Alles spricht für Reinhard Grindel als DFB-Präsidenten

Der Karrierist

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Der Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel (CDU) aus Rotenburg hat es nicht eilig, sich zu einer möglichen Kandidatur als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes zu äußern. Von Insidern wird er derzeit als einziger Bewerber gehandelt. Doch Grindel winkt ab und verweist auf Gespräche in den Gremien. n Foto: dpa

Rotenburg - Von Matthias Freese. Als aktiver Fußballer war die Laufbahn von Reinhard Grindel beendet, noch bevor sie überhaupt so richtig begonnen hatte – nur bis zur B-Jugend spielte er für den SC Victoria Hamburg.

Im Job und im Ehrenamt hat der inzwischen 54-Jährige dafür gleich drei Karrieren hingelegt – als Journalist, Politiker und Fußball-Funktionär. Ist der Bundestagsabgeordnete und DFB-Schatzmeister nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach nun reif für das Präsidentenamt im größten Fußball-Verband der Welt?

Vom Außenseiter ist Grindel inzwischen zum Top-Favoriten aufgestiegen, nachdem auch der aktuelle Interims-Präsident Rainer Koch nicht kandidieren will. Das jedenfalls hatte Karl-Rothmund, Vorsitzender des Niedersächsischen Fußballverbandes, ausgeplaudert. Gleichzeitig schob er damit ganz bewusst seinen ehemaligen Weggefährten und Parteifreund in den Mittelpunkt. Eigentlich sollte Koch in den nächsten Tagen Grindel vorschlagen.

Grindel selbst hat gestern gegenüber unserer Zeitung erklärt: „Wir haben am kommenden Dienstag in Hannover eine Konferenz der Präsidenten der Regional- und Landesverbände. Dies ist der Ort, um über Zeitpläne und mögliche Kandidaten für das Amt des DFB-Präsidenten zu sprechen. Außerdem brauchen wir daneben eine Abstimmung mit dem Ligaverband, um zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen.“ Über eine mögliche eigene Kandidatur verliert Grindel kein Wort.

Bisher hatte sich der Verwalter der DFB-Millionen mit Äußerungen zur aktuellen Affäre um die WM-Vergabe 2006 sehr zurückgehalten und nicht gerade das Scheinwerferlicht gesucht – solange, bis Niersbach zurücktrat. Was seinen möglichen Ambitionen sicher nicht abträglich ist.

Grindel versteht es jedenfalls, sich in Stellung zu bringen. Der Jurist begann seinen beruflichen Aufstieg als Journalist. Er war beim ZDF Hauptstadt-Studioleiter und anschließend in gleicher Funktion für den Sender in Brüssel tätig, ehe er 2002 für die Christdemokraten über die Liste in den Bundestag einzog. Inzwischen sitzt Grindel in seiner vierten Legislaturperiode in Berlin. Seit der Wahlkreis-Reform 2009 hat er sich im ländlich und konservativ geprägten Raum Rotenburg/Heidekreis stets direkt gegen Widersacher Lars Klingbeil (SPD) durchgesetzt. Und Grindel kämpft mit harten Bandagen: Unmittelbar vor der jüngsten Wahl hatte er noch die Löschung eines NDR-Beitrags über Klingbeil von der Internetseite des Fernsehsenders erreicht. Auch nach der Wahl ist er mit dem politischen Gegner und Koalitionspartner nicht unbedingt auf Kuschelkurs gegangen.

Doch in Berlin geht es für Grindel auf der Karriereleiter nicht mehr recht weiter. Er war einst Obmann im Innenausschuss, hatte dort den Ruf eines Hardliners, saß in den Untersuchungsausschüssen Gorleben und Visa und wurde dort für seine Hartnäckigkeit und seinen Fleiß in der Fraktion geschätzt. Attribute, die jetzt beim DFB gefragt sind. In der Politik ist Grindel inzwischen eher ein „Hinterbänkler“. Er ist nur noch stellvertretender Vorsitzender des weniger bedeutenden Sportausschusses und geriet dabei zuletzt wegen möglicher Interessenkonflikte in die Kritik. Im Sportausschuss müsste der Politiker Grindel bei der Aufklärung des WM-Skandals normalerweise den Sportfunktionär Grindel befragen.

Kommentar zum Thema

Dass sich seine Prioritäten spätestens seit der Wahl zum DFB-Schatzmeister in Richtung Fußball verschoben haben, ist offensichtlich. Bereits nach seiner Wahl zum DFB-Schatzmeister hatte Grindel erklärt: „Ich habe vor, bei meiner Arbeit in Berlin etwas kürzer zu treten.“ Das zeigt sich auch daran, dass er in der aktuellen Legislaturperiode bisher 16 namentliche Abstimmungen verpasst hat – so etwa die zur Finanzhilfe zugunsten Griechenlands oder die zur Transparenz von Nebeneinkünften.

Zu diesem Zeitpunkt wurde er von DFB-Insidern noch nicht als „Kronprinz“ gesehen. Im Gegenteil, Kritiker stellen seine Fußball-Fachkompetenz infrage. Doch die ist angesichts der aktuellen Lage wohl eher zweitrangig. Selbst wenn Grindel bei manchem DFB-Mitarbeiter nicht gerade den Ruf eines Kumpel-Typs genießt, so trauen ihm nicht nur Rotenburger Freunde zu, in Frankfurt auszumisten und „die alten Seilschaften abzuschneiden“. Als Sportfunktionär hat er sich bisher jedoch noch nicht als Krisenmanager bewährt. Grindel weiß auch durchaus, was Korpsgeist bedeutet, aber er ist nicht abhängig davon. Auf ihn lastet nicht der stechende Stallgeruch der alten Clique.

Seine höhere Funktionärslaufbahn begann schließlich erst nach der WM 2006. Auch mit der Residenz von Trinidad und Tobago in Rotenburg hatte der zweifache Familienvater nur am Rande zu tun. Beim Rotenburger SV war Grindel zwar einige Jahre im Vorstand, als wenig präsenter Pressewart aber nur in zweiter Reihe. Seinen größten Auftritt hatte er, als er den Club seinerzeit juristisch vor dem Bezirkssportgericht vertrat. Und immer noch ist er dem Verein stark verbunden, erst vor einigen Monaten holte er Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff an die Wümme. Bei solchen Terminen tritt Grindel fast väterlich-staatsmännisch, bisweilen aber auch arrogant auf. Seine körperliche Größe gereicht ihm bei diesem Habitus zum Vorteil, auch wenn er bei Fotos bisweilen nicht weiß, wo er die Hände lassen soll und sie dann vor dem Körper so zusammenführt, als würde er einen Kugelschreiber festhalten.

Im Oktober 2011 übernahm Grindel den Posten des ersten stellvertretenden Vize-Präsidenten beim Niedersächsischen Fußball-Verband, einige Monate vorher wurde er beim DFB Antikorruptionsbeauftragter, was er bis November 2013 auch blieb. Er sitzt außerdem in diversen Stiftungen, wie etwa im Kuratorium der Robert-Enke-Stiftung, und im Vorstand des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“. Und er ist auch deshalb der Favorit der Landesfürsten, weil er „weiß, wo der Basis der Schuh drückt“, wie er selbst sagt. Ob er bei einer möglichen Wahl aber auch seinen Status als Bundestagsabgeordneter behalten wird, ist eine offene Frage.

Formell dürfte es wohl keine Bedenken geben, schließlich ist der Posten des DFB-Präsidenten immer noch ein Ehrenamt. Nur zeitlich wird sich das kaum vereinbaren lassen. Noch lange vor der derzeitigen Krise erklärte Grindel: „Ein, zwei Tage in der Woche bin ich in Frankfurt oder für den DFB unterwegs.“ Dafür hat er vom Verband ein Dienstfahrzeug der gehobenen Klasse erhalten, neben einer Aufwandsentschädigung im vierstelligen Bereich. Der DFB macht seine Honorar- und Vergütungsordnung zwar nicht öffentlich, doch als Bundestagsabgeordneter ist Grindel verpflichtet, zumindest die Spanne der Bezüge anzugeben – Stufe 2 ist es in seinem Fall, was monatlich mindestens 3 500 und maximal 7 000 Euro sind. Niersbach erhielt als Präsident rund 6 000 Euro im Monat. Bei einem Wechsel und der Aufgabe seiner Tätigkeit als Berufspolitiker würde Grindel auf viel Geld verzichten. Derzeit liegen die Diäten bei 9 082 Euro, sollte Grindel den Wechsel vollziehen, würde er aber ein Übergangsgeld von monatlich 7 668 Euro erhalten – für so viele Monate wie er Jahre sein Mandat ausgeübt hat.

Journalist mit sportlichen Ambitionen

Daten zu Reinhard Grindel:

• geboren am 19. September 1961 in Hamburg;

• wohnhaft in Rotenburg/ Wümme;

• verheiratet, zwei Söhne;

• 1. Juristisches Staatsexamen;

• Leitender Redakteur ZDF-Studio Bonn, Leiter ZDF-Studio Berlin, Leiter ZDF-Studio Brüssel;

• seit mehr als 30 Jahren CDU-Mitglied;

• seit 2002 für die CDU im Bundestag, aktuell stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses, ehemaliger Obmann im Innenausschuss;

• von Ende 2011 bis Ende 2013 1. Vize-Präsident des

Niedersächsischen Fußballverbandes;

• von Anfang 2011 bis Ende 2013 Anti-Korruptionsbeauftragter des DFB;

• seit Oktober 2013 DFB-Schatzmeister;

• Mitglied im Kuratorium der Robert-Enke-Stiftung.

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