Angehende Sportpsychologin Carolin Friedrich spricht über die Corona-Krise

„Mit sich selbst auseinandersetzen“

Bluse statt Badeanzug: Carolin Friedrich hat sich vor zwei Jahren vom aktiven Schwimmsport verabschiedet. Mittlerweile lebt sie in Berlin und studiert dort Sportpsychologie.
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Bluse statt Badeanzug: Carolin Friedrich hat sich vor zwei Jahren vom aktiven Schwimmsport verabschiedet. Mittlerweile lebt sie in Berlin und studiert dort Sportpsychologie.

Berlin/Rotenburg – Bei Carolin Friedrich ist derzeit Kreativität gefragt. Die gebürtige Unterstedterin muss aufgrund der Corona-Pandemie in ihrem kleinen WG-Zimmer in Berlin irgendwie alles unter einen Hut bekommen – Wäsche aufhängen, essen, arbeiten, entspannen und leben. Statt in der Bibliothek sitzt die 24-Jährige nun an ihrem Schreibtisch an der Masterarbeit. Im Interview spricht die angehende Sportpsychologin und ehemalige Leistungsschwimmerin über mögliche Folgen aufgrund der Isolation und des eingeschränkten Trainingsbetriebs.

Im Vorfeld des Interviews möchte Friedrich auf einen Aspekt hinweisen. „Es muss in Zeiten von Corona darauf geachtet werden, was gesagt wird. Ich bin zwar angehende Sportpsychologin, aber weder Virologin oder Krisenmanagerin noch Politikerin. Das ist wichtig.“

Sie selbst waren langjährige Leistungsschwimmerin und sind mittlerweile Trainerin. Wie haben Sie sich auf die Sportverbote eingestellt?

Es gibt ja kein generelles Sportverbot, sondern nur eine Einschränkung der Orte, an denen Sport getrieben werden darf. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie das Training mit meinen Schwimmern alternativ gestaltet werden kann. Interessant finde ich, dass viele Sportverbände um Konzepte bemüht sind, wie Sport wieder aufgenommen werden kann. Die ungewohnte Situation schafft Raum für Neues.

Sie studieren Sportpsychologie. Ist Corona dabei auch ein Thema?

Corona ist in dem einen oder anderen Modul ein Thema. Aber es wird versucht, auch noch modulrelevante Bereiche abzudecken. Aber genauso wie es für alle anderen Berufsfelder eine neue Situation ist, müssen auch wir erst einmal überlegen, was genau das jetzt für die Psyche der Sportler bedeuten kann.

Sie sprechen die Psyche an. Wie denken Sie aus sportpsychologischer Sicht über das lange Trainings- und Wettkampfverbot?

Die aktuelle Situation stellt eine Beeinträchtigung für alle dar, egal ob im Leistungssport oder im Privat- und Berufsleben. Der eingeschränkte Betrieb bietet den Sportlern Schutz vor einer Ansteckung durch den Sport. Doch der Verlust des alltagsprägenden sportlichen Aufwandes und der Einschränkung des Soziallebens ist eine psychische Herausforderung.

Was macht die lange Zwangspause mit dem Kopf?

Hans-Dieter Hermann, Teampsychologe der deutschen Fußball-Nationalmannschaft der Herren, hat es in einem Interview gut zusammengefasst. „Pausen sind eigentlich ja nichts Problematisches. Probleme können dann entstehen, wenn – wie jetzt – die Pausen unfreiwillig sind und man auch nicht weiß, wie lange sie dauern.“ Die Pause hat Vor- und Nachteile. Besonders im Leistungssport bleibt für Sportler sonst oft wenig Zeit für die Familie, für bewusste Entspannung oder für sich selbst. Ein Nachteil ist die Ungewissheit, bis wann diese Pause anhält. Dieses Nicht-Wissen kann verschiedene Formen von Angst auslösen. Sind diese Ängste ein Dauerzustand, ist es keine Schwäche, nach Unterstützung zu fragen.

Wie können Sportler die Leere oder Antriebslosigkeit überwinden?

Der Verlust des großen Trainingsumfanges kann irritierend wirken. Ich rate Sportlern, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Was sind die eigenen Ziele – sowohl im Sport als auch im generellen Leben? Was kann aus dieser Zeit für die Zukunft gewonnen werden? Wie kann die Pause positiv genutzt werden? Der Austausch mit anderen kann hilfreich sein.

Inwieweit fällt es Sportlern schwer, sich momentan aufzuraffen, da das Wettkampfziel aktuell nicht vorhanden ist?

Es ist schwierig, so etwas zu pauschalisieren. Sicherlich fällt es einigen leichter, sich während dieser Zeit persönlich fit zu halten, andere tun sich damit etwas schwerer. Interessant wäre hier für jeden zu ermitteln, was die jeweils eigene intrinsische Motivation, also der innere Antrieb, ist. Wenn sonst die extrinsische Motivation im Vordergrund steht, also der Antrieb von außen, sollten jene sich mit ihrer intrinsischen Motivation beschäftigen. Das kann auch für die kommende Zeit sehr vom Vorteil sein.

Hat das Gemeinschaftsgefüge gelitten?

Sicherlich wirkt diese lange Zwangspause auf das Gefüge der Mannschaft ein. Fraglich ist, wo die Mannschaft vor der Corona-Zeit stand und wie es mit dem Team danach weitergeht. Es kann ungewohnt sein, wenn die Teams jetzt wieder gemeinsam spielen dürfen. Diese Problematik lässt sich auch in anderen Bereichen wiederfinden, so wie zum Beispiel in der Arbeitswelt oder im Schulalltag.

Was raten Sie den Mannschaften?

Besonders zu Beginn der neuen Saison sollte jeder individuell betrachtet werden. Es sollte ein Raum geschaffen werden, in welchem sich jeder an die neue Trainingssituation gewöhnen kann. Sowas benötigt Geduld und Verständnis vom Gegenüber. Besonders für Mannschaftssportler sind Teambuildingmaßnahmen hilfreich. Nach so einem Bruch sollte das Team die vergangenen Monate zusammen aufarbeiten und sich gemeinsam auf die Zukunft vorbereiten.

Wer ist stärker betroffen - Einzel- oder Mannschaftssportler?

Wie schwierig die Situation für jeden einzelnen ist, ist völlig subjektiv. Logistisch gesehen sind diejenigen besonders betroffen, die keine oder nur eingeschränkte Trainingsmöglichkeiten haben. Dies betrifft sowohl die Mannschaftssportler als auch die Athleten im Individualsport.

Haben Einzelsportler vielleicht sogar einen Vorteil, da sie es kennen, alleine trainieren zu müssen?

Ich selbst habe in meiner Laufbahn nie alleine trainiert. Ich hatte immer ein Team mit mir im Schwimmbecken. Individualsport kann genauso ein soziales Umfeld bieten wie der Mannschaftssport das tut. Aber klar, schwimmen könnte ich auch alleine, einen Ball kann ich mir nicht selbst zupassen. Allerdings können alle Sportler jetzt die Zeit nutzen, um an ihren physischen und psychischen Stärken zu arbeiten.

Sie stehen am Ende Ihres Studiums. Wissen Sie schon, wie es danach für Sie weitergeht?

Für die Zukunft halte ich mir alle Möglichkeiten offen. Praktische Erfahrung zu sammeln, steht an erster Stelle. Wo das sein wird, weiß ich noch nicht. Neben dem Leistungssport interessiere ich mich auch für Gesundheitssport und Sport als Möglichkeit zur Prävention physischer und psychischer Probleme.

Von Mareike Ludwig

Die Wasserwelt war jahrelang ihr zweites Zuhause: Carolin Friedrich war als Langstreckenschwimmerin sehr erfolgreich.
Fokussiert: Carolin Friedrich bei der DM 2011.

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