Über Corona, Impfen und sportliche Themen

KSB-Boss Jörn Leiding: „Wir haben einen Investitionsstau“

Jörn Leiding hält einen Badmintonschläger vor sein Gesicht.
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Jörn Leiding ist leidenschaftlicher Badmintonspieler, doch noch mehr Zeit investiert er in seinen ehrenamtlichen Job als Vorsitzender des Kreissportbundes.

Wir haben Jörn Leiding zum Jahresrückblick und -ausblick getroffen. Im Interview spricht der KSB-Chef über Corona, Impfen und Themen, die den Sport beschäftigen.

Rotenburg – Auch 2021 hat die Corona-Pandemie den Takt im Sport vorgegeben. Logisch, dass dieses Thema im Interview mit Jörn Leiding, dem Vorsitzenden des Kreissportbundes Rotenburg, die Hauptrolle spielte. Der 48-Jährige aus Sottrum-Fährhof spricht aber auch über den Investitionsstau und formuliert Wünsche an die Politik.

An Corona führt kein Weg vorbei. Was hat der Sport, was haben die Vereine aus der Situation gelernt?

Es ist ein gelerntes Verhalten. Wir sind ja in Welle vier, man ist sozusagen prozesssicherer geworden. Man weiß auf der einen Seite, worauf man achten muss, auf der anderer Seiten werden die Zyklen und Differenzierungen aber komplizierter. Früher ...

Also vor einem Jahr ...

Ja. Früher war es so: Du zählst die Leute durch. 20 dürfen teilnehmen, mehr geht nicht – relativ simpel. Heute hast du im Worst Case 2G-plus, musst dich damit auseinandersetzen, ob die Zertifikate echt sind, wo die Tests herkommen, musst es kontrollieren und dokumentieren. Das ist total komplex. Und dann bleibt noch die Problematik, dass du eine sehr differenzierte Sportanlagen-Eigentümerstruktur im Landkreis hast. Da handelt auch jeder unterschiedlich. Konkretes Beispiel: In Sottrum hat die Samtgemeinde die Hallen für den Sportbetrieb zugemacht. Rein aus Sicht der Verordnung dürfte dort aber Sport gemacht werden.

Und er dient ja auch der Gesundheit ...

Alle wissen, dass dieser Bewegungsmangel zunehmend zu Schäden führt, also zu körperlichen Schäden, gerade was das Thema Haltung und Gesundheit angeht. Zudem gibt es das Thema soziale Kontakte, die abbrechen. Das potenziert sich bei Schülern und Jugendlichen hoch. Man kann viel im Homeschooling machen, aber Bewegung am Notebook ist schwierig.

Nach der Einführung von 2G-plus haben einige Vereine reagiert und alle Sportanlagen, sogar draußen, dichtgemacht. Ist das nicht kontraproduktiv, was die Mitgliederbindung angeht?

Man hat als Vereinsfunktionär die Verantwortung. Bin ich bereit, diese zu übernehmen, kann ich all das, was gefordert ist, sicherstellen? Es gibt ja keine Haftungsbefreiung. Wenn du über diese Brücke gehst, kommt ein zweites Hemmnis – das Thema Kosten. Kann ich genug Tests kaufen, kann ich die Infrastruktur auf die Beine stellen? Wenn ich das geklärt habe, kommt die dritte Brücke: Habe ich genügend Leute, die diese Tätigkeiten übernehmen, das kontrollieren und es auch können.

Also können Sie die Schließung verstehen?

Zu 100 Prozent, weil es ein Abwägen ist. Dieser gesamte Aufwand für die Sportstunde – rechnet sich das? Und selbst, wenn der Verein sagt, das machen wir, brauchst du immer noch Leute, die da hingehen. Da hast du Gruppen, die sich fragen, ob sie sich den Gefahren aussetzen – und dann kommt keiner.

Es gibt den Begriff des Treue-Akkus, der allmählich aufgebraucht ist.

Ohne Frage.

Stellen Sie so etwas fest?

Da ist der jetzige Zeitpunkt schlecht, um das zu sagen, weil wir die Mitgliederzahlen erst in einigen Wochen kriegen. Ich bin aber fest überzeugt: Wenn der Sportbetrieb wieder voll los geht, brauchen wir in unserer ländlich geprägten Region relativ wenig Zeit, um wieder auf das Niveau zu kommen. Weil die Strukturen gut sind. Wo ich das viel größere Risiko sehe, ist, dass die ehrenamtliche Struktur wieder zu 100 Prozent bereitsteht. Im Turnen kenne ich es so, dass die größte Rekrutierung an Ehrenamtlichen aus den Turnenden selbst resultiert, aus denen, die mitkriegen, hier wird gerade ein Helfer gebraucht – irgendwann ist man dann Übungsleiter. Da hat man jetzt eine Lücke, sozusagen Nachwuchsstau. Auf der anderen Seiten sind da die Bestandsehrenamtlichen, so nenne ich sie mal, die merken, es gibt ein Leben neben der Ehrenamtlichkeit. Wenn man mich fragt: Was ist das größte Risiko nach dem Restart? Dann ist das für mich das Ehrenamt, das den Sport durchführt. Es nützt alles nichts, wenn du keine Leute hast. Ich glaube, da haben die Vereine eine große Herausforderung. Die Mitglieder selbst kommen wieder, da bin ich mir sicher.

Trotzdem haben die Vereine 2020 einige verloren – im Kreissportbund Rotenburg fiel die Zahl auf unter 80 000 Mitglieder.

Wir haben 3,4 Prozent Mitglieder verloren. Wir liegen damit knapp unter dem Landesschnitt. Der Mitgliederschwund hat zwei ausschlaggebende Punkte: Je städtischer, desto mehr Mitgliederverlust, je größer, desto mehr Mitgliederverlust. Wir sind hier ländlich geprägt. Diese Lücke von 3,4 Prozent ist schnell wieder gefüllt. Vielleicht bin ich da ein bisschen idealistisch oder naiv, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass keiner mehr zum Sport geht.

Also haben Sie keine Befürchtung, dass für 2021 erneut ein Einbruch folgt?

Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn wir das Niveau halten würden. Dann wäre das ein Erfolg und der Sport könnte sagen: Wir sind ganz gut durchgekommen.

24 Großvereine hatten im Februar einen Brandbrief an den Landessportbund geschrieben und um finanzielle Hilfe gebeten.

Das ist passiert. Es gab ein Coronaförderprogramm, die Höchstsumme der Einzelförder ist auf 100 000 Euro angehoben worden. Mehr als eine Millionen Euro sind nicht ausgeschöpft worden, da wird gerade daran gearbeitet, dass es ins nächste Jahr übertragen wird.

Haben die Vereine aus unserem Kreis ähnliche finanzielle Nöte im Kleinen?

Ich glaube, dass die Vereine hier, wenn sie gut wirtschaften, durch die Krise kommen.

So ein durchschnittlicher Verein mit 400, 500 Mitglieder, der kommt gerade durch. Er verliert vielleicht fünf Prozent an Mitgliedern, das ist schon ein riesiger Kostenpunkt, er spart aber auch ein bisschen Übungsleitergeld. So wird es wahrscheinlich eine Nullnummer sein, wenn er parallel die Förderprogramme genutzt hat.

Also brauchen die Vereine nicht mehr Unterstützung in diesen Zeiten?

Wenn Politik oder Landessportbund fragen: Wo kann ich unterstützen, ist die Antwort: Beim Restart-Thema. Es muss wieder eine „Werde-Mitglied-im-Verein“-Offensive geben. Das fängt bei Imagematerialien an und geht damit weiter, über Erfolgsmodelle zu berichten. Dartssport ist ein schönes Beispiel. Viele Leute haben sich in der Pandemie eine Scheibe gekauft.

Sie auch?

Hängt in der Garage. Im Emsland hat der Kreissportbund zum Beispiel Starterpakete für Vereine angeboten. Dann haben die fürs erste Jahr als Kreissportbund eine Dartsliga organisiert. Ein Beispiel für eine Best-Practice-Idee. Also: Einmal Materialienunterstützung, dann Ideenunterstützung. Und als Drittes: Geld geben für interessante Pilotprojekte.

Gibt es auch Beispiele aus dem Kreis Rotenburg?

Wir sind da für jeden Kram zu haben. Wir haben im letzten Jahr das Thema VereinsApp in die Vereine gespielt, um denen einen Anstupser zu geben. Jetzt haben wir gerade die Sportstation an die Vereine kommuniziert und einen guten Preis verhandelt.

Was brauchen Vereine sonst an Hilfe?

Der zweite wesentliche Block ist der Sportsstättenbau. Wir müssen extrem investieren, wir haben einen Investitionsstau. Immer noch. 2022 ist das letzte Jahr, in dem die fünf zusätzlichen Millionen aus der VW-Strafe im Sportstättenförderpott sind. Wir haben die Vereine motiviert, Anträge zu stellen.

Und ist etwas passiert?

Super! Die Vereine sind dem nachgekommen. Wir hatten in diesem Jahr so viele Anträge wie noch nie. Landesweit fehlen sogar zwischen fünf und sieben Millionen Euro, um alle Anträge zu bedienen. Wir in Rotenburg stehen vor der glücklichen Situation: Unser Landkreis ist wirklich vorbildlich, weil er nicht nur 92 000 Euro für Übunsgleiter ausgibt, er begleitet auch die Sportstättenförderung.

Aber wie viele Anträge aus dem Kreis Rotenburg gibt es denn für 2022?

Für 2022 haben wir 37 Anträge und sprechen von einem Zuschussvolumen von 665 000 Euro. In 2021 hatten wir 36 Anträge und 550 000 Euro. Landesweit steigt das Volumen der Anträge. Ab 2023 fallen aber diese zusätzlichen fünf Millionen raus. Wenn wir jetzt schon ein Delta haben von fünf bis sieben Millionen, hätten wir im nächsten Jahr eins von zwölf Millionen. Deshalb wurde durch unseren Vorstand des Landessportbundes an die sportpolitischen Sprecher der Parteien ein Zehn-Punkte-Wunschzettel übergeben. Da steht als wesentliche Forderung drin, dass dieser Betrag verstetigt wird, um sicherzustellen, dass wir perspektivisch weiterhin gute Sportstätten haben.

Anderes Thema: Wie sollten Vereine mit ungeimpften Mitgliedern umgehen?

Ich würde mich immer an die Regeln halten. Die Regel ist gerade, dass Nichtgeimpfte die Vorteile nicht in Anspruch nehmen können. Wenn Vereine die Möglichkeit haben, Leute durch ihre Art der Argumentation zu motivieren, sich impfen zu lassen, hilft es der Gesamtsituation immens. Die Erwartungshaltung, dass ehrenamtlich engagierte Menschen Leute überzeugen können, die weder von Wissenschaft noch politischen Aufrufen überzeugt wurden, halte ich aber für fragwürdig.

Gibt es ein Problem mit Impfgegnern?

Klar. Was Fakt ist, aber nicht sein darf: Dass die guten Seelen der Vereine, die Geschäftsstellenleiter oder die Frauen der Vereinsvorsitzenden, die immer am Telefon sind, dass die sich anschreien lassen müssen, was das für ein politischer Scheiß ist. Das darf nicht sein.

Ist das vorgekommen?

Das kommt täglich vor. Wenn ich die Geschäftsstellenleiterin des TV Sottrum frage, führt sie Gespräche, die sie nicht führen will. Das ist etwas, dass das Ehrenamt zusätzlich belastet. Wenn du einen Impfgegner hast, der sich als Trainer nicht testen lässt, verstößt du gegen das Gesetz, wenn du ihn für dich arbeiten lässt.

Wie viel Platz nimmt das Thema Corona bei der Arbeit des KSB denn ein?

Ich drehe die Frage mal um: Würde ich mich gerade mit anderen Themen beschäftigen, wenn nicht Corona wäre? Dann ist es kein Unterschied, weil wir uns mit dem Thema grundsätzlich beschäftigen, wie ein Verein mehr Mitglieder kriegen kann und wo wir unterstützen können. Wir suchen nach Förderprogrammen, sodass wir Hinweise geben können: Hier gibt es Geld, hier könnt ihr es beantragen. Da ist mal ein Coronaförderprogramm, mal ein Digitalisierungsförderprogramm. Aktuelles Beispiel ist das Thema Rasenmähroboter. Viele Vereine haben uns angesprochen: Warum fällt der unter keine Förderung? Dann hat uns ein Hersteller angerufen. Eine klassische Win-win-Situation. Jetzt haben wir den Vereinen ein Angebot geschickt: Es gibt x Prozent Rabatt und noch einen 1 000-Euro-Trikotsatz. Zwei, drei haben schon zugeschlagen. In der Arbeit hat sich also nicht so viel um Corona gedreht, weil es ein gelerntes Verfahren ist. Die Vereine wissen: Wo muss ich gucken? Sie wissen: Wie lese ich eine Aktualisierung der Corona-Verordnung? Auf der anderen Seite ist das Land auch professioneller geworden. Wenn man sich die neue Verordnung anguckt, findet man da Schaubilder zum Ausdrucken.

Was brennt dem KSB sonst auf den Nägeln?

Uns ist wichtig, dass wir die Vereine in dem unterstützen können, was sie wollen. Dafür müssen wir wissen, was sie wollen. Je mehr uns zugetragen wird, desto mehr können wir helfen. Sprecht uns an! Ich glaube, dass wir bislang auf Fragen immer gute Antworten gegeben haben.

Vergangenes Jahr lautete Ihre Wunsch-Schlagzeile für 2021: Sport wieder bedenkenlos möglich! Aufgehoben für 2022?

Nö. Vielleicht wäre eine schöne Schlagzeile für 2022: Sport – einfach machen. Doppeldeutig gemeint. Es ist die Einladung an alle, die Bock haben: Macht wieder Sport. Und an alle anderen: Macht es einfach, nicht kompliziert.

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