Sport vor 50 Jahren

Der Pfostenbruch von Scheeßel ‒ zwei Zeitzeugen erinnern sich genau

Spieler begutachten den schiefen Pfosten 1971 in Scheeßel.
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Mitten im Spiel: Pfostenbruch beim Spitzenduell zwischen Rot-Weiß Scheeßel II und dem TuS Brockel – festgehalten in der Kreiszeitung vom 26. April 1971.

1971 brach nicht nur in Mönchengladbach der Torpfosten ‒ auch in Scheeßel geschah kurze Zeit später Ähnliches. Doch dort wurde weitergespielt.

Scheeßel – Solch eine Geschichte wäre heute kaum noch denkbar: Der Pfostenbruch in der Partie der 2. Fußball-Kreisklasse zwischen dem SV Rot-Weiß Scheeßel II und dem TuS Brockel Ende April 1971. Damals waren die Tore noch aus Holz, wenig später wurde diese Konstruktion dann durch Gehäuse aus Aluminium abgelöst, das deutlich bruchsicherer war und auch nach wie vor Standard ist. Der ehemalige Scheeßeler Keeper und damit Zeitzeuge Manfred Tödter erinnert sich noch genau an „ein Tor, das in Schräglage hinter der Linie war“.

Zu dieser kuriosen Szene kam es im Laufe der zweiten Halbzeit. In dem „emotionalen Topspiel“ (Tödter) tat sich der Spitzenreiter der 2. Kreisklasse, Rot-Weiß Scheeßel II, zunächst lange schwer, konnte aber letztlich noch einen 0:1-Rückstand in eine 2:1-Führung drehen. Kurz darauf stürmte der Brockeler Herbert Kregel in Richtung des gegnerischen Strafraums und setzte einen „heftigen Schuss gegen den Pfosten“ ab, erzählt der Mittelläufer selbst. Tödter, der zwischen den Pfosten stand, ergänzt: „Ich bin in Richtung Ball gesprungen und habe versucht, ihn zu halten – kam aber nicht ran. Ob ich dann noch ins Netz gefallen bin, weiß ich nicht mehr. Aber auf jeden Fall war der Schuss von Herbert Kregel kräftig genug, sodass der Pfosten brach und das Tor hinter die Linie kippte.“

Heute hätte kein Spiel wieder angepfiffen werden dürfen. Früher war das anders.

Manfred Tödter.

Das Spiel wurde unterbrochen. Der damalige Scheeßeler Vorsitzende Werner Franz wusste aber, „mit Holz und Hammer umzugehen“, wie es diese Zeitung im Nachbericht am 26. April 1971 schrieb. So zimmerte er das Tor innerhalb von 20 Minuten so zurecht, dass es zumindest die restlichen Minuten der Partie hielt. „Heute hätte kein Spiel wieder angepfiffen werden dürfen. Früher war das anders“, amüsiert sich Tödter, der gebürtig aus Brockel stammt.

Da das Tor nur notdürftig zusammengehämmert war, wurde es anschließend erneuert – aber auch wieder in Eigenregie, verrät Tödter, den viele unter dem Spitznamen „Spatz“ kennen: „Wir haben kein neues Tor gekauft, sondern die Zimmerleute aus unserer Mannschaft haben sich nach dem Training zusammengesetzt und haben aus Holz einen neuen Torrahmen für das kommende Spiel gebaut.“

In diesem Punkt unterscheidet sich Scheeßel eben von Mönchengladbach.

Seitenhieb in der Bildunterzeile der Rotenburger Kreiszeitung von 1971.

Übrigens: Bereits drei Wochen zuvor war es zu einer ähnlichen Szene wie in Scheeßel gekommen. Genauer: Am 3. April 1971 in der Bundesligapartie zwischen Borussia Mönchengladbach und dem SV Werder Bremen. In der 87. Minute brach der Pfosten, nachdem Gladbachs Herbert Laumen bei einem Kopfballversuch den Ball nicht erreichte und im Tornetz landete. Daraufhin fiel das gesamte „Gehäuse“ auf ihn – er blieb dabei unverletzt. Der Pfosten war hingegen nicht mehr zu retten. Und da auch kein Ersatztor existierte und ein Vorschlag des Schiedsrichters Gerd Meuser, den Holzpfahl die verbleibenden zwei Minuten noch festzuhalten, nicht umgesetzt wurde, brach der Referee die Partie ab. Das Spiel wurde später von einem Sportgericht mit 2:0 für die Bremer gewertet.

Meister der 2. Kreisklasse 1971: Die Mannschaft des SV Rot-Weiß Scheeßel II. Zweiter von links sitzend ist Torwart Manfred Tödter.

Im Bezug auf diesen Vorfall konnte sich diese Zeitung in der Ausgabe vom 26. April 1971 den kleinen „Seitenhieb“ in Richtung Bökelberg nicht verkneifen. So hieß es mit Bezug auf die Reparatur des gebrochenen Torpfostens: „In diesem Punkt unterscheidet sich Scheeßel eben von Mönchengladbach.“

Aber nicht nur Tore konnten die Scheeßeler in den 1970er-Jahren reparieren, sie bauten auch gemeinsam ihre Eigenheime. Mit insgesamt acht Teamkollegen aus den verschiedensten Handwerksbereichen errichteten sie zwischen 1979 und 1981 acht Häuser. „Wir hatten unter anderem Elektriker, Maurer, Zimmerer und Klempner dabei und konnten alles in Eigenregie bewältigen“, erzählt Tödter, der selbst als Tiefbauer zu der „duften Truppe“ gehörte. „Auch daran zeigte sich, wie eingeschworen wir aufeinander waren. Das war definitiv unser Erfolgsrezept“, so der 69-Jährige weiter.

Und was war sonst im Lokalsport los?

Die Rotenburger Kreiszeitung berichtete am ...

20. April 1971: Der VfL Visselhövede sicherte sich die Meisterschaft im Hallen-Handball in der 2. Kreisklasse Verden.

22. April: 1971: 26 Fußball-Schiedsrichter bestanden ihre Prüfung. Damit „haben im Kreise Rotenburg nun alle Vereine die nötigen Schiedsrichter“, hieß es. Die Kegler des KSV Sottrum schafften in Schwanewede den Aufstieg in die Bezirksklasse.

23. April 1971: Die Volleyball-Mädchen des TuS Rotenburg nahmen erstmals in der Vereinsgeschichte an einer Landesmeisterschaft teil. Das Team von Trainer Dieter Schnittger kehrte mit Platz fünf zurück.

26. April 1971: Der Kreissporttag dauerte „lediglich zwei Stunden“. Heinrich Feldmann, der Kreissportbund-Vorsitzende, berichtete von einer Steigerung auf 8 231 Mitglieder. Die SG Wiedau wurde Fußball-Kreismeister in der A/B-Jugend nach einem 3:2 und einem 4:3 in den Entscheidungsspielen gegen den TV Sottrum. Zum Team gehörte Kurt Pinkall, der spätere Bundesligaspieler des VfL Bochum und von Borussia Mönchengladbach.

29. April 1971: Drei junge Kunstspringerinnen des TuS Rotenburg, Monika Paga, Sybille ter Horst sowie Karin Hochfeldt starteten in Wolfsburg. Die Leistungen seien umso höher zu bewerten, „da sie als einzige einem Verein ohne Hallenbad angehören“. Das Ronolulu gab es noch nicht.

Dieser Zusammenhalt war drei Wochen nach dem Pfostenbruch auch der Grund, dass die Mannschaft um Keeper Manfred Tödter als Meister der 2. Kreisklasse feststand. Zum Scheeßeler Team gehörten auch Hartmut Bohle, Erwin Grieb, Ewald Kittler und Manfred Knittler, Manfred Rehren, Werner Gottwaldt, Heinrich Meyer, Günter Brunnemann, Rolf Siefke, Adolf Scherz, Hans Hartmann sowie Manfred Conrad.

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