Fritz Vogel ‒ der letzte DDR-Zeugwart

Von Sammer gab‘s bloß Schokolade

Weggefährten unter sich: Fritz Vogel (l.) und Niko Kovac beim DFB-Pokalfinale 2019 in Berlin.
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Weggefährten unter sich: Fritz Vogel (l.) und Niko Kovac beim DFB-Pokalfinale 2019 in Berlin.

Sottrum – Bei insgesamt 89 Spielen ist Fritz Vogel als Zeugwart der Fußball-Nationalmannschaft der DDR dabei gewesen. Als Unparteiischer hat er in fast 50 Jahren bislang 2 458 Spiele geleitet, unter anderem gehörten der aktuelle Bundesliga-Schiedsrichter Manuel Gräfe und auch Skandal-„Schiri“ Robert Hoyzer zu seinem Gespann. Das sind nur einige beeindruckende Zahlen und Fakten aus dem Leben des 69-Jährigen, der seit einigen Jahren in Sottrum lebt. Dabei ist er ein echtes Urgestein des Berliner Fußballs. Dort kennen und schätzen ihn viele als Fritz Wutke. Vor einiger Zeit nahm er seinen Geburtsnamen Vogel wieder an.

Alles fing 1979 damit an, dass Vogel nach drei Jahren in seinem Beruf als Betriebsschlosser aufhörte, um beim Deutschen Fußball-Verband der DDR (DFV) hauptberuflich anzuheuern. Zunächst war er zwei Jahre lang Betreuer der U 21-Auswahl, ehe er 1983 zum Zeugwart der DDR-Nationalmannschaft befördert wurde. An die sieben Jahre als „Mädchen für alles“ erinnert er sich gerne und oft zurück: „Wenn es etwas zu organisieren gab, war ich dafür zuständig. Das fing beim Aufpumpen des Balles an und hörte bei vergessenen Fußballschuhen auf. Ich hatte immer alles in meinem Koffer dabei“, scherzt Vogel. Einmal im Jahr besorgte er für seine Spieler auch die Turnschuhe beim Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB). Das war die zentrale, für den Sport zuständige Organisation der DDR. Alle Nationalspieler erstatteten ihm jedes Mal die vollständige Summe und gaben zusätzlich noch ein kleines Trinkgeld. Nur einer nicht – Matthias Sammer. „Der sagte zu mir, dass er kein Geld habe. Stattdessen bekam ich ein Stück Schokolade als Aufwandsentschädigung von ihm“, erinnert sich Vogel. Sein letztes Spiel als Zeugwart war auch gleichzeitig die letzte Partie einer DDR-Auswahl. Sammer erzielte seinerzeit im September 1990 die beiden Tore zum 2:0-Entstand gegen Belgien. „Das rechne ich ihm bis heute hoch an. Er war einer der Wenigen, die im Voraus der Partie nicht abgesagt hatten. Wir waren dann bloß noch mit 14 Spielern nach Brüssel gereist.“

DFB-Verdienstnadel: Fritz Vogel zeigt stolz seine dazugehörige Urkunde, die der Fußballverband ihm 1996 verliehen hat.

Auch nach seiner Zeit beim DFV kehrte Vogel dem Fußball nicht den Rücken. Seit 26 Jahren wird er vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu den Pokal-Endspielen eingeladen. Als Organisationstalent kümmert der Rentner sich darum, dass die Spielbälle aufgepumpt sind. Zudem betreut er an dem Abend Teile der VIP-Gäste und schießt nebenbei Fotos mit dem ein oder anderen Bekannten. Dazu zählen Fußballgrößen wie Sammer, Niko Kovac oder Otto Rehhagel. Nicht zu vergessen: „Die echte DFB-Trophäe steht jedes Mal direkt neben meiner Organisationskabine. Da passe ich immer drauf auf“, schwärmt der 69-Jährige von den Pokalabenden.

Bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland volontierte Vogel im Berliner Olympiastadion. Er weiß noch genau, dass beim Spiel zwischen Brasilien und Kroatien die Bälle und ein Radio in der Kabine gefehlt hatten. Also habe er die kurzfristig besorgt. Viel kurioser wurde es aber unmittelbar vor dem Anpfiff, erinnert sich „Fritze“ Vogel: „Der Schiedsrichter hatte den Spielball in seiner Umkleide vergessen und war dementsprechend mit leeren Händen auf den Platz gegangen. Zum Glück hatte ich das relativ schnell realisiert, habe den Ball geholt und zum Spielfeldrand gebracht.“

Das turbulente Jahr 1997 als Schiedsrichter

Nicht nur abseits des Platzes war Vogel schon länger tätig. Seit 1972 ist der Ur-Berliner als Schiedsrichter unterwegs. Seine ersten Spiele leitete er noch in einem schwarzen Pullover und einer Trainingshose. „Die Klamotten waren in der DDR anfangs nicht so leicht zu bekommen“, weiß er noch genau. Nach diversen Aufstiegen begann seine Schiedsrichter-Karriere 1992 in der Berliner Oberliga erst so richtig. Er leitete diverse Berliner und ost-deutsche Derbys.

Das wohl turbulenteste Jahr seiner „Schiedsrichterei“ folgte 1997. Zunächst pfiff Vogel im Mai das Pokal-Endspiel zwischen dem 1. FC Union Berlin und den Füchsen Berlin Reinickendorf. Die „Eisernen“ waren der haushohe Favorit. Dennoch verloren sie die Partie mit 0:1. Die „Füchse“ zogen mit dem Sieg in die 1. DFB-Pokalrunde ein, was den Union-Fans überhaupt nicht passte. Sie stürmten das Spielfeld und wollten Vogel an die Wäsche gehen, weil sie in ihm den Grund für die Pleite sahen. „Ich musste unter Polizeischutz in die Kabine begleitet werden“, erzählt er.

Fritz Vogel zeigt, wo es langgeht – in diesem Fall Lena Troschka (l.) vom TuS Westerholz.

Etwa vier Monate später kam das „wohl dramatischste Spiel meiner Karriere“, betont der langjährige Schiedsrichter der Sportfreunde Johannisthal. Es stand das Oberliga-Stadtderby zwischen dem VfL Halle 96 und dem Halleschen FC an – Vogel an der Pfeife und Manuel Gräfe an der Seite als sein Assistent. Anlässlich des besonderen Spieles waren 10 000 Zuschauer gekommen. Der Spielball sollte von einem Fallschirmspringer in das Stadion gebracht werden. Da sich der Schirm jedoch nicht öffnete, stürzte der Springer in eine Gruppe von Menschen vor der Kasse. Es gab insgesamt vier Tote. „Wir haben davon erst gar nichts mitbekommen, weil wir noch in der Umkleide saßen“, erzählt Vogel. Das Spiel wurde abgebrochen und im November vor dann sogar 20 000 Zuschauern nachgeholt – mit demselben Gespann des ersten Termines.

Nicht jede seiner Spielleitungen war so brisant wie diese. Es blieben die Ausnahmen. Denn schließlich hat Vogel 2 456 andere Partien ohne Probleme als Schiedsrichter oder als Assistent geleitet. Sein 1 000. war 1997, sein 2 000. im Januar 2011. Knapp sechs Jahre später war für ihn Schluss bei den Johannisthalern. Der Liebe wegen zog er nach Sottrum und sammelt seitdem hier im Kreis weitere Einsätze.

Die Marke 2500 Spielen direkt vor Augen

Welche Marke sein angestrebtes Ziel ist? „Definitiv will ich bis nächstes Jahr die 2 500 Spiele als Schiedsrichter vollbekommen. Dann bin ich seit 50 Jahren dabei. Das würde sich doch gut anhören“, betont Vogel zielbewusst. Auch an der Pfeife ist er das „Mädchen für alles“. Das zeigt nicht nur die große Anzahl an Spielen, die er in seiner Laufbahn geleitet hat, sondern auch die spontane Einsatzfähigkeit. Seit seinem Umzug in den Kreis Rotenburg pfeift der Routinier überwiegend bei den Frauen und in der 2. Kreisklasse der Herren. Die Sporttasche hat er dafür stets bei sich im Auto liegen. So war es auch im Juli 2019. „Da war ich gerade mit meiner Frau an der Tankstelle, als mich mein Ansetzer anrief. Er brauchte noch spontan jemanden für den Zevener Samtgemeinde-Pokal“, erzählt der Schiedsrichter des TV Sottrum lachend. Es sollte aber nicht bei einem Spiel bleiben. Er pfiff an dem Abend gleich beide Halbfinalpartien – typisch für Fritz Vogel.

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