Ein Zwischenruf

Unter Vorbehalt: Der Sport vergisst Corona und riskiert viel dabei

Viele Vereine weisen an ihren Sportplatz-Eingängen inzwischen auf die üblichen Corona-Maßnahmen hin.
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Viele Vereine weisen an ihren Sportplatz-Eingängen inzwischen auf die üblichen Corona-Maßnahmen hin.

Rotenburg – Die Angst geht um. Spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist das auch im Kreis Rotenburg so. Wann werden die nächsten Spiele abgesagt? Wie viele Teams, wie viele Spieler müssen betroffen sein, ehe es im Kreis oder in Niedersachsen zum erneuten Lockdown kommt? Fußball im Herbst 2020 – das ist nur noch unter Vorbehalt möglich. Das verflixte Virus hat schon einige Partien für sich entschieden, es scheint ein hartnäckiger Gegner zu sein. Zeit für einen Kassandraruf?

Noch ist nicht die Zeit für Schwarzmalerei und Weissagungen, noch ist die Saison im Fußball nicht wie Troja dem Untergang geweiht. Aber für eine Reflexion, ein Überdenken des eigenen Verhaltens wäre jetzt der passende Moment. Als die Pandemie am 12. März den Spielbetrieb in sämtlichen Sportarten zum Erliegen brachte, war von Verdachtsfällen in unseren Vereinen kaum etwas bekannt. Auslöser waren allein die explodierenden Fallzahlen, die bis zu diesem Tag deutschlandweit insgesamt noch unter 3 000 lagen. Inzwischen kommen täglich wieder fast so viele Fälle hinzu – trotzdem läuft der Spielbetrieb weiter. Im Kreis Rotenburg gab es bisher knapp 300 positive Fälle, aktuell befinden sich mehr als 600 Personen in Quarantäne – darunter viele Fußballer des Heeslinger SC. Allein im Kreispokal waren am vergangenen Wochenende coronabedingt vier Partien abgesetzt worden. Das Virus ist also ganz in der Nähe, es könnte in wohl jedem Verein ausbrechen.

Dabei spielt es eine eher untergeordnete Rolle, wo sich die Spieler anstecken. Ganz offensichtlich ist aber: Viele Menschen gehen mittlerweile viel zu lax mit Corona um – auch und im Besonderen im Sport. Und so muss sich der Fußball, der ja als erste Mannschaftssportart noch lange vor Handball oder Basketball wieder gestartet ist, auch ins Gewissen reden lassen und hinterfragen, ob er nicht selbst schuld daran ist, wenn er dem Lockdown gefährlich nahe rückt. Die Kreise Cloppenburg und Friesland, in denen der Ball ruht, sollten Warnung genug sein.

„Die Spieler gehen untereinander wieder so miteinander um, als ob es Corona nicht mehr gäbe“, hat auch der Vorsitzende eines hiesigen Fußballvereins bemerkt und zeigte sich nicht völlig überrascht davon. So wirken die bis in die untersten Ligen durchgezogenen Vorsichtsmaßnahmen wie Datenerfassung, Händedesinfektion oder Sitzplatzpflicht auch bisweilen wie ein Alibiverhalten und erwecken den Eindruck des In-Sicherheit-Wiegens, wenn gleichzeitig viele Leute – Zuschauer wie Spieler – längst in alte Verhaltensmuster zurückgekehrt sind. Dabei riskiert der Sport viel, wenn er Corona vergisst und der Normalität den Vorzug vor der Realität gibt.

Natürlich fällt es schwer, sich selbst zu zurückzunehmen, sich zu beschränken, wenn um einen herum alle gesund sind, wenn gleichzeitig die Politik trotz ansteigender Zahlen Maßnahmen wieder lockert. Doch nur weil das Land die Beschränkungen für die Umkleiden und Duschräume wieder zurückfährt (was viele Mannschaften ohnehin schon klammheimlich für sich getan haben), heißt das nicht, dass jegliche Vorsicht hinfällig ist. Etwas mehr Defensive wäre sinnvoll. Wenn sich die Spieler wieder abklatschen, nach Toren in den Armen liegen, ja sogar aus einer Flasche trinken (!), dann liegen die möglichen Folgen doch auf der Hand. Wenn Zuschauer auf die Abstandsregeln mehr pfeifen als der Schiedsrichter auf seinem schwarzen Utensil, wenn sie wie die Hühner auf der Stange dicht an dicht sitzen, dann werden damit sämtliche Maßnahmen zur Vorbeugung torpediert.

Was sollen die Vereine machen? So viele freiwillige Helfer gibt es gar nicht, um alle und alles zu kontrollieren. Die Clubs bewegen sich ohnehin in einer rechtlichen Grauzone – dabei ist es für sie schon kompliziert genug mit den sich ständig ändernden Vorgaben. Einerseits dürften sie jetzt rein theoretisch unter Einhaltung der Abstandsregeln wieder mehr Zuschauer reinlassen, wovon aber im Prinzip nur die Bundesligisten mit ihren großen Stadien profitieren, andererseits dürfen sie neuerdings nicht einmal mehr Bier ausschenken.

Was Hoffnung macht: Seit dem vergangenen Wochenende sind außer beim betroffenen Heeslinger SC keine neuen positiven Coronafälle in den Vereinen aus dem Kreis bekannt geworden. Aber einschränkend gefragt: Wie viele Vereine verschweigen Verdachtsfälle? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Es ist zumindest recht leicht, mit Rücksicht auf die Privatsphäre eine Muskelverhärtung oder den Geburtstag der Oma vorzugeben. Ehrlichkeit wäre hier jedoch angebracht.

Eines zeichnet sich schon ab: Selbst wenn es keinen Lockdown gibt, wird die Saison schwer wie erhofft durchzuziehen sein. Es wird immer wieder zu Ausfällen kommen. Wann die Teams, die in Quarantäne müssen, ihre Spiele nachholen sollen, bleibt das große organisatorische Fragezeichen. Ebenso spannend wird es sein, ob (oder besser wann) das Virus in die Halle einkehrt und Mannschaftssportarten wie Handball und Basketball befällt.

Eine Rückbesinnung auf die längst vernachlässigten Hygieneregeln ist dem Sport deshalb dringend angeraten. Sonst war es das schon bald wieder mit Punktspielen und Trainingsbetrieb. Denn: Im Freizeitbereich ist ein zweiter Lockdown viel leichter und schneller umzusetzen als in der Wirtschaft.

Von Matthias Freese

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