Kevin Kück und Florian Halimi sind wahre Meister im Fußball-Freestyle

„Nach 5236 Mal werden die Beine schwer“

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Wer kann das nachmachen? Florian Halimi zeigt seine Künste oft und gerne vor jungem Publikum – wie hier bei der HSV-Fußballschule. Und morgen dann in Rotenburg.

Rotenburg - Von Matthias Freese. Auftritte im „Aktuellen Sportstudio“, beim „Supertalent“ oder bei Streetshows in New York, die Teilnahme an den Fußball-Freestyle-Europameisterschaften in Prag und beim Streetstyle-Weltfinale in Tokio.

Zudem ein zigtausendfach im Netz geklickter Einsatz gegen den FC Bayern München sowie eine Rolle in einem WM-Werbespot von Pringles – Kevin Kück (23) und Florian Halimi (22) kommen ganz schön in der Welt rum! Morgen gastieren die beiden BRV-Freestyler mit spektakulären Tricks und Ballakrobatik bei der Rotenburger Sportlerehrung in der Pestalozzihalle. Zuvor haben sie uns unter anderem verraten, wie oft sie überhaupt den Ball hochhalten können.

Entschuldigung, aber wir können Ihre Namen in den Kaderlisten der Erst-, Zweit- und Drittligisten nicht finden. Haben die geschlafen oder warum spielen Sie mit Ihren technischen Fähigkeiten nicht beim Proficlub?

Kevin Kück: Bis auf das Spielgerät haben der Profi-Fußball und Fußball-Freestyle eigentlich nur wenig gemeinsam. Während es beim Fußball vor allem auf Teamfähigkeit ankommt ist Freestyle eher eine Einzelsportart. Anstatt Tore zu schießen, geht es uns eher darum, den Ball möglichst lange und spektakulär in der Luft zu balancieren. Aber wie fast jeder Fußball-Freestyler haben auch wir irgendwann mal angefangen, „normal“ Fußball zu spielen. So haben wir uns auch damals kennengelernt.

Florian Halimi: Wie jeder fußballbegeisterte Junge hatten wir natürlich Idole. Besonders Ronaldinho hat es uns damals angetan. Seine technischen Fähigkeiten und sein Ballgefühl sind unglaublich – das wollten wir imitieren. Also haben wir uns jeden Tag auf dem Bolzplatz getroffen und angefangen, den Ball hochzuhalten. Irgendwann haben wir dann versucht, den Ball auf dem Kopf zu balancieren, in den Nacken zu legen oder im Sitzen hochzuhalten. Die Inspiration dafür haben wir uns damals aus Videos im Internet geholt, häufig haben wir uns auch eigene Tricks ausgedacht. Wir haben schnell gemerkt, dass uns das liegt. Durch das ständige Training haben wir schnell viele Fortschritte gemacht. Auch unser Ballgefühl beim Fußball hat sich deutlich verbessert, aber dennoch hat sich Freestyle im Laufe der Jahre zu einer völlig eigenen Sportart entwickelt. Wir haben unser Potenzial dann eher darin gesehen. Für uns eindeutig die richtige Entscheidung!

Spielen Sie auch noch regulär Fußball – und in welcher Liga tummeln Sie sich dann herum?

Sieht gut aus: Kevin Kück läuft Thomas Müller davon.

Kück: Ich habe vor einigen Jahren noch in der Bremer Landesliga gespielt und einige Angebote von Oberligisten bekommen, habe aber dankend abgelehnt. Aufgrund des intensiven Trainingsaufwands in diesen Ligen musste ich mich entscheiden: Entweder Fußball oder Freestyle. Ich habe einfach mehr Chancen für mich im Freestyle gesehen, von daher fiel mir die Entscheidung nicht wirklich schwer. Aber ganz ohne Fußball kann ich dann doch nicht. Ich spiele an den Wochenenden gerne in meinem Heimatverein, dem Bremervörder SC, in der Kreisliga.

Halimi: Ich spiele schon seit längerem nicht mehr im Verein, da bei 120 Auftritten pro Jahr recht wenig Zeit dafür über bleibt. Nichtsdestotrotz kann ich das Fußballspielen nicht komplett sein lassen. Mittlerweile bin ich seit vier Jahren der offizielle Freestyler der HSV-Fußballschule Ein Mal in der Woche treffen sich die Mitarbeiter des HSV zum Kicken auf dem Trainingsplatz an der Arena. Fußball macht mir also immer noch riesig Spaß.

Auf welcher Position sind Sie dann aktiv?

Halimi: Früher habe ich nur Stürmer gespielt. Mittlerweile habe ich die Position des offensiven Mittelfeldspielers für mich entdeckt. Da kann ich meine technischen Fähigkeiten, die ich durch das Freestylen erlernt habe, besser einsetzen.

Kück: Eigentlich bin ich gelernter Torwart und habe auch seit meiner Jugend auf dieser Position gespielt. In der vergangenen Saison habe ich es dann zur Abwechslung einfach mal in der Offensive versucht und auch das eine oder andere Tor geschossen. Beide Positionen gefallen mir sehr gut, aber meine Stammposition ist und bleibt im Tor.

Herr Kück, auf YouTube haben Sie es inzwischen zum Star gebracht. Es gibt dort ein Video, in dem Ihnen sogar Xabi Alonso applaudiert. Erzählen Sie doch mal, wie es dazu gekommen ist?

Kevin (Kück) allein in New York? Das sieht nur so aus. Dieses Bild entstand in einem Hinterhof der US-Metropole.

Kück: Ich habe mich letztes Jahr mit einem Video beim Paulaner-Cup des Südens beworben. In diesem Wettbewerb werden Amateurfußballer aus aller Welt gecasted und die besten von ihnen zu einer Mannschaft zusammengestellt, die dann in einem Freundschaftsspiel gegen die Profis des FC Bayern München spielen darf. Mein Bewerbungsvideo muss die Jury überzeugt haben, also wurde ich mit 60 weiteren Amateurkickern zu einem Auswahltraining an die Säbener Straße zum Trainingsgelände des FC Bayern München eingeladen. Dort mussten wir uns in verschiedenen Disziplinen an zwei harten Trainingstagen beweisen. Am Ende hatte ich es irgendwie unter die besten Amateurkicker geschafft. Im Oktober traten wir mit der „Paulaner Traumelf“ gegen die Profis des FC Bayern München an. Ich habe dann während des Aufwärmprogramms ein bisschen gefreestyled. Dass ich zu dem Zeitpunkt von Alonso beobachtet wurde, wusste ich zu dem Zeitpunkt gar nicht. Erst als ein Reporter mich nach dem Spiel aufgeklärt hatte und ich am nächsten Tag das Video im Internet sah, erfuhr ich davon. Dass es jedoch hunderttausendfach angeklickt werden würde, damit habe ich natürlich überhaupt nicht gerechnet.

Wo treten Sie beide sonst mit Ihren Künsten auf?

Kück: Unsere Einsatzorte könnten kaum verschiedener sein: Wir haben von Auftritten in ausverkauften Fußballstadien über Public-Viewing-Events, Fernsehauftritten, Messeveranstaltungen und Firmenfeiern bis hin zu Privatveranstaltungen und einfachen Straßenshows eigentlich schon fast überall unsere Künste gezeigt. Das ist das Tolle am Fußball-Freestyle, denn aufgrund der großen Popularität des Fußballs lassen sich unsere Perfomances auf fast jede Art von Veranstaltung abstimmen.

Halimi: Außerdem trete ich im Jahr bei über 90 Camps der HSV-Fußballschule auf. Dabei zeige ich unseren Nachwuchskickern, was man alles mit dem Ball anstellen kann. Die Camps sind in ganz Norddeutschland verteilt.

Und wie würden Sie einem Unwissenden Ihre Profession beschreiben?

Kück: Vereinfacht gesagt ist Fußball-Freestyle eine sehr umfangreiche und vielfältige Sportart, bei der es darum geht, einen gewöhnlichen Fußball möglichst lange und spektakulär in der Luft zu balancieren. Ganz egal, ob mit den Füßen, den Beinen, dem Oberkörper oder dem Kopf, stehend, sitzend oder liegend, der Sportart sind in ihrer Ausführung keinerlei Grenzen gesetzt. Sogar das Benutzen der Arme und anderer Hilfsmittel wie Mützen oder Springseile ist erlaubt, so dass man seiner Kreativität freien Lauf lassen kann.

Sie nehmen auch an weltweiten Wettbewerben teil. Wie läuft so etwas ab?

Kück: Der wohl bekannteste Wettbewerb in der Szene ist der „Red Bull Street Style“. Das ist ein weltweiter Contest, in dem jeweils die besten Freestyler einer Nation gegeneinander antreten. Das Konzept, sowohl bei den Vorentscheiden als auch beim Weltfinale, ist dabei ähnlich wie bei einer Fußball-WM: Nach einer Gruppenphase geht es weiter mit Achtelfinale, Viertelfinale, Halbfinale und Finale. In sogenannten „Battles“ treten jeweils zwei Freestyler gegeneinander an. Ein Battle dauert drei Minuten, jeweils nach 30 Sekunden wird der Ball gewechselt. Eine Jury bewertet dann die Overall-Performance. Der Freestyler mit den meisten Votes von der Jury gewinnt das Battle.

Und was ist das für eine Szene?

Halimi: Die ersten „richtigen“ Freestyler nach heutigem Verständnis sind seit Anfang der 2000er Jahre aktiv. In den letzten Jahren hat sich die Szene immer stärker entwickelt. Das hängt natürlich auch mit dem Internet zusammen, denn das bietet uns die Möglichkeit, mit Freestylern aus aller Welt in Kontakt zu bleiben, Videos auszutauschen oder Events zu organisieren.

Kück: Anders als in vielen anderen Sportarten ist mir kein Fall bekannt, in denen Freestyler untereinander ernsthafte Rivalitäten pflegen. Sicherlich ist man erst einmal enttäuscht, wenn man ein „Battle“ verliert, aber im nächsten Moment feiert man mit dem Gewinner. Spaß, Freundschaft und Respekt stehen hier an oberster Stelle.

Mal ganz ehrlich: Wie oft können Sie eigentlich den Ball hochhalten?

Kück: Ich habe es einmal bis circa 2000 probiert, habe danach aber aufgehört, weil es mir zu langweilig wurde. Wenn uns langweilig ist, gehen wir auch gelegentlich zusammen laufen – mit Ball-hochhalten natürlich. Jeder läuft dann circa einen Kilometer, dann wird gewechselt. Der andere läuft so lange nebenher ohne Ball, das können wir auch.

Halimi: Man hat mir diese Frage schon so häufig gestellt, dass ich mich irgendwann mal dazu entschieden habe, es auszuprobieren: 5236 Mal waren es genau. Irgendwann werden die Beine schwer.

Und wie oft müssen Sie dafür üben?

Kück und Halimi: Drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche à eine bis zwei Stunden müssen schon sein, um nichts zu verlernen. Wenn man neue Tricks üben möchte, sind nochmal extra Stunden nötig. Dabei können wir so ziemlich überall trainieren: in der Wohnung, im Park, in der Sporthalle. Ausreden gibt es also für uns keine.

Was machen Sie sonst neben dem Jonglieren mit dem Ball?

Kück: Wenn ich den Ball mal zur Seite lege, gehe ich normal zur Universität. Dort studiere ich BWL und möchte später den sportökonomischen Sportpunkt unserer Uni belegen.

Halimi: Wer meine Tricks mal gesehen hat, der weiß, dass auch viel Kraft benötigt wird. Deswegen betreibe ich auch viel Kraftsport. Ich studiere BWL auf Englisch in Hamburg, doch im Gegensatz zu Kevin hat mein Schwerpunkt „Controlling und Finanzen“ nichts mit Sport zu tun. Ich nutze Freestyle eher als eine Art Ausgleich. Es gibt nichts Besseres als nach einem Tag voller Bilanzrechnungen sich den Ball zu schnappen und eine Runde mit dem Ball zu jonglieren.

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