Über das Alter, die Zwangspause und Rehhagel

RSV-Routinier Björn Mickelat: „Meine Lebenslust nimmt mir keiner“

Björn Mickelat dehnt sein rechtes Bein, während er am Seitenrand neben Trainer Tim Ebersbach steht.
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Auch mit 40 Jahren noch gelenkig: Björn Mickelat (vorne, hier mit Coach Tim Ebersbach) ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil beim Oberligisten Rotenburger SV.

Auch mit 40 Jahren ist für Björn Mickelat beim RSV noch nicht Schluss. Unlängst hat er seinen Vertrag um ein Jahr verlängert und spricht nun unter anderem darüber im Interview.

Rotenburg – Das letzte Spiel des Fußball-Oberligisten Rotenburger SV datiert vom 25. Oktober 2020. 1:2 hieß es am Ende gegen den SC Spelle-Venhaus. Seitdem ruht auf Amateursportebene (wieder) das Geschehen. Auch fast genau fünf Monate später ist ans Fußballspielen nicht zu denken. Im Gegenteil: Aufgrund der Corona-Pandemie wird der Niedersächsische Fußballverband (NFV) die aktuelle Spielzeit abbrechen – der offizielle Beschluss soll noch diese Woche gefasst werden. Wie sehr schmerzt es einen so leidenschaftlichen Kicker wie Björn Mickelat, der ansonsten fast täglich auf dem Rasen zu finden ist? Fühlt er sich durch die Zwangspause um ein Jahr seiner Laufbahn beraubt? Wir haben beim 40-jährigen Routinier des RSV nachgefragt.

Für Sie als Fußballer die wahrscheinlich wichtigste Frage vorweg. Wann hatten Sie das letzte Mal einen Ball am Fuß?

Das ist noch gar nicht lange her. Am vergangenen Samstag. Ich spiele regelmäßig mit einem Kumpel oder aber alleine bei mir im Garten. Dieses Mal habe ich mit meiner Tochter ein bisschen zusammen gekickt. Ohne Fußball kann ich einfach nicht.

Dann haben Sie also gar keine so großen „Entzugserscheinungen“?

Ich habe bei mir zum Glück viel Platz und einige Möglichkeiten. Zudem bin ich gut ausgestattet, was Trainingsgeräte wie Hütchen, Bälle und Laufleiter angeht. Dennoch fehlen mir aber natürlich die Mannschaft, die Spiele und das Zusammensein.

Wie würden Sie denn persönlich Ihr „Corona-Jahr“ beschreiben?

Enttäuschend und bitter. So lange nicht mit den Jungs auf dem Platz gestanden zu haben, zieht mich schon sehr herunter. Es war und ist keine schöne Zeit.

Haben Sie aus der Zeit auch irgendetwas gelernt?

Auf jeden Fall. Auch wenn Fußballspielen meine absolute Leidenschaft ist, gibt es viel wichtigere Dinge. Ich bin total froh, dass mein engeres Umfeld bisher gesund geblieben ist und auch keiner in Quarantäne musste. Wir haben zudem einen so tollen Zusammenhalt. Ich möchte mich daher auch gar nicht groß beklagen, meine Lebenslust nimmt mir keiner.

Zurück zum Thema Fußball. Nun wurde die aktuelle Saison abgebrochen. Das heißt, Sie müssen noch länger auf Ihr größtes Hobby verzichten. Was halten Sie von der Entscheidung des NFV?

Damit habe ich gerechnet, alles andere hätte keinen Sinn gemacht und wäre nicht tragbar gewesen. Es wäre unmöglich, die Saison weiter fortzuführen. Wie schon gesagt, ist Fußball in der Pandemie nebensächlich, die Gesundheit ist viel wichtiger. Ich habe die Hoffnung, dass wir im Herbst wieder normal Fußball spielen können.

Nach einer so langen Pause dann im Sommer irgendwann wieder anzufangen, ist bestimmt schwierig. Haben Sie Bedenken, nicht wieder auf das alte Leistungsniveau zu kommen?

Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Meine Fitness halte ich konstant, und die Spielpraxis geht in meinem hohen Alter nicht mehr verloren (lacht). Da haben es die jungen Spieler schwieriger.

Warum?

Bei mir sind die Abläufe, die Technik und die Taktik dank meiner langen Laufbahn tief verinnerlicht. Beim Nachwuchs sind diese Mechanismen noch nicht abgespeichert. Der Jugend fehlt das Jahr, da die Lernphase so lange unterbrochen ist.

Beim RSV trainieren Sie die U 16. Wie halten Sie die Jungs bei Laune?

Ich gebe den Spielern Vorgaben, regelmäßig Läufe zu absolvieren und sich fitzuhalten. Ich hoffe sehr, dass die Jungs am Ball bleiben und nicht die Lust verlieren. Durch die Digitalisierung ist es ohnehin schwierig, die Jugend zum Sport hin und vom Computer wegzubewegen.

Wie sieht denn Ihre aktuelle Trainingswoche aus?

Ich mache regelmäßig Intervallläufe, halte mich durch intensive Work-outs fit und gehe verschiedene Distanzen laufen. Auch Treppenläufe stehen dabei auf dem Programm.

Gibt es einen Austausch innerhalb der Mannschaft?

Ja, wir motivieren uns gegenseitig, verabreden uns online zu gemeinsamen Work-out-Einheiten. Der Zusammenhalt ist wirklich klasse.

Es gibt durch den Abbruch aber gar kein Ziel, auf das Sie hinarbeiten können. Wie motivieren Sie sich?

Ich habe seit der Unterbrechung Ende Oktober quasi kein Ziel, da mir klar war, dass es zum Abbruch kommt. Für mich war es nie ein Thema, dass die Saison fortgeführt wird. Ich hatte zum Glück noch nie Motivationsprobleme und gebe immer Vollgas. Mein Ansporn ist es, in einer richtig guten Liga mithalten zu wollen.

Apropos Vollgas. Sie sind mittlerweile 40 Jahre alt, kamen in den acht ausgetragenen Saisonspielen jedes Mal zum Einsatz. Wie schaffen Sie es, in der Oberliga noch mithalten zu können?

Ich halte es wie Otto Rehhagel (Ex-Profi und ehemaliger Bundesliga-Trainer, Anm. d. Red.). Er hat mal gesagt: „Es gibt keine jungen und alten Spieler, nur gute und schlechte.“ Das Alter ist also egal. Ich fühle mich noch topfit und werde von der Mannschaft gebraucht.

Sie gehören aber nicht mehr fest zur Stammformation, kommen teilweise „nur“ von der Bank. Ist es schwierig für Sie, plötzlich auch mal Ersatzspieler zu sein?

Das war ein Lernprozess und kommt mit der Zeit. Wenn einem Spieler vernünftig erklärt wird, warum mit der entsprechenden Aufstellung gespielt wird, kann ich die Entscheidung total nachvollziehen. ,Ebbe‘ (Tim Ebersbach, RSV-Trainer, Anm. d. Red.) weiß, was er an mir hat. Zwischen uns findet ein reger Austausch statt, die Kommunikation klappt super.

Sie haben kürzlich sogar um ein weiteres Jahr verlängert. Ist ein Karriereende noch gar kein Thema?

So lange ich konkurrenzfähig bin und meine Leistungen stimmen, gibt es keinen Grund für mich, darüber nachzudenken. Mir macht Fußballspielen noch so viel Freude. Ich fühle mich gut und möchte meine Erfahrungen weitergeben. Ich mache so lange weiter, bis ich von meinen Gegenspielern abgekocht werde (lacht).

Björn Mickelat: Ein Blick hinter die Kulissen

Geburtsort: Eberswalde (Brandenburg).

Aktueller Wohnort: Zeven.

Alter: 40 Jahre.

Beruf: Fachkraft für Lagerlogistik.

Familienstand: In einer glücklichen Beziehung, eine achtjährige Tochter.

Bisherige Vereine: FV Motor Eberswalde, FV Stahl Finow, TuS Heeslingen, Rotenburger SV, TuS Zeven.

Aktueller Verein: Rotenburger SV.

Beim RSV seit: 2012 bis 2014, seit 2018.

Lieblingsposition: Hängende Spitze.

Bleibende Erinnerungen an bisherige RSV-Zeiten: Die „Kabinenfeiern“ vor und nach den Spielen.

Größte Erfolge: TuS Heeslingen: Bezirkspokalsieger 2005 und 2006, 2007 Meister Niedersachsenliga Ost und damit Aufstieg in die Oberliga, Niedersachsenmeister 2007, DFB-Pokalteilnahme 2010; TuS Zeven: Aufstieg in die Landesliga 2015; Rotenburger SV: Aufstieg in die Oberliga 2020.

Bester Trainer der Laufbahn: Trainer-Duo Torsten Gütschow und Benjamin Duray.

Bester Mitspieler der Laufbahn: Wojciech Bobrowski, Thomas Johrden, Almir Redzepagic.

Persönliche Traum-Elf: Tor: Peter Bardehle - Abwehr: Marcel Gebers, Stephan Schleicher, Thomas Johrden - Mittelfeld: Wojciech Bobrowski, Mirko Lippold (alle TuS Heeslingen), Drilon Demaku (Rotenburger SV), Rajko Seidel (FV Stahl Finow) - Angriff: Marcel Costly (Rotenburger SV), Almir Redzepagic (TuS Heeslingen), Björn Mickelat („Da kann und will ich mich nicht rausnehmen. Sorry!“).

Ziele für die Zukunft: Gesundheit, Spaß haben, meine Trainerlizenzen, mich persönlich weiterentwickeln, und die Jungs aus meiner Mannschaft auf einen guten Weg für die Zukunft bringen.

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