Reinhard Grindel berichtet aus Brasilien von der deutschen Elf, den Protesten und DFB-Projekten

„Der Charakter ist beeindruckend“

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Reinhard Grindel im Fitnessbereich des Campo Bahia, dem Trainingsquartier der Nationalelf.

Rotenburg - Von Matthias Freese. Mittendrin statt nur am Fernseher dabei: Der Rotenburger Reinhard Grindel erlebte in seiner Funktion als Schatzmeister des Deutschen Fußball-Bundes nicht nur das sagenhafte 7:1 der Nationalelf gegen Brasilien live auf der Tribüne mit, sondern wird auch das Finale im Estádio do Maracanã gegen Argentinien verfolgen. Zuvor führten wir ein Interview mit dem 52-Jährigen.

Als Zeuge eines historischen Spiels waren Sie – wie Sie auf Facebook schrieben – sprachlos. Können Sie das im Halbfinale Erlebte mit etwas Abstand beschreiben?

Reinhard Grindel: Von diesem Spiel werden die Menschen noch in 50 Jahren sprechen. Einen Top-Favoriten im eigenen Land im Halbfinale 7:1 zu schlagen und die Fans der gegnerischen Mannschaft erheben sich und applaudieren, das ist einfach einmalig. Das vergessen Sie Ihr Leben nicht. Unser Chefscout Urs Siegenthaler hat mir vor dem Spiel gesagt: „Heute kommt es nur auf Vertrauen an. Es geht heute um Vertrauen in die eigene Stärke. Öffnen sie nicht die Tür des Zweifels.“ Das war der Schlüssel zum Erfolg. Die Brasilianer sind nach dem 1:0 zusammengebrochen und waren voller Zweifel und wir waren sehr gut eingestellt. Das Spiel war auch ein ganz großer Erfolg von Jogi Löw. Und was mir wirklich leidgetan hat: die vielen weinenden brasilianischen Jungs, für die eine Welt zusammengebrochen ist.

Hatten Sie inzwischen auch schon Kontakt zur deutschen Mannschaft?

Grindel: Ich habe Miroslav Klose zu seinem 16. WM-Tor gratuliert, womit er ja ewiger WM-Torschützenkönig ist. Er hat sofort gesagt, wir haben noch nichts gewonnen. Wichtig ist, dass wir auch noch den nächsten Schritt machen. Und so war die Stimmung auch im Flieger. Kein Alkohol, keine Gesänge, ruhige, entschlossene Stimmung. Der Charakter der Mannschaft ist beeindruckend.

Wie war ansonsten die Stimmung im DFB-Quartier?

Grindel: Ganz hervorragend. Großes Kompliment an Oliver Bierhoff, dessen Idee das Campo Bahia war. Hier ist ein Team zusammengewachsen. Man wird immer wieder nach der WM vom „Geist vom Campo Bahia“ lesen. Das ist eine Meisterleistung des gesamten Betreuerstabs, eine Mannschaft so beisammen zu halten, ohne Lagerkoller, ohne auch nur den kleinsten Streit oder gar Skandal.

Sie haben auch einige soziale Projekte in Brasilien besucht. Ist schon klar, welche vom DFB gefördert werden?

Grindel: Auf jeden Fall bauen wir den Fußballplatz in Santo André, wo unser Trainings-Camp war. Und wir werden die Kinderprojekte in Salvador und Porto Seguro über unsere Stiftungen weiter fördern.

Haben Sie vor Ort etwas von den Protesten mitbekommen? Wie war Ihr Eindruck?

Grindel: Die Proteste waren deutlich geringer als erwartet. Das Land hat viele Probleme, das sieht man praktisch in jedem Stadtviertel und hört man auch, wenn man mit den deutschen Wirtschaftsvertretern hier vor Ort spricht. Prägend war für mich ein Besuch in einem Recyclinghof in Fortaleza, wo Familien aus Favelas Müll getrennt haben in der Hoffnung, Verwertbares zu finden. Wenn neben einer solchen Favela ein 400 Millionen-Stadion entsteht, dann muss man die Frage stellen, ob hier die Relationen noch stimmen.

Wo wird Ihr Platz morgen im Stadion sein? In der Nähe von Frau Merkel?

Grindel: Ich werde auf der VIP-Tribüne mit unserer Delegation sitzen. Die Kanzlerin und der Bundespräsident sitzen im FIFA-Ehrengastbereich mit unserem Präsidenten Wolfgang Niersbach.

Wie lautet denn Ihr Tipp?

Grindel: 2:0.

Und wann geht es für Sie zurück?

Grindel: Mit dem Mannschaftsflieger geht's am Montagabend zurück.

Glauben Sie, dass Joachim Löw nach der WM weitermachen wird?

Grindel: Ja.

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