Sport vor 50 Jahren

Flöge und Müller-Scheeßel berichten vom Pfingstsportfest

Die weibliche Jugend springen über die Hürden.
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Nahmen auch dieses Hindernis: Die weibliche Jugend bei einem der zahlreichen Vorläufe im 100-Meter-Hürdenlauf im Jahr 1971 – der fünften Auflage des Pfingstsportfestes in Scheeßel. Archivfoto: Friese

Vor 50 Jahren stand die fünfte Auflage des Pfingstsportfestes statt. Im Laufe der Jahre kam sogar ein Olympiasieger nach Scheeßel. Ein deutscher Rekord sorgte für Ärger.

Scheeßel – Die erste Ausgabe des Pfingstsportfestes in Scheeßel ist mittlerweile 54 Jahre her. Ins Leben gerufen wurde die Veranstaltung damals von Gert Flöge und Karsten Müller-Scheeßel – zwei Leichtathletikbegeisterte, die 1967 nach ihren beendeten Ausbildungen zurück in die Heimat kamen. „Wir wollten ein attraktives Fest für den Nachwuchs in unserer Sportart erschaffen.

In der Region hatten wir eine große Anzahl an Leichtathleten. Die Konkurrenz sollte ausgelebt werden“, erinnert sich der 79-jährige Flöge. Da passte es sich, dass das Stadion Waidmannsruh gerade frisch errichtet worden war. Im Laufe der Zeit wurde aus einem reinen Jugendwettbewerb, wie noch 1971 bei der fünften Auflage – dem ersten kleinen Jubiläum – ein Fest für Jedermann, was mit einer jungen Frau zu tun hatte, die Flöge schöne Augen machte.

Das Pfingstsportfest schrieb in 35 Jahren die ein oder andere Geschichte. Eine blieb den beiden Machern der Veranstaltung aber besonders in Erinnerung. Als Birgit Dressel, eine Siebenkämpferin, die 1984 bei den Olympischen Spielen startete, Ende der 1970er-Jahre auf dem Siegerpodest in Scheeßel stand, sagte sie zu Flöge: „Schade, dass ich nächstes Mal nicht mehr kommen darf. Das ist dieses Jahr mein letztes in der Jugend.“ Das konnte der Veranstaltungsleiter natürlich nicht einfach stehen lassen. So wurde entschieden, dass im darauffolgenden Jahr nicht nur Dressel, sondern auch sämtliche andere Erwachsene an den Start gehen durften.

Gert Flöge (l.) und Karsten Müller-Scheeßel waren als Veranstaltungsleiter immer dabei und erlebten manch kuriose Geschichte beim Pfingstsportfest mit.

Mit dieser Erweiterung des Feldes wurde gleichzeitig auch das Tor für wahre Spitzenathleten geöffnet – nationale wie auch internationale. So ließ es sich beispielsweise der Olympiasieger von 1980 im Stabhochsprung, der Pole Wladyslaw Kozakiewicz, nicht nehmen, im Ausklang seiner aktiven Sportlerkarriere nach Scheeßel zu kommen. Mit seinen 5,50 Meter hält er noch heute den Pfingstsportfest-Rekord in der Disziplin.

Eine andere Bestmarke schaffte es sogar in die bundesweite Presse, erinnert sich Müller-Scheeßel. Es war der 4. Juni 1995. Mike Fenner vom SCC Berlin, ein bis dato eher unbekannter Läufer, flog quasi über die 110 Meter Hürden und kam nach exakt 13,06 Sekunden ins Ziel – „neuer deutscher Rekord!“, hallte es durch das Stadion. „War das gerade wirklich passiert?“, fragte sich auch Flöge, der zu dem Zeitpunkt auf der Tribüne stand und von einer Zuschauerin angesprochen wurde: „Setzen Sie sich doch mal hin. Sie sind ganz weiß.“ Da wusste er noch nicht, was in den folgenden Stunden und Tagen auf ihn zukommen sollte. Schnell wurden die Presse und die Verbände auf den Vorfall aufmerksam. „Sie wollten alle den Meeting Director sprechen. Doch den hatten wir natürlich nicht. Wir waren ja nur eine kleine Dorfveranstaltung“, meint Flöge trotz jährlich mehrerer tausend Zuschauer und fügt an: „Da ich der Veranstaltungsleiter war, wurde ich kurzerhand von den Journalisten zu eben jenem Meeting Director erklärt und war für alle Anfragen zuständig.“ So auch für den Vorwurf eines Dopingskandals. „Natürlich hatten wir keinen Dopingarzt vor Ort, was eine Kontrolle Fenners unmöglich machte. Aber glücklicherweise konnte bei einer später genommenen Probe kein Doping nachgewiesen werden“, ergänzt Müller-Scheeßel. Nun galt es noch die Rechtmäßigkeit des Rekordes anzuerkennen. Dafür wurde die Uhr vom Hersteller überprüft sowie die Laufbahnlänge und -neigung vom Vermessungsbüro Mittelstädt neu ermittelt. Erst danach gab der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sein Okay.

Das späte Okay des DLV

Lange sollte die Zeit aber nicht halten. Denn: Schon am 2. Juli lief Florian Schwarthoff bei den Deutschen Meisterschaften im Bremer Weserstadion die identische Zeit. Kurios: Alle Zeiten, die an dem Tag in vorherigen Disziplinen erzielt wurde, waren nach der Überprüfung von inoffizieller zu offizieller gleichgeblieben, nur nicht die der 110 m Hürden. Aus 13,06 wurden 13,05 – und damit wiederum der neue deutsche Rekord. Sehr zum Ärger von Flöge, wie er verrät: „Der DLV wollte halt keinen deutschen Rekord von einem eher unbekannteren Sportler, der bei einer dörflichen Veranstaltung gelaufen ist.“

Ebenfalls ungewöhnlich waren einige Vorgehensweisen beim Pfingstsportfest. „Wir haben in der Zeit des Festes mehrfach gegen die Regeln des DLV verstoßen. Zum Beispiel fanden bis zu 62 Wettkämpfe an nur einem Tag statt – zu viel für einen so kurzen Zeitraum. Auch, dass wir fast ohne lizenzierte Kampfrichter arbeiteten, war nicht gern gesehen“, weiß Müller-Scheeßel. Geholfen haben stattdessen die Schüler der Eichenschule – dort war der 81-Jährige lange Zeit Direktor. Bis zu 100 Unterstützer waren es zum Beispiel 1971, die einen strukturierten Ablauf der Disziplinen ermöglichten. Als Dank bekamen alle zehn Mark, um sich vor Ort mit Essen und Getränken zu versorgen. Laut Flöge waren damit alle zufrieden.

Auf Knopfdruck: Karsten Müller-Scheeßel brauchte als Ansager, wie hier 1976, nur selten einen Zettel – er hatte die meisten Zahlen und Fakten im Kopf.

Seine zwei Söhne waren ebenfalls immer dabei: „In den jungen Jahren haben sie erst Zettel verteilt, dann in den Sprunggruben mit geharkt und später federführend die EDV-Auswertung aller Ergebnisse gemacht.“ Die „Datenberge“ wurden in drei parallel laufenden Computern eingegeben. „Wir waren in der Organisation ein eingespieltes Team. Wir mussten keine Meetings vorher abhalten – jeder wusste, was er oder sie zu tun hat“, ergänzt Müller-Scheeßel. Die Vorbereitung lief dabei nicht immer glatt: „Gerade die Herrichtung der Aschebahn war sehr mühselig. Wenn ich samstags die Bahn abgekreidet habe, es in der Nacht dann aber geregnet hat, musste ich sonntags wieder früh raus und alles noch mal neu machen“, erzählt Müller-Scheeßel und lacht.

Das Abkreiden hatte ein Ende, nachdem die Aschebahn durch eine Kunststoffbahn ersetzt wurde. Freude und Leid zugleich, denn: Der Materialtausch verursachte auch eine Unterbrechung des jährlichen Zyklus´ des Pfingstsportfestes Anfang der 1980er. „Wir mussten da nachziehen, weil alle Vereine um uns herum bereits eine Kunststoffbahn gebaut hatten und die Sportler lieber an Wettkämpfen dort teilnahmen als bei uns“, erklärt Müller-Scheeßel. Zum Re-Start kam es drei Jahre später. Es sollte sich allemal lohnen. Mitte der 1990er waren es jährlich mehr als 1 000 Teilnehmer, auch bedingt durch die Wiedervereinigung. „Damals kamen viele Ost-Vereine zum Sportfest“, berichtet der begeisterte Leichtathlet. Im Jahr 2000 gab es sogar 132 Meldungen bei den Männern über die 100 Meter. Geteilt auf sechs Bahnen ergab das 22 Vorläufe – ein enormer Zeitaufwand.

„Nachhaltig mit der Leichtathletik infiziert“

Zwei Jahre später fand die letzte Ausgabe des Pfingstsportfestes statt. Gründe gab es für das Ende viele. Die Starterfelder fingen an, kleiner zu werden. „Wir sprechen zwar immer noch von 700 bis 800 Teilnehmern, was im Vergleich okay war. Aber wir wollten nicht den Niedergang der Leichtathletik miterleben, sondern dann aufhören, wenn es am schönsten war“, sagt Müller-Scheeßel. Ein weiterer Faktor war der Wegzug des letzten Trainers Michael Bolm, der Vater von Hürdenläuferin und Olympiateilnehmerin Kirsten Bolm. „Zudem fehlte die Motivation allmählich, der Basketball hatte die Leichtathletik an Popularität abgelöst und die Anzahl an ausgebildeten Sportlehrern mit Leichtathletikkenntnis nahm ab“, ergänzt der Eichenschul-Direktor. Sein einstiger Stellvertreter Flöge meint dennoch: „Letztlich ist es uns aber total schwergefallen. Nach der letzten Pokalübergabe“, die seine Schwiegertochter übernahm, „hätte ich heulen können“. Heute denke er in manchem Jahr zu Pfingsten daran, welche Disziplin um diese Uhrzeit gerade laufen würde.

Nicht aufgehört haben übrigens die Mitstreiter von der LAV Zeven. Deren Veranstaltung hätte dieses Jahr das 40. Mal stattfinden sollen, wurde aber aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt. „Ohnehin ist die Atmosphäre dort nicht mit der zu vergleichen, die wir in den Hochzeiten hatten“, meint Flöge und verweist auf das eigene Fest, bei dem es rings um das Stadion ein Zeltlager gab, in denen die Sportler übernachteten. Geschlafen wurde allerdings eher selten. Auch nachts stand ein sportlicher Wettkampf an – jedoch eher mit dem Faktor Spaß. Er war Teil einer Party. In einer Staffel wurden unter anderem Trabbis über die Laufbahn vom Start- in den Zielbereich geschoben. Mit initiiert wurde es vom damals jungen Leichtathleten Eckhard Rohde.

„Er war einer von vielen, den wir durch das Pfingstsportfest nachhaltig mit der Leichtathletik infiziert haben“, freut sich Karsten Müller Scheeßel über die erreichten Ziele vom Anfang und über Rohde, der heute für den Hochschulsport in Köln zuständig ist.

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