Neid spielt keine Rolle

Die Czichos-Brüder: Während Rafael Profi in Köln ist, coacht Patrik den RSV II in der Kreisliga

Den Durchbruch geschafft: Der Ottersberger Rafael Czichos (l., hier gegen Dortmunds Julian Brandt) gehört zur Stammelf des Bundesligisten 1. FC Köln.
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Den Durchbruch geschafft: Der Ottersberger Rafael Czichos (l., hier gegen Dortmunds Julian Brandt) gehört zur Stammelf des Bundesligisten 1. FC Köln.

Ottersberg/Köln – Plötzlich war er auf der großen Fußball-Bühne angekommen. Stammspieler im deutschen Oberhaus. Das Wappen des 1. FC Köln auf der Brust, die Erinnerungen an seine Anfänge beim TSV Ottersberg im Kopf. Rafael Czichos, der mit knapp 20 Jahren noch beim damaligen Oberligisten aus dem Kreis Verden gespielt hat, ist keine acht Jahre später bei den Geißböcken aus der Innenverteidigung kaum mehr wegzudenken.

Wie ist es für seinen älteren Bruder Patrik, der es „nur“ zum Trainer im Amateurbereich geschafft hat und aktuell beim Kreisligisten Rotenburger SV II an der Seitenlinie steht, dass der „Kleine“ plötzlich berühmt ist und auf der Straße nach einem Autogramm gefragt wird?

„Er ist und bleibt mein Bruder. Unser Verhältnis ist wie vorher. Es gibt sicherlich Situationen, da merke ich es schon. Vor allem dann, wenn ich mit ihm in Verbindung gebracht werde. Lustig wird es, wenn sie unseren Namen im Fernsehen sagen“, erzählt Patrik Czichos. Eifersüchtig sei er aber nicht, dass sein Bruder den Durchbruch geschafft hat. Im Gegenteil: In seiner Stimme schwingt viel Stolz mit, wenn er über den 30-Jährigen spricht. „Rafael ist ein von der Sonne geküsster Mensch, der immer auf dem Boden geblieben ist und seine Herzlichkeit beibehalten hat. Seine Einstellung, sein Mut und seine Gier, die Grenzen immer weiter nach vorne zu schieben, haben mir gezeigt, dass da noch mehr für ihn geht. Zwischen uns wird niemals ein Blatt Papier passen“, beschreibt Patrik Czichos das innige Verhältnis. Dieser Ansicht ist auch sein Bruder und pflichtet ihm bei. „Ich glaube nicht, dass Neid eine Rolle in unserer Familie spielt. Ich denke eher, dass mein Bruder und der Rest meiner Familie sehr stolz sind – und das macht mich wiederum sehr glücklich“, erzählt der Profi.

Die Trainerlaufbahn eingeschlagen: Patrik Czichos coacht derzeit Fußball-Kreisligist Rotenburger SV II. Dass sein Bruder Rafael Profi ist, mache ihn stolz.

Das Thema Fußball wird hingegen im Hause Czichos ganz groß geschrieben und ist täglich präsent. Die Eltern sitzen immer vor dem Fernseher und verfolgen die Spiele des 1. FC Köln. „Sie sind mit Herz und Seele dabei“, freut sich Rafael Czichos. Sein älterer Bruder findet eher weniger Zeit, um die Bundesliga zu verfolgen. „Das liegt natürlich auch daran, dass er immer zu den Zeiten am Arbeiten ist und alles dafür tut, dass unser Restaurant (die beiden Brüder leiten gemeinsam eine Baguetterie und Creperie in der Rotenburger Fußgängerzone, Anm. d. Red.) gut läuft“, zeigt der Wahl-Kölner Verständnis. Und wenn der Coach des Rotenburger SV II dann doch mal einschaltet, sind seine Daumen gar nicht für die Rheinländer, sondern für Werder Bremen gedrückt – selbst, wenn der Gegner 1. FC Köln heißt. „Der FC kann ja sonst gerne alle anderen 32 Spiele gewinnen“, sagt Patrik Czichos lachend. Selbst ein Köln-Trikot mit der Nummer 5 seines Bruders ist in seinem Kleiderschrank nicht zu finden. „Da passe ich nicht rein“, erzählt der 40-Jährige und kann sich ein erneutes Grinsen nicht verkneifen.

Auch, wenn sich die beiden uneins darüber sind, welcher Verein nun der bessere ist, tauschen sie sich regelmäßig aus. So klingelt oftmals das Handy des Profis, wenn er mit den Geißböcken gespielt hat. „Ich finde das immer gut, weil ich mit meinem Bruder auf einer Höhe darüber reden kann, da er sich gut auskennt und auch taktisches Verständnis hat. Ich finde es sehr interessant, Patriks Meinung zu hören. Sein Feedback nehme ich mir zu Herzen. Es ist aber nicht so, dass ich ihn vor einem Spiel frage, ob ich es so oder so machen soll“, betont Rafael Czichos.

Da dem „Nesthäkchen“ die Meinung seiner Familie viel bedeutet, hat sich der Defensivmann auch vor seinen jeweiligen Wechseln – vom TSV Ottersberg ging es 2010 über den VfL Wolfsburg II, den FC RW Erfurt und Holstein Kiel schließlich zum 1. FC Köln – mit seinen Eltern und seinem Bruder ausgetauscht. „Entschieden habe ich dann aber immer nach eigenem Gefühl. Und ich glaube, ich lag nicht so schlecht mit den Entscheidungen in der Vergangenheit“, blickt der Profi zurück.

„Ich muss nicht wissen, was er verdient“

Dass er mit dieser Aussage recht hat, belegen seine Einsätze. Während er als Kapitän mit dem Zweitligisten Holstein Kiel den Aufstieg 2017/2018 noch knapp verpasst hatte, gelang ihm ein Jahr später bei den Kölnern sofort der Durchbruch. Direkt in seiner ersten Saison feierte er die Meisterschaft in der 2. Bundesliga und den Aufstieg ins deutsche Oberhaus. 44 Bundesliga-Spiele und zwei Tore stehen für den Profi bisher zu Buche. Sein Vertrag bei den Kölnern läuft noch bis zum Sommer 2022. „Dass es bei mir geklappt hat, war aber keineswegs abzusehen. Ich bin einen Weg gegangen, der heutzutage, glaube ich, kaum noch möglich ist. Die ersten beiden ,Profi‘-Jahre beim VfL Wolfsburg verliefen nicht erfolgreich, wenn man sich die Statistiken anguckt. Aber ich habe aus jeder Zeit viel gelernt. Ich glaube, dass hat mich dahin gebracht, wo ich jetzt bin. Ich denke aber noch gerne an die Zeit zurück, in der ich mit meinen Freunden zusammen gespielt habe und alles mit deutlich weniger Druck ablief“, fasst Rafael Czichos seinen Weg ins Profigeschäft zusammen.

Während der Anfangszeit stand ihm sein älterer Bruder stets zur Seite und hat ihm seine Sicht geschildert. Mittlerweile hält sich Patrik Czichos aber komplett raus und ist nur noch „Fan“ seines Bruders. „Rafael hat klasse Leute um sich, da braucht es mich nicht. Ich weiß, dass er clever genug ist. Alles, was mit dem 1. FC Köln zusammenhängt, davon weiß ich nichts, und ich will es auch nicht wissen. Das war mir nie wichtig. Ich muss nicht wissen, was er verdient“, so der 40-Jährige.

Verstehen sich bestens: Die Brüder Patrik (l.) und Rafael Czichos.

Nicht ganz so herzlich ging es hingegen in der Kindheit zu. Da der ältere Czichos ein schlechter Verlierer war beziehungsweise immer noch ist, musste bei Gesellschaftsspielen schon mal geschummelt werden. „Das kann mein Bruder bestätigen. Er war meistens der Leidtragende“, erinnert er sich. Und Rafael Czichos fügt mit einem Augenzwinkern an: „Da ich Patrik schon früher in allen möglichen Dingen geschlagen habe, musste ich das Verlieren nicht so können wie er.“ Diese Aussage will der ältere Bruder aber nicht auf sich sitzenlassen und kontert: „Jetzt spielt er beim FC – ich denke, er ist es, der daher aus Gewohnheit besser verlieren kann.“

Schwere Verletzung an der Halswirbelsäule

Während sich die Czichos-Brüder gerne an ihre Kindheit in Ottersberg erinnern, würden sie ein Erlebnis lieber aus ihrem Gedächtnis streichen. Vor einem Jahr verletzte sich der Innenverteidiger gegen Hertha BSC nach einem Zusammenstoß mit Marko Grujic sehr schwer an der Halswirbelsäule. „Ich hatte einen Anruf bekommen und musste ihn erst mal beruhigen, obwohl ich innerlich selbst große Angst um ihn hatte. Ein paar Zentimeter weiter oben, und er hätte tot sein können. Ein bisschen mehr Unglück, und er wäre heute im Rollstuhl. Insgesamt geht mein erster Blick immer dahin, ob er sich verletzt hat beziehungsweise, ob es ihm gutgeht“, denkt Patrik Czichos an den 22. Februar 2020 zurück.

Mittlerweile hat sich der Kölner von der schweren Verletzung vollständig erholt und steht Woche für Woche in der Startelf des derzeitigen Tabellen-14. Mit 30 Jahren gehört er zwar nicht mehr zu den Jüngsten im Team, doch ein Ende seiner Laufbahn ist noch kein Thema. „Erst mal möchte ich so lange es geht, professionell den Beruf weiter ausüben“, betont der Abwehrmann.

Rückkehr zum TSV Ottersberg?

Und nach der Karriere? Anschließend wäre sein Heimatclub ein Thema für ihn. „Ich kann mir vorstellen, nach der Karriere wieder in Ottersberg zu spielen, da meine Familie und ich uns nach meiner Karriere auch wieder in Bremen oder Umgebung niederlassen wollen“, gibt er einen Einblick in seine Pläne. Und wer weiß, ob dann nicht Patrik Czichos als Coach an der Linie steht. „Vielleicht ist das dann eine Möglichkeit, noch mal zusammen aktiv zu sein“, so der Profi.

Doch bis es so weit ist und beide der gleichen Meinung sind, was den „richtigen“ Verein betrifft, dürften am Sonntag erst mal im Hause Czichos ein paar Fetzen fliegen – dann nämlich empfängt Rafael Czichos mit den Kölnern Werder Bremen. Bitter für den Innenverteidiger, dass er im jüngsten Spiel gegen Bayern München die fünfte Gelbe Karte gesehen hat und somit gegen die Grün-Weißen gesperrt ist.

Dennoch findet sein Bruder Patrik mit Sicherheit die nötige Zeit, um vor dem Fernseher zu sitzen. „Ich habe ihn extra nicht darauf angesprochen, ich wollte kein Salz in die Wunde streuen. Vor seiner Sperre hätte ich schon gesagt, dass Bremen gewinnt. Ohne Rafael natürlich erst recht“, sagt der Werder-Fan grinsend.

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