Hassendorfer Simon Vajen trifft sieben Mal in einer Partie / Augenprothese spielt für ihn keine Rolle

Ein Torjäger mit Handicap

Simon Vajen stellte seine Treffersicherheit unter Beweis: Der Angreifer des TV Hassendorf II netzte sieben Mal ein – und das, obwohl er mit einer Beeinträchtigung leben muss. - Foto: Wuttke

Hassendorf - Von Mareike Ludwig. Simon Vajen will keine Sonderbehandlung. Der 18-Jährige geht offen mit seiner Behinderung um – er steht dazu. „Ich komme gut damit klar“, sagt er. Beim ersten Kennenlernen scheint alles normal. Erst beim genaueren Hinschauen fällt auf, dass mit seinem rechten Auge etwas nicht stimmt. Vajen hatte vor 17 Jahren einen bösartigen Tumor in der Netzhaut. Das Auge war nicht mehr zu retten. Durch seine Prothese lässt er sich aber nicht einschränken. Im Gegenteil: Der Fußballer hat beim TV Hassendorf II in der 3. Kreisklasse Süd seine Treffsicherheit beim 19:0 gegen den TuS Fintel II eindrucksvoll unter Beweis gestellt und sieben Tore geschossen.

Dabei stand Vajen nicht einmal die vollen 90 Minuten auf dem Platz. Er wurde nach einer Stunde ausgewechselt und kam in der Schlussphase wieder ins Spiel. „Sieben Treffer sind mir noch nie gelungen. Der Gegner war aber auch nicht so stark. Zudem war bei einigen Toren etwas Glück dabei“, erklärt der Angreifer bescheiden.

Dass er diese beeindruckende Ausbeute mit nur einem Auge erbracht hat, ist für ihn nur eine Randnotiz. „Ich will so behandelt werden, wie alle anderen auch. Ich möchte kein Mitleid.“ Wenn er auf das Thema angesprochen wird, macht er kein Geheimnis daraus. „Seitdem ich denken kann, lebe ich auf der rechten Seite mit einem Glasauge, daher kann ich ja auch nichts vermissen“, klärt der Hassendorfer auf.

Vajen war gerade eineinhalb Jahre alt, als die Familie die niederschmetternde Diagnose erhielt: Retinoblastom. Während die Krebserkrankung im rechten Auge schon so weit fortgeschritten war, dass es nur noch entfernt werden konnte, erholte sich das linke Auge wieder vollständig. „Von der Krankheit hatten wir vorher noch nie gehört. Toll, wie Simon damit umgeht. Ich bin so stolz auf ihn“, erzählt sein Vater Wilfried Vajen.

Es folgten Bestrahlungen und Chemotherapien sowie zahlreiche Untersuchungen. „Ich kann mich zum Glück an nichts erinnern“, so Vajen, der auf der linken Seite hundertprozentige Sehkraft hat.

Durch das Glasauge fehlt ihm komplett das räumliche Sehen. So kommt es schon mal vor, dass er einen Gegenspieler zu spät wahrnimmt oder aber nicht einschätzen kann, wo der Ball genau aufkommt. „Ich kann mich aber gut anpassen und stelle mich immer so hin, dass ich möglichst alles im Blick habe. Ich muss mich öfter drehen.“

Auch in der Schule hat er seine Beeinträchtigung souverän gemeistert und im Sommer sein Abitur bestanden. Und wenn es mal Probleme beim Thema Geometrie gab oder aber im Kunstunterricht bei 3D-Zeichnungen – der Hassendorfer hatte stets eine Lösung parat.

Mittlerweile ist seine Behinderung im Familien- und Freundeskreis gar kein Thema mehr. Die Augenprothese gehört dazu. Vielmehr dreht es sich im Hause Vajen um Fußball. Kein Wunder: Vater Wilfried ist Coach der ersten Herren des TV Hassendorf. Und da sich Vajen junior langfristig nicht mit der Reserve zufrieden geben will, könnte der 18-Jährige bald bei seinem Vater im Team stehen. Schon jetzt trainiert er dort ab und zu mit. „Der Zwei-Klassen-Unterschied ist groß, doch ist es nicht unmöglich, den Sprung zu schaffen“, meint der ehrgeizige Angreifer. Wilfried Vajen fügt hinzu: „Simon hat auf jeden Fall technische Qualitäten und ist sehr kopfballstark. Ihm fehlt allerdings noch etwas die Spritzigkeit. Natürlich hoffe ich, dass er bei uns anklopft.“ Bis dahin dauert es aber noch eine Weile, denn erstmal verabschiedet sich der Hassendorfer im November mit einem Kumpel für einige Monate nach Neuseeland.

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