„Mr. Pokerface“ mit der Hornbrille

Tischtennis-Legende Eberhard Schöler flüchtete im Weltkrieg nach Scheeßel

Eberhard Schöler holt mit der rechten Hand zum Schlag aus.
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„Mr. Pokerface“: Eberhard Schöler (hier bei der WM 1969 in München) war für seine konzentrierte und ruhige Verteidigung bei den Gegnern gefürchtet.

Als kleiner Junge floh Eberhard Schöler vor der Roten Armee, verbrachte seine Kindheit in Scheeßel, zog nach Düsseldorf, wo seine große Tischtennis-Karriere startete.

Rotenburg – Der Name Eberhard Schöler wird vielleicht vielen aus der jüngeren Generation nichts sagen. Dabei ist er bis heute der einzige deutsche Tischtennisspieler, der ein WM-Einzelfinale erreicht hat – und das ist auch bereits fast 52 Jahre her. Das Leben des inzwischen 80-jährigen Vizeweltmeisters hätte aber auch komplett anders verlaufen können – waren da doch zwei einschneidende Erlebnisse in seiner Kindheit. Und da spielte Scheeßel eine entscheindene Rolle!

Es war das Frühjahr 1945, der Zweite Weltkrieg kurz vor dem Ende: Schölers ältere Brüder sowie sein Vater waren als Soldaten an der Front, er selbst gerade einmal vier Jahre alt und mit seiner Mutter im heimischen Flatow (Westpreußen) auf sich allein gestellt. Als die Rote Armee auf dem Vormarsch war, also quasi fast vor der Haustür stand, flüchtete er gemeinsam mit „Mama und unseren Nachbarn auf einem Wagen. Die Tochter von nebenan und ich saßen bei eiskaltem Wetter auf der Ladefläche“, erinnert er sich. „Das Ziel war Scheeßel. Da hatten wir eine verwandte Familie – die Wedels. Bei denen sind wir dann freundlicherweise untergekommen.“

Nach der Ankunft lebten sie sich recht schnell ein. „Meine Mutter holte meinen Bruder Reinhard aus einem Krankenhaus aus der Umgebung zu uns. Das war wirklich toll, dass sowohl er als auch mein anderer Bruder Karl-Heinz und mein Papa fast unversehrt aus dem Krieg zurückgekommen waren“, erzählt Schöler rückblickend.

Freunde unter sich: Eberhard Schöler (2.v.l.) und Rüdiger Wedel (4.v.l.) mit ihren Familien.

Gemeinsam mit den Söhnen der Familie Wedel verbrachte Eberhard Schöler viel Zeit. Daran erinnert sich auch Rüdiger Wedel noch: „Wir haben häufig zusammen gespielt.“ Der 84-Jährige lebt heute immer noch in Scheeßel. Schöler fällt auch noch eine weitere Geschichte dazu ein: „In dem einen Winter verletzte ich mich beim Herunterlaufen von einem Schneehügel, den wir aufgeschüttet hatten. Ich kam leicht ins Trudeln, mein Freund fiel auf mein Knie und dann war es soweit. Ich kam ins Krankenhaus. Dort setzte der Arzt mir einen Nagel ins Knie. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass der Heilungsprozess so super verlief. Anschließend hatte ich keine Beeinträchtigung mehr im Knie.“ Sonst wäre die sportliche Karriere bereits beendet gewesen, bevor sie überhaupt angefangen hatte.

Das Thema Sport war während seiner Zeit in Scheeßel ohnehin noch von keiner Bedeutung. Zwar habe sein Bruder Reinhard Schöler bereits Tischtennis bei Rot-Weiß Scheeßel gespielt, weiß auch Rüdiger Wedel, allerdings „war er auch neun Jahre älter als ich. Für mich war nach dem Krieg erst mal der Überlebenswille größer, als der Wille, mit dem Sport anzufangen“, erzählt der spätere Tischtennis-Profi.

Erst mit dem Umzug 1949 nach Düsseldorf – dort arbeitete der Vater als Ingenieur – trat auch Eberhard Schöler einem Verein bei. Nachdem er es zunächst mit Fußball und Handball versucht hatte, war ihm schnell klar geworden, dass Tischtennis seine Sportart werden sollte. Beim TTC Schwarz-Weiß 37 Düsseldorf lernte Schöler ab 1953 diverse Schläge vom Topspin über den Unterschnitt bis hin zum Flip, ehe nach nur vier Jahren mit dem Wechsel zum DJK TuSA 08 Düsseldorf auch der Einstieg in den Herrenbereich anstand. Dort stellte der damals 17-Jährige sein Talent unter Beweis und stieg bereits nach einem halben Jahr bei der zweiten in die erste Mannschaft auf. Gleichzeitig war das für Schöler der Durchbruch zunächst an die deutsche, später auch an die internationale Spitze. Neben einem Mannschaftstitel bei den Deutschen Meisterschaften erkämpfte der junge Sportler zwischen 1962 und 1971 insgesamt neun DM-Siege im Einzel und wurde damit zum Seriengewinner. Auch nach dem Wechsel Ende der 60er-Jahre zum damaligen Polizeisportverein Borussia Düsseldorf setzte er seinen Erfolg fort.

Mit 300 km/h zur Weltmeisterschaft

Neben den diversen nationalen Titeln überzeugte Schöler mit seiner Leistung auch auf der Weltbühne des Tischtennis. So spielte er zwischen 1961 und 1973 insgesamt 155 Mal in der Nationalmannschaft. In dieser Zeit holte er die Vizeweltmeisterschaft 1969 (im Einzelfinale gegen den Japaner Shigeo Itoh und mit der Mannschaft) sowie einen dritten Platz 1965 und 1967.

Auch im Mixed hatte Schöler seine Stärken. Gemeinsam mit seiner aus England stammenden Ehefrau Diane gelang ihm der Bronze-Platz bei der WM 1971 in Nagoya (Japan). „Wir sind damals mit dem schnellsten Zug der Welt von Tokio zum Austragungsort gefahren. Der fuhr 300 km/h“, weiß er noch genau und lacht.

Drei Jahre nach seinem Erfolg beendete der Tischtennis-Profi zunächst seine internationale Karriere, im August 1979 dann auch die nationale. Doch damit war für ihn noch lange nicht Schluss. Er gewann im Seniorenbereich 1982 noch die Deutsche Meisterschaft – zudem 1986 den zweiten Platz bei den Senioren-Weltmeisterschaften in der Ü 40-Klasse.

Privat und sportlich ein Team: Diane und Eberhard Schöler an der Tischtennis-Platte.

Sein Erfolg kam nicht von irgendwo her. Er war sehr sportlich („Ich lief die 100 Meter in 11,4 Sekunden“) ehrgeizig, konzentriert und hatte den Fokus immer auf sich selbst gerichtet. Zudem war Schöler „ein ruhiger Typ. Ich war nie das Super-Talent. Ich habe lediglich die Bälle zurückgebracht und ruhig verteidigt. Der Angriff kam erst nach und nach dazu. Die Gelassenheit hat mir zudem geholfen, wenn ein Gegner ausgerastet ist“, beschreibt er seine eigenen Stärken. Aufgrund dieser Eigenschaft bekam er von einem Sportjournalisten den Spitznamen „Mr. Pokerface“.

Neben seinem Spitznamen war Schöler auch für seine markante Hornbrille bekannt. „Ich habe die Brille aber nicht so sehr als mein persönliches Merkmal wahrgenommen. Es war schlichtweg leichter, die 180-km/h-Bälle meiner Gegner wahrzunehmen“, erinnert er sich. Probleme mit den Augen hatte das ehemalige Tischtennis-Ass schon seit der Kindheit. „Mein Vater war Optiker und hat ihm damals die Brille verschrieben“, erzählt Rüdiger Wedel. Aufsetzen musste er die Brille allerdings nur beim Sport. „Ich hatte damals -2 Dioptrien beim in die Ferne schauen. Heute sind es nur noch -1,5 Dioptrien“, sagt Schöler lachend.

Mit „Schöler-Schläger“ erste Existenz aufgebaut

Da der Tischtennis-Sport zu seiner aktiven Zeit noch nicht so professionell wie heute war – er bekam vom Verein kein Geld – studierte Schöler nebenbei Betriebswirtschaft, um sich eine Karriere neben dem Sport aufzubauen. Sein Examen hat er nie gemacht, stattdessen arbeitete er als Kaufmann in der glasverarbeitenden Industrie. Eine weitere Einkommensquelle während seiner aktiven Zeit war der Verkauf der sogenannten „Schöler-Schläger“. Mehrere Firmen waren auf ihn zugekommen, um einen Werbedeal mit ihm zu schließen. „Das war auf jeden Fall ein nettes Nebeneinkommen, womit Diane und ich uns die erste Existenz aufgebaut haben“, erzählt Schöler.

Nach seiner aktiven Karriere kehrte er dem Tischtennis nicht den Rücken, sondern engagierte sich noch bis vor kurzem in zahlreichen Ehrenämtern: Unter anderem war Schöler von 1981 bis 1983 Sportwart des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), wurde 1993 Vizepräsident Leistungssport beim DTTB, ein Jahr später in den Vorstand des Weltverbandes (ITTF) gewählt und war von 1994 bis 2012 Vizepräsident beim europäischen Verband (ETTU). 2007 trat er im DTTB-Vorstand zurück.

Geehrt: Eberhard Schöler wurde 2017 zum Ehrenkapitän der Nationalmannschaft ernannt.

Während die Liebe zum Sport nie abgerissen ist, brach der Kontakt zu Familie Wedel aus Scheeßel in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach ab. „Meine Frau und ich sind vor Jahren mal durch den Ort gefahren, als wir auf dem Weg zu einem Termin in Hamburg waren. Leider war die Zeit zu kurz, um bei den Wedels anzuhalten. Der Wille war da. Leider ist es bis heute aber nicht dazu gekommen“, erzählt Schöler wehmütig. Sein einstiger Jugendfreund Rüdiger Wedel besitzt übrigens immer noch ein gemeinsames Foto aus der damaligen Zeit.

Zur Person: Eberhard Schöler

Alter: 80 Jahre.

Beruf: Kaufmann im Ruhestand.

Familienstand: Verheiratet mit der ehemaligen englischen Tischtennis-Nationalspielerin Diane Schöler (geb. Rowe).

Vereine: TTC Schwarz-Weiß 37 Düsseldorf, DJK TuSA 08 Düsseldorf, PSV Borussia Düsseldorf.

Größte Erfolge: Vizeweltmeister 1969 (im Einzel und mit der Mannschaft), Dritter bei den Weltmeisterschaften 1965 und 1967, Neunmal Deutscher Meister im Einzel, Deutscher Mannschaftmeister, dreifacher Deutscher Meister im Mixed.

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