist das, was unsere Sportart benötigt.

Neben der Leichtathletik veranstalten sechs andere Sportarten in München ihre Titelkämpfe. Hat sich das Konzept der European Championships, mehrerer Europameisterschaften an einem Ort, bewährt?

2018 war es noch ein Hilfskonzept – die Leichtathletik fand in Berlin statt, alles andere in Glasgow, weil Berlin den Zuschlag 2013 bekommen hatte und das Konzept mit den European Championships später durch die Fernsehsender entstanden ist. Ohne die Leichtathletik hätte es aber nicht funktioniert – wir sind der Motor. 50 Jahre nach den Olympischen Spielen findet es nun in München statt. Ein wunderbares Beispiel auch für Nachhaltigkeit, weil es zeigt, wie man auf Sportstätten zurückgreifen kann, die 50 Jahre alt sind. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es langfristig so funktioniert. Vielleicht sollte man auch ein gemeinsames Fernsehprodukt an zwei, drei Standorten entwickeln.

Zur Person: Frank Hensel hat sein Hobby zum Beruf gemacht

Frank Hensel (69) ist gebürtiger Mecklenburger und kam 1962 nach Rotenburg. Sein Vater unterrichtete am Ratsgymnasium und später an der Eichenschule Scheeßel. 1963 begann Hensel beim TuS Rotenburg mit der Leichtathletik. „Ich bin da nie hingetrieben worden, hatte ein bisschen Talent – und der Erfolg war auch da“, erinnert er sich. 1967 wechselte Hensel zum TSV Dorfmark und wurde Deutscher Zehnkampf-Mannschaftsmeister der Jugend (1968) und Junioren (1970/1971). 

Während seines Studiums der Sportwissenschaft und Pädagogik lief Hensel ab 1972 für den USC Mainz auf und holte zusammen mit Guido Kratschmer und Herbert Swoboda beziehungsweise Alexander Wernsdorfer 1973 und 1975 den DM-Titel des Zehnkampf-Mannschaftsmeisters der Männer. Nach einer Dozententätigkeit an der Uni in Mainz war Hensel als Trainer für den Berliner Leichtathletik-Verband und den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) tätig.

1998 wurde er Generalsekretär des DLV, was er bis 2016 blieb. Von 2015 bis 2019 war er zudem Vizepräsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes (EAA). Vor knapp einem Jahr wurde Hensel in das geschäftsführende EAA-Präsidum berufen. Er ist zudem Vorsitzender der Kommission „Verbandsentwicklung der Mitgliedsnationen“.

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