Eine Antwort auf den offenen Brief des DFB

Sehr geehrter Herr Keller!

Etwas mehr als nur bunte DFB-Aufkleber wünschen sich viele Vereine von ihrem Verband in der Corona-Pandemie.
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Etwas mehr als nur bunte DFB-Aufkleber wünschen sich viele Vereine von ihrem Verband in der Corona-Pandemie.

Rotenburg ‒ Mit einem offenen Brief hat sich die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) – Präsident Fritz Keller und der 1. Vizepräsident Rainer Koch – an ihre rund 24 500 Mitgliedsvereine gewandt. Unser Redakteur, selbst leidenschaftlicher Kicker in einer illustren und talentfreien Montagsrunde sowie ehrenamtlich im Spartenvorstand seines Heimatvereins im Kreis Verden tätig, findet wenig Gutes daran und antwortet deshalb – natürlich ebenfalls mit einem offenen Brief.

Sehr geehrter Herr Keller! Sehr geehrter Herr Koch!

Schön, dass sich die DFB-Spitze um den Amateurfußball sorgt, nachdem dieser seit fast einem Jahr unter der Corona-Pandemie leidet. Ein bisschen spät, meinen Sie nicht auch? Es sei Ihnen verziehen, schließlich haben Sie ja auch wichtigere Baustellen bei sich in Frankfurt. Was Sie allerdings in 923 wärmenden Worten mitteilen, empfinde ich als nichtssagend bis überflüssig. Eine Ansammlung von Plattitüden, die Solidarität bekunden soll. „Gerade der Fußball kann in der Krise Großes leisten“, schreiben Sie. Ja, dann fangen Sie endlich damit an! „Der Fußball als weltweite Sportart Nummer eins muss vorangehen“, glauben Sie. Wie wäre es denn mal mit hinten anstellen, wenigstens in dieser Zeit? Aber Demut gehörte noch nie zu den Tugenden des DFB und Profifußballs.

Ihr Brief erinnert mich irgendwie an den netten Onkel aus der Großstadt, der einmal im Jahr zu Besuch kam, einem über den Kopf streichelte und fragte: „Und Kleiner, wie geht’s dir so?“ Nur, dass er noch immer eine Tüte Bonbons mitbrachte. Die Amateurvereine brauchen kein Mitleid und keine Almosen, sondern Hilfe. Jetzt. Finanzielle Erleichterungen seitens des Verbandes könnten da spürbar entlasten. Erstattung der Meldegelder, so als Beispiel. Doch diese Vorschläge bieten Sie in Ihrem Schreiben nicht an. In keinem Satz.

Der offene Brief des DFB (Auszüge)

Liebe Fußballfamilie,

nur zu gerne hätten wir Euch heute zugerufen: Macht die Sportplätze wieder auf, knipst das Flutlicht an und geht endlich wieder raus, geht kicken. Unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen und Hygienekonzepte. So, wie wir es im vergangenen Sommer bereits mit großer Sorgfalt getan haben. So, wie es bereits einmal von Euch allen hervorragend und mit unfassbar viel Herzblut umgesetzt worden ist. (...)

Wir – Vereine, DFB, Regional- und Landesverbände – tragen verantwortungsvoll die von Bund und Ländern verlängerten Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zuverlässig mit. Doch dies darf nicht zum Dauerzustand werden. (...)

Wir wünschen uns (...), dass der Sport als Teil der Lösung begriffen wird. Nicht um des Sports Willen, nein, im Sinne der Gesundheitsförderung und sozialer Beziehungen.

(...) Aber gerade der Fußball kann in der Krise Großes leisten, verlässlicher Partner sein. Er bietet Zusammenhalt und Unterstützung, Gemeinschaft und Austausch, Ziele und Perspektiven und er stärkt die Gesundheit. Großer Wunsch ist es, dass der Breitensport vor diesem Hintergrund von allen in Deutschland in dieser Wichtigkeit begriffen, wahrgenommen und schlussendlich akzeptiert wird.

(...) Denn unser Land braucht den Sport – der Fußball als weltweite Sportart Nummer eins muss vorangehen. Wer über Lockerungen diskutiert, muss zwangsweise über den Amateursport sprechen. Dafür wird sich der DFB weiter mit aller Kraft, aber auch mit Realitätssinn für die Situation einsetzen.

Denn: Fußball ist viel mehr als die Bundesliga oder die Nationalmannschaft.

(...) Rund 0,07 Prozent aller Teams in Deutschland dürfen aktuell spielen. Weil Profis dort ihrem Beruf nachgehen. Weil sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten und Arbeitsplätze in ihren Vereinen und den mit ihnen verbundenen Firmen und Branchen retten. Dafür sind wir sehr dankbar, das ist auch ein Privileg.

(...) Der Profifußball erwirtschaftet Gelder, die dem Amateurfußball zugutekommen, auf die der Amateurfußball nicht verzichten kann. Umgekehrt kommen die Profivereine nicht ohne die riesige Amateurbasis aus.

(...) Wir wissen, welch gravierende Einschnitte unsere Spieler*innen, Schiedsrichter*innen, Trainer*innen, unsere vielen ehrenamtlich Engagierten hinnehmen müssen. (...)

Zusammen mit weiteren Verbänden nicht nur aus dem Sport (...) prüfen wir aktuell technische Lösungen für die Rückkehr von Besucher*innen. Wir arbeiten intensiv an verschiedenen Konzepten, unter anderem an einer App zur Besucher*innensteuerung und -nachverfolgung für unsere Amateurvereine.

(...)

Die gesamte Gesellschaft, alle Branchen sehnen derzeit Lockerungen herbei. Sobald diese im Falle weiter sinkender Infektionszahlen und anlaufender Impfungen möglich sind, müssen vor allem unsere Kinder und Jugendlichen auf die Plätze an der frischen Luft zurückkehren dürfen. (...) Sie leiden derzeit besonders stark unter den aktuellen Einschränkungen, und die Folgen des Bewegungsmangels sind noch gar nicht absehbar. (...)

So, wie wir sonst kein Spiel trotz Rückstand in der 90. Minute aufgeben, so geben wir kein Kind und keinen Jugendlichen verloren. (...) In unseren Vereinen werden nicht nur Talente, Profis und Nationalspieler von morgen ausgebildet, sondern vor allem Menschen. (...)

(...) Sobald Sport möglich ist, kann der Fußball, (...) wieder Begeisterung schaffen und damit ein Signal des Aufbruchs setzen.

Herzliche Grüße

Fritz Keller

Dr. Rainer Koch

Erst vor wenigen Monaten hat der DFB stolz berichtet, dass die Wertschöpfung des Amateurfußballs pro Jahr bei 13,9 Milliarden Euro liege. Und was bekommen die Vereine an der Basis dafür? Seit Anfang 2019 sind es zwölf Millionen Euro, die der DFB jährlich an seine Landesverbände überweist. Wie gesagt: an die Landesverbände, nicht direkt an die Vereine. Hinzu kommen von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) noch mal 2,5 Millionen zweckgebundene Euro. „Der Profifußball erwirtschaftet Gelder, die dem Amateurfußball zugutekommen“, betonen Sie. Klingt angesichts der Verhältnismäßigkeit ein wenig – entschuldigen Sie meine Wortwahl – scheinheilig.

Erst recht, wenn doch allein der DFB bis Ende 2019 Gesamtrücklagen von 139 Millionen Euro gebildet hat und Immobilien im Wert von 27,4 Millionen Euro besaß, sich gerade eine Akademie für 150 Millionen Euro leistet, aber selbst bei der so wichtigen Trainerausbildung einen höheren Ertrag als Aufwand hat. Warum bezuschussen Sie diesen Bereich nicht spürbar? Warum muss ein Trainer in den Amateurligen mehrere Hundert oder gar Tausende Euro hinlegen, um eine Lizenz zu erlangen?

„Der Fußball ist viel mehr als die Bundesliga oder die Nationalmannschaft“, steht in Ihrem Brief, der an die Amateure gerichtet ist, in dem Sie aber gleichzeitig eine Lanze für die spielenden Profis brechen, weil sie „ihrem Beruf nachgehen. Weil sie damit ihren Lebensunterhalt bestreiten.“ Das würde der nette Jeansverkäufer um die Ecke mit seinen zwei Angestellten auch gerne. Oder die selbstständige Kosmetikerin, die kaum weiß, wie sie über die Runden kommen soll. Sie haben dieses „Privileg“ nicht, dabei setzen all diese Menschen die Hygienekonzepte sicherlich ebenso professionell um – ohne, dass es bei ihnen zu so zahlreichen Corona-Fällen wie etwa beim weit gereisten und in seiner „Bubble“ befindlichen FC Bayern kommt.

Ja, ich weiß, erste und zweite Liga sind das Hoheitsgebiet der DFL. Aber war der Spanien-Ausflug der Nationalmannschaft im November denn besser? In meinen Augen haben der Profifußball und der DFB damit ihre Vorbildfunktion verwirkt.

„In unseren Vereinen werden nicht nur Talente, Profis und Nationalspieler von morgen ausgebildet, sondern vor allem Menschen“, lese ich im vorletzten Absatz. Ja, frage ich mich, warum schreiben Sie denn ganz unpersönlich offene Briefe, die im Mail-Postfach des Vereins landen, statt mit eben diesen Menschen zu sprechen? Fragen Sie doch den Jugendtrainer, den Jugendleiter oder den Hygienebeauftragten vor Ort nach seinen Sorgen, statt eine Aufmerksamkeit heischende Umfrage zu starten. „Euer Engagement verdient die höchste Wertschätzung, darauf dürft Ihr mächtig stolz sein!“, betonen Sie. Da gebe ich Ihnen recht. Gleichzeitig rufe ich Ihnen zu: Dann handeln Sie auch danach!

In diesem Sinne: Beste Grüße schickt ganz offen

Matthias Freese

Umfrage des DFB

Jetzt sind die Fußballvereine in Deutschland gefordert – der Deutsche Fußball-Bund (DFB) will‘s wissen und ruft Sportler wie Ehrenamtliche zu einer großen Umfrage zur aktuellen Situation des Amateurfußballs auf. „Damit wir ein möglichst umfassendes Bild bekommen, um die weiteren Schritte angehen zu können“, schreiben DFB-Präsident Fritz Keller sowie der 1. Vizepräsident und für den Amateurfußball zuständige Rainer Koch. In mehr als 20 Fragen geht es darum, wie sehr der User den Amateurfußball vermisst, ob er nach dem Lockdown in seinem Verein und den Amateurfußball zurückkehren wird und welche Lockerungen am wichtigsten wären. „Was werden die größten Herausforderungen für Deinen Vereinen nach der Corona-Pandemie sein?“, interessiert den DFB ebenso wie die Frage, welche Maßnahmen die Rückkehr auf den Platz am besten unterstützen könnten. Was die Fußballer in dieser Phase vom DFB und ihrem Landesverband erwarten, wird nicht erfragt. Der Link zur Umfrage findet sich auf der Homepage des DFB.

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