Baur beklagt fehlendes „Zugpferd“

Wo sind die Schiedsrichterinnen? Auf Spurensuche mit Anke Köhler

Schiedsrichtertrikot mit gelber Karte und Pfeife.
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Mehr Frauen an die Pfeife: In vielen Fußballkreisen fehlt es vor allem an Schiedsrichterinnen.

Bei den Schiedsrichtern herrscht allgemeiner Nachwuchsmangel - besonders aber unter den Kolleginnen. Anke Köhler nennt einige Gründe für das Problem.

Rotenburg – Anke Köhler ist neben Andrea Busch (SV Anderlingen) und Lisa Strauch (Bade SC) eine von drei Schiedsrichterinnen aus dem Fußball-Kreis Rotenburg, die in der Frauen-Landesliga pfeift. Aktuell gibt es damit keine weibliche Akteurin, die in der Oberliga oder höher Partien leitet. Dies liegt nicht unbedingt an der Qualität der Damen und Mädchen, viel eher fehlt schlichtweg die Breite und der Nachwuchs, um einzelne Talente langsam für die höheren Klassen aufzubauen. „Nicht nur in Rotenburg, auch aus anderen Kreisen kenne ich nur sehr wenig Frauen, die pfeifen“, bestätigt Köhler. Doch woran liegt das?

Insgesamt gibt es 246 Schiedsrichter im Kreis Rotenburg – darunter sind acht weiblich. Macht einen Anteil von gerade einmal rund drei Prozent. „Ich sehe einen generellen Mangel an Schiedsrichtern, egal ob Frau oder Mann. Aber es stimmt natürlich: Es gibt nur sehr wenige Kolleginnen“, sagt Köhler.

Die Unparteiische des TuS Elsdorf ist 39 Jahre alt, seit 2010 an der Pfeife aktiv und spielte in der Anfangszeit parallel selbst noch Fußball. Sie kennt sich in ihrem Sport also bestens aus und weiß um eine generelle Hemmschwelle, die vor allem für junge Frauen abschreckend ist: „Ich denke, es liegt an dem Umgang mit uns. Junge Kolleginnen haben es dabei wirklich besonders schwer. Teilweise ist das Miteinander sehr respektlos, egal von wem – Trainer, Spieler, Zuschauer. Leider gibt es da auch generell kaum Vorbilder für eine respektvolle Behandlung gegenüber den Schiedsrichtern im Fußball. In anderen Sportarten werden die Unparteiischen durch das Regelwerk besser geschützt. Dort sind sie oft unantastbar.“

Abfälliger Spruch? „War mir damals bereits egal“

Es gebe zwar viele Hindernisse als Frau, die nicht wirklich sein müssten, aber eine Ungleichbehandlung zwischen männlichen und weiblichen Referees von Seiten der Spieler sieht Köhler nicht als Grund für den Mangel an Schiedsrichterinnen an: „Im Spiel merke ich keinen Unterschied. Wenn es läuft, sind alle nur auf die Partie fokussiert. Aber vielleicht nehme ich es mittlerweile auch nicht mehr so wahr. Ich habe schon immer den Spruch ,Da spielt ein Mädchen mit‘ gehört. Das war mir damals bereits egal. Und ich danke allen Jungs aus meiner Jugendfußballzeit dafür. Mein Ehrgeiz war geweckt. Und so konnte ich mich bis zum VfL Wolfsburg hocharbeiten. Dort habe ich von 2003 bis 2005 gespielt. Vorrangig bin ich für die zweite Damen aufgelaufen, stand aber auch zweimal im Kader der Bundesliga-Mannschaft.“

Ist die Differenzierung zwischen Mann und Frau nicht ausschlaggebend, sieht Köhler aber ein anderes Problem für den Mangel: „Es gibt leider auch zu wenig Schiedsrichterinnen im Bundesligabetrieb. Bibiana (Steinhaus, Anm. der Redaktion) war da eine Vorreiterin. Aber leider kam nichts nach.“

Unterstützung erhält sie in dem Punkt von ihrem Kreisobmann Mats Baur: „Ich kann es ja nur aus Sicht unseres Ausschusses beurteilen. Da sehe ich das Problem, dass wir kein ,Zugpferd‘ haben. Schon lange fehlt eine Schiedsrichterin, die in höheren Klassen pfeift. Es ist augenscheinlich, dass das in anderen Kreisen anders ist. Zum Beispiel haben die Kollegen im Heide-Wendland-Kreis und in Harburg Schiedsrichterinnen, die auf Regional- und DFB-Ebene pfeifen. Harburg hat sogar eine weibliche Vorsitzende im dortigen Ausschuss. Ich kann mir vorstellen, dass das hilft, um weiblichen Nachwuchs zu finden.“

Neue Schiedsrichter brauchen starkes Fell

Der Obmann des Schiedsrichterausschusses gibt sich aber auch selbstkritisch und weiß, „dass wir in dieser Richtung auch noch mehr Werbung machen können und unsere jetzigen Schiedsrichterinnen hier mehr einbinden sollten. Das hatten wir schon einmal versucht, nur ist uns die dafür vorgesehene Kollegin leider abhandengekommen.“ Für die Zukunft wolle er auf das Thema eine höhere Priorität setzen, damit sich an den doch geringen Zahlen etwas ändere – zumal der Frauenfußball im Kreis Rotenburg ja recht erfolgreich sei. Positiv anzumerken ist, dass es zum gerade gestarteten Anwärterlehrgang bereits weibliche Anmeldungen gab.

Die neuen Schiedsrichterinnen und -richter müssen jedoch ein besonders starkes Fell mitbringen. Das weiß auch Anke Köhler: „Ein C-Jugendspieler hat mich einmal F**** genannt. Da ist in der Erziehung wirklich was falsch gelaufen. Die Trainer haben sich mehrfach über das Verhalten bei mir entschuldigt – nach dem Duschen dann auch der Spieler. Somit war die Sache für mich abgehakt. Gleichzeitig war das übrigens auch meine erste rote Karte.“

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