Der FC St. Pauli – ein Verein, sein Image und der Tanz auf der Rasierklinge

Kultclub? „Dann lieber die Bekloppten vom Millerntor“

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Bester Blick: St. Paulis Team-Manager Christian Bönig kann vom Balkon aus auf die neuen Trainingsplätze schauen.

Hamburg - Von Matthias Freese. Der FC St. Pauli macht sich hübsch – und bleibt sich dennoch treu. Auch beim Neubau des Trainingszentrums im Hamburger Norden, an der Kollaustraße im Stadtteil Niendorf. Das Containerdorf ist Vergangenheit, doch auch die neuen, schicken Räumlichkeiten, vereinstypisch in weiß und braun gehalten, haben ihren besonderen Charme. Der Fußball-Zweitligist, der am Sonntag (16 Uhr) im Ahe-Stadion die Oberliga-Elf des Rotenburger SV fordert, glänzt auch hier durch Kreativität. „Das Image muss man schon pflegen wie eine gute Beziehung“, sagt Team-Manager Christian Bönig.

„Welcome to the hell of St. Pauli“ – in dicken Lettern prangt dieser Slogan an der Wand im Eingangsbereich. Die Räume im neuen Heim heißen „Muckibude“ oder „Ostkurve“, überall prangt der Totenkopf auf Schildern, weist freundlich-bestimmt und warnend darauf hin, dass der Zugang zu den Räumlichkeiten und das Betreten der Plätze nur dem St.-Pauli-Personal gestattet ist. Die dunklen Treppenstufen sind mit den Zahlen 1977, 1988, 1995, 2001, 2007 und 2010 beklebt – magische, historische Zahlen für die Boys in Brown, sind es doch die Jahre der fünf Erstliga-Aufstiege und der Rückkehr in Liga zwei nach dem zwischenzeitlichen Regionalliga-Absturz. Und einige Stufen sind noch frei …

Nur eines, das hören sie hier nicht gerne – Kultclub! „Für uns ist das inzwischen ein Unwort, weil der Begriff Kult ausgelutscht ist. Dann lieber die Bekloppten vom Millerntor, weil wir das hier auch alle definitiv sind“, meint Christian Bönig. Solche Sprüche kommen an, sie passen zum Image, zum Mythos St. Pauli, der in den achtziger Jahren geboren wurde und in den Neunzigern kultiviert wurde. Dass viele Anhänger aus der linksalternativen Szene stammen, ist schon ungewöhnlich für einen Profiverein. 1995 etwa protestierten sie während der Bundesliga-Partie gegen Borussia Dortmund mit Plakaten gegen die französischen Atombombentests – „Fuck Chirac“ lautete der Slogan. Heute ist St. Pauli nicht nur Vorreiter im Kampf gegen Rassismus, sondern auch gegen Homophobie.

Der Verein selbst sorgte trotz langjähriger finanzieller Engpässe mit originellen Werbekampagnen für Aufsehen. Die Mannschaft ließ sich einst auf Kuba fotografieren, aber auch schon betend in der Kirche oder im Knast. „Es ist schwer, sich jedes Jahr zu übertreffen. Dieses Image lebt von Menschen, die für den Verein leben. Aber man muss auch in die Fanszene gehen, reinhorchen, damit der Verein weiter dieses Alleinstellungsmerkmal in Deutschland und vielleicht sogar in Europa hat. Unser Image ist alternativlos. Wir werden niemals so ein stupider, von einem Mäzen geprägter Verein sein“, erklärt Team-Manager Bönig. Und dann haut der gelernte Journalist, der selbst aus der Fan-Szene stammt, noch einen raus – in Richtung des großen Rivalen HSV: „Unsere Fans sind sehr wach! Sie horchen rein, sie interessieren sich, sind kritisch, da kann man niemandem ein A für ein O verkaufen – dafür sind sie zu intelligent. Und sie haben eine gewisse Lebenseinstellung. Wenn man sie nicht hat, geht man an die Müllverbrennungsanlage.“

Trotzdem betont Bönig: „Das Verhältnis zum HSV auf operativer Ebene ist völlig in Ordnung. Es gab nie Probleme, auch wenn man frotzelt. Und ich bin froh, dass der HSV nicht abgestiegen ist, sondern dass man sich als St. Pauli ein Derby schon verdienen muss und es nicht geschenkt bekommen darf.“

Allerdings weiß auch Bönig, dass es zunehmend schwerer wird, im Millionengeschäft Profifußball mitzuschwimmen, ohne seine Ideale aufzugeben. Stadion-Umbau, Neubau des Trainingszentrums – alles ein Muss. „Es ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Es ist kein Geheimnis, dass auch bei uns die Spieler Geld verdienen. Trotzdem machen wir nicht alles mit. Der Verein wird sich auch nicht wieder verschulden“, sagt der Team-Manager. Aber dürfte da die zweite Liga nicht am besten zum Kiez-Club passen? „Wenn man sieht, wo sich der Verein die meiste Zeit aufgehalten hat, dann ist das die Realität. Trotzdem glaube ich wie viele andere, dass dieser Farbklecks St. Pauli der ersten Liga guttun würde. Hamburg ist jedenfalls definitiv groß genug für zwei Erstliga-Vereine“, findet Bönig.

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