Kreisrekord des ehemaligen Gehers hält ewig

Kowald löste 1972 fast das Olympia-Ticket

Geher um Günther Kowald gehen durch das Münchner Olympiastadion.
+
Traum von Olympia 1972: Günther Kowald (Startnummer 108) verpasste bei diesem Vorkampf über 20 Kilometer in München die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Übrigens: Der Deutsche Bernd Kannenberg (Nr. 121) gewann später bei den Spielen über 50 Kilometer Gold.

Seine Sportart war das Gehen: Günther Kowald nahm an rund 20 Deutschen Meisterschaften teil und ging für seinen Olympia-Traum 1000 Kilometer monatlich im Training.

Worth – Günther Kowald ist auch fast 20 Jahre nach seinem Renteneintritt ein Turn- und Sportlehrer durch und durch geblieben. Keine Frage lässt der 82-Jährige unbeantwortet, keine Wissenslücke füllt er nicht mit seiner breiten Expertise und Erfahrung. Geholfen hat ihm das aber auch persönlich – in seinem liebsten Hobby, dem Gehen. In dieser leichtathletischen Disziplin nahm er nicht nur „an rund 20 Deutschen Meisterschaften teil, ich habe es auch beinahe zu den Olympischen Spielen 1972 in München geschafft“, erzählt der Worther stolz.

Alles begann in Graudenz (Westpreußen). Von dort floh der sechsjährige Kowald Ende Januar 1945 gemeinsam mit seiner Mutter und den drei älteren Geschwistern. Zwei Monate dauerte die Flucht nach Rotenburg, wo er seine Schulzeit im Frühjahr fortsetzte. Nach dem Ende der Schulpflicht fing er mit einer Lehre zum Polsterer und Dekorateur an und legte mit gerade einmal 17 Jahren seine Gesellenprüfung ab. Von da an bestand der Alltag des jungen Mannes aus einer 55-Stunden-Arbeitswoche.

Sein Fleiß riss auch in der täglichen zweistündigen Mittagspause nicht ab: „Ich bin im Sommer dann immer zum Schwimmen an den Bullensee gefahren. Oftmals hatte der nur 16 Grad, aber das war mir persönlich egal. Mein Hobby war damals noch das Schwimmen – schon seit ich zehn Jahre alt war.“

Zur Person: Günther Kowald

Alter: 82 Jahre.

Geburtsort: Danzig.

Wohnort: Worth.

Familienstand: Verwitwet, zwei Kinder.

Beruf: Turn- und Sportlehrer im Ruhestand.

Sportart: Gehen.

Vereine: TuS Rotenburg, Eintracht Frankfurt.

Besondere Wettkämpfe: Ca. 20 Teilnahmen an Deutschen Meisterschaften (Einzel: 20 km, 50 km; Mannschaft: 50 km); Vorkampf 1971 in München zur Qualifikation für Olympia; Teilnahme am Ländervergleich mit der deutschen Nationalmannschaft gegen die Schweiz und Frankreich.

Größter Erfolg: Zweiter Platz mit der Mannschaft von Eintracht Frankfurt bei der DM über 50 km.

Neben dem Wasser interessierte sich Kowald auch für das Fliegen. Um seinen Traum, einmal in einem Flugzeug zu sitzen, wahr werden zu lassen, verpflichtete er sich nur kurze Zeit später bei der Bundeswehr in Stade. Dort wollte er eine Flugausbildung beginnen. Nur kam es nicht dazu, „weil unmittelbar vor dem Beginn mein Bruder in Rotenburg tot aufgefunden wurde – überfahren. Das war für meine Eltern ein großer Schock. Und sie wollten nicht noch ein Kind verlieren. Da ich noch minderjährig war, konnte ich nicht selbst entscheiden und benötigte die Unterschrift von Mama und Papa.“ So platzte der Flug-Traum und Kowald durchlief eine Sanitäterausbildung. Zeitgleich wandelte sich sein sportliches Interesse vom Schwimmen zur Leichtathletik.

Nach dem Ende seiner Bundeswehrzeit arbeitete Kowald erneut ein Jahr als Polsterer. „Eines Tages hörten wir im Radio, dass Sportbegeisterte gesucht werden, die an der Meller Sportschule eine Ausbildung zum Turn- und Sportlehrer machen wollten. Da wurde ich hellhörig, bestand meine Aufnahmeprüfung und machte 1963 das Examen“, erinnert sich Kowald. Als ausgebildeter Lehrer begann er zunächst in Delmenhorst, ehe 1966 ein Wechsel an das Ratsgymnasium in Rotenburg anstand. Dort pfiff er acht Jahre lang die Schülerinnen und Schüler durch die Sporthalle. Seine letzte berufliche Station waren die Berufsbildenden Schulen in der Wümmestadt.

Mit dem Schritt zurück nach Rotenburg flammte die Leidenschaft zum Gehen auf: „Ich weiß noch ganz genau, das war ein Volkslauf in Bremen mit einigen tausend Teilnehmern. Mein erster Wettkampf – ich belegte direkt Platz neun.“ Dabei blieb es nicht an dem Tag: „Ich habe zudem Julius Müller (deutscher Teilnehmer an den Olympischen Spielen 1968 im 20-km-Gehen, Anm. d. Redaktion) kennengelernt. Wir haben fortan häufig zusammen trainiert.“ Kowalds Verein war der TuS Rotenburg.

„Ein Sportler durch und durch“

Zwei Jahre und einige Siege bei Volksläufen dauerte es, bis der junge Sportler an seiner ersten Deutschen Meisterschaft in Düsseldorf teilnahm. In einem Feld von 120 Gehern erreichte er Platz 19. Von nun an ging es Schlag auf Schlag für den Spezialisten über die 50-km-Distanz, über den der heutige Vorsitzende des TuS Rotenburg, Rolf Ludwig, sagt, er sei „ein Sportler durch und durch“. Neben einem Vereinswechsel zu Eintracht Frankfurt sorgte Kowald mit der Kadernominierung zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1972 in München für Aufsehen. Dort trainierte er drei Jahre lang alle drei Wochen zusammen mit den besten 50-km-Gehern Deutschlands an immer unterschiedlichen Orten. Einmal trafen sie sich auch in Rotenburg im Bahnhofshotel. „Die Vorbereitung auf Olympia war wirklich anstrengend. Ich bin im Monat um die 1 000 Kilometer gegangen – bei Wind und Wetter. Im Schnitt waren das also 33 Kilometer am Tag“, berichtet Kowald aus seinem damaligen Training. Zu den Einheiten kamen auch zahlreiche Wettkämpfe. Einer davon war am 25. Oktober 1970 in Friedrichsgabe (Schleswig-Holstein), bei dem er mit einer Zeit von 4:29:07 Stunden den Rotenburger Kreisrekord aufstellte. Bis heute hat diese Zeit keiner im Kreis unterboten. Ebenfalls unangefochten ist der Bezirksrekord, den Kowald gemeinsam mit Herbert Kleyer und Jürgen Kröger in der Mannschaft im 50-km-Straßengehen seit dem 6. Mai 1973 mit einer Zeit von 14:43:42 Stunden hält. Der Wert setzt sich aus den addierten Laufzeiten der drei Sportler aus dem Wettkampf in Salzgitter zusammen.

Passendes Schuhwerk: Günther Kowald zeigt ein Paar aus seiner Karriere als Geher.

Professionell übte Kowald den Sport nie aus. Er konnte auch nicht davon leben. So übernachtete er bei den Wettkämpfen oftmals sogar mit seiner Frau in einem Zelt. Anders war das beim Vorkampf 1971 in München, der Qualifikation für die Olympischen Spiele. „Wir schliefen in der Sportschule Grünwald, wo unter anderem auch die Schwerathleten der polnischen Nationalmannschaft unterkamen. Da eine strikte Trennung der Geschlechter damals noch vorherrschte, konnte meine Frau nicht bei mir sein, sodass wir sie gemeinsam mit den Polen in die Schule an den Wachen vorbeischmuggelten. Die hatten nämlich noch ein Zimmer frei und stellten ihr das zur Verfügung“, erzählt Kowald. „Am Tag darauf stand der Wettkampf über die 20 Kilometer an – und wer steht da auf einmal im Zielbereich? Gerd Rathjen und seine Familie. Ich wusste von nichts und habe mich daher umso mehr gefreut!“ Auch Rathjen, der ihn seit Ende der 1960er-Jahre kennt und damals einmal in der Woche mit ihm in der Ahe laufen ging, denkt gerne an diesen Tag zurück: „Ich war dort mit meinem Bruder. Günther wusste von nichts, als wir ihn lautstark mit seinem Spitznamen riefen.“ Wie der lautete, wollte Rathjen aber nicht verraten.

Tochter nahm an Junioren-WM teil

Kurz zuvor, im Sommer 1971, hatte Kowald seinen einzigen Einsatz für die deutsche Nationalmannschaft. Beim Ländervergleich mit Frankreich und der Schweiz belegte er den sechsten von zwölf Plätzen. Seine Teamkollegen belegten die ersten drei Plätze.

In den Folgejahren gelang ihm bei einem seiner rund 20 Starts bei Deutschen Meisterschaften sein größter Erfolg. Er wurde mit der Mannschaft von Eintracht Frankfurt Zweiter über die 50 Kilometer. Mit dieser DM in Achern (Baden-Württemberg) verbindet Kowald auch noch eine Anekdote: „Ich lag bei Kilometer 35 an sechster Stelle. Meine Frau fuhr mit ihrem Rad nebenher und fragte mich, ob sie noch was für mich tun könne. Ich antwortete ihr, dass sie zu dem Geher vor mir fahren und ,Günther komm‘, Günther komm‘ ihm sagen solle. Daraufhin war der so verunsichert, weil er ja nicht Günther hieß, und fiel zurück. Ich ging an ihm vorbei und wurde am Ende Fünfter.“

Seine aktive Karriere beendete Kowald Anfang der 1980er-Jahre. Nicht aus Altersgründen, sondern weil er fortan seine Tochter Katja Kowald trainierte. Allerdings trat sie nicht direkt in die Fußstapfen ihres Vaters, stattdessen spezialisierte sie sich auf die 1 500-Meter-Strecke. Hierbei zahlte sich wieder einmal die Erfahrung und das breite Sportwissen Günther Kowalds aus. So schaffte es seine Tochter gepaart mit ihrem Talent 1990 bis zur Junioren-Weltmeisterschaft in Plowdiw (Bulgarien). Dort lief sie auf einen neunten Platz.

Bis zum vergangenen Jahr leitete der Sportlehrer noch eine Männergruppe bei der PSG Rotenburg, zu der Gerd Rathjen ebenfalls gehört. Und dieser betont bewundernd: „Auch wenn das Gehen nicht zu den Königsdisziplinen der Leichtathletik gehört, ist Günther ein großartiger Sportler.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Meistgelesene Artikel

Kreisligist TV Stemmen schlägt RW Scheeßel im Test gleich mit 7:2

Kreisligist TV Stemmen schlägt RW Scheeßel im Test gleich mit 7:2

Kreisligist TV Stemmen schlägt RW Scheeßel im Test gleich mit 7:2
Basketball-Zweitligist verpflichtet Schinkel und holt Saidi zurück

Basketball-Zweitligist verpflichtet Schinkel und holt Saidi zurück

Basketball-Zweitligist verpflichtet Schinkel und holt Saidi zurück
Klindworth wird Ironman-Dritter auf Lanzarote

Klindworth wird Ironman-Dritter auf Lanzarote

Klindworth wird Ironman-Dritter auf Lanzarote
Krause kämpft für Disc-Golf-Anlage in Rotenburg

Krause kämpft für Disc-Golf-Anlage in Rotenburg

Krause kämpft für Disc-Golf-Anlage in Rotenburg

Kommentare