Keine andere Wahl

Warum der Niedersächsische Fußballverband diese Corona-Saison abbrechen wird

In den Abfall gehören die Bälle nicht, aber die aktuelle Saison dürfte wohl in der „Tonne“ landen.
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In den Abfall gehören die Bälle nicht, aber die aktuelle Saison dürfte wohl in der „Tonne“ landen.

Wann kommt es zum Saisonabbruch für Niedersachsens Fußballer? Noch diese Woche? Dass es aufgrund der Corona-Pandemie keine andere Wahl gibt, zeigt unser Sportredakteur in seiner Bestandsaufnahme auf.

  • Auch in Niedersachsen steht die Corona-Saison vor dem Abbruch.
  • Am Dienstag tagt der Verband.
  • Viele Aspekte sprechen gegen eine Fortsetzung.

Rotenburg – Die Zeit des Wartens nähert sich dem Ende, die Zeichen stehen auf Saisonabbruch! Wird der Niedersächsische Fußballverband (NFV) am Dienstag auf seiner Vorstandssitzung die Notbremse ziehen – oder die Entscheidung darüber weiter vertagen? Mit einem am Freitag verschickten Brief an seine Vereine scheint jedenfalls der Weg bereitet zu sein. Der Prozess des Umdenkens hat eingesetzt.

Die Kernaussage findet sich im vierten Absatz. Es ist ein einziger Satz, der sich über acht lange Briefzeilen hinzieht und reichlich verklausuliert formuliert ist: „Sofern jetzt jedoch absehbar ist, dass diese avisierte sportliche Lösung aufgrund der politischen/behördlichen Vorgaben/Beschränkungen und/oder weiterer in Ansatz zu ziehender gewichtiger Gründe aufgrund der sich zum jetzigen Zeitpunkt erst manifestierenden (leider negativen) Entwicklungen im Pandemiegeschehen (wie z. B. erneut steigende Inzidenzwerte, vom politischen Plan abweichende Impfsituation, unpraktikable Teststrategien, insgesamt daraus resultierende mangelnde Öffnungsschritte) nicht mehr möglich sein sollte, werden wir – in den kommenden Tagen und Wochen – über weitere (verhältnismäßige) Alternativen zum Umgang mit dem Spieljahr 20/21 diskutieren und dazu beschließen.“ Genau so hat es Steffen Heyerhorst, NFV-Direktor und Justiziar im Auftrag geschrieben. Was in der Kurzform übersetzt heißt: Erlaubt das Land nicht schnell Training und Spiele, kann der Verband die Saisonfortsetzung vergessen.

Statt Abbruch spricht der Verband von Alternativen

Statt Abbruch spricht der Verband zwar noch von „Alternativen“ – meint aber vermutlich das Gleiche. Angesichts der aktuellen Entwicklungen sieht es nicht nach einer baldigen Rückkehr auf den Platz aus, um die Spielserie regulär abzuschließen: Die Inzidenzzahlen stiegen zuletzt wieder rasant und sind in Niedersachsen höher (Sonntag: 88,4) als am Tage der Saisonunterbrechung am 28. Oktober (66,6). Weitere Öffnungsschritte sind von der Bund-Länder-Konferenz am Montag nicht zu erwarten, also auch kein Mannschaftstraining mit Kontakten für Erwachsene, geschweige denn Spiele ab Ostern. Die Realität hat den NFV offensichtlich eingeholt. Er hat trotz Verlängerung bis 21. Juli kaum eine andere Wahl. Im Hintergrund dürfte er längst das Abbruchszenario und die komplizierten Folgen ausarbeiten.

Zumal Druck und Widerstand der Basis wachsen. Im Kreis Rotenburg hatten sich – wie berichtet – sechs Vereine aus der 1. Kreisklasse öffentlich zum Abbruch und zur Annullierung bekannt. Im Heide-Wendland-Kreis waren es gar 35. Der SV Eddelstorf, Schlusslicht der Bezirksliga 1 (Staffel 2) hat gegenüber der Allgemeinen Zeitung Uelzen angekündigt, diese Saison nicht mehr antreten zu wollen und den Abstieg in Kauf zu nehmen.

Der NFV spricht in seinem Brief an die Vereine von „diffizilen“ Entscheidungen. „Dieser Verantwortung sind wir uns absolut bewusst“, betont Heyerhorst und verspricht: „Wir sind mit unseren ehrenamtlichen Fachleuten in den spieltechnischen Ausschüssen genauso im Dialog wie mit den sportpolitischen Vertretern aller Gliederungsebenen, damit wir zu einer tragfähigen, auf Fakten und Sachlagen basierenden weiteren und finalen Entscheidung gelangen können. Insbesondere nehmen wir zudem die teilweise direkten und über unsere politischen Mandatsträger indirekten Rückmeldungen der Mitgliedsvereine mit in unsere Gesamtabwägungen auf.“

Eine direkte Einbindung scheint nicht geplant zu sein. Diese benötigt der Verbandsvorstand auch nicht, schließlich ist er durch den außerordentlichen Verbandstag legitimiert, kann allein entscheiden. Durchaus denkbar, dass es mit dem Wissen der Bund-Länder-Konferenz schon am Dienstag konkrete Maßnahmen gibt.

Mitte April als Re-Start-Termin habe ich mittlerweile abgehakt.

Uwe Schradick, Kreisvorsitzender

Uwe Schradick, der Vorsitzende im NFV-Kreis Rotenburg und damit Mitglied im Verbandsvorstand, rechnet dann allerdings noch nicht mit einem Abbruch. „Das kann ich mir noch nicht vorstellen. Ich kann mir aber vorstellen, dass es eine ultimative Deadline geben könnte“, sagt er und gesteht: „Ich bin von jeher Optimist, aber vor drei Wochen war ich deutlich optimistischer.“ Er verweist darauf, dass es in den 33 Kreisen und vier Bezirken des NFV unterschiedliche Voraussetzungen gibt und spricht sich dafür aus, differenziert zu agieren. Klar ist aber auch für Schradick: „Mitte April als Re-Start-Termin habe ich mittlerweile abgehakt.“ Und sollten Ende April immer noch keine Spiele ausgetragen werden können, dürfte kaum noch etwas möglich sein, wie sein Spielausschussvorsitzender Frank Michaelis gegenüber unserer Zeitung bereits erklärt hatte.

Schradick hatte sich erst am Freitag mit sieben von neun Kreisvorsitzenden aus dem Bezirk ausgetauscht und führt täglich eine Handvoll Telefonate mit Vereinsvertretern. „Die Gespräche sind absolut sachlich“, berichtet er von einem heterogenen Stimmungsbild. Schradick vermutet, dass die Spieler und Trainer mitunter anders denken würden als die Vorstände.

Selbst wenn es zum Saisonabbruch kommt, bleiben viele Fragen offen: Wie soll die angebrochene Serie gewertet werden? Würde sie annulliert und im Sommer in gleicher Konstellation bei null angefangen werden? Gibt es anhand einer Quotientenregelung Auf- und Absteiger? Oder wird mit den vorhandenen Tabellenständen weitergemacht – quasi eine Saison über zwei Jahre? Im Kreis sei das alles „noch kein Thema. Wir haben aber auch nicht das Problem der überfüllten Staffeln“, sagt Schradick und liegt richtig, wenn er betont: „Es bleibt spannend.“

Kommentar

Vernunft und Verantwortung

Für den Niedersächsischen Fußballverband scheint es ein Tabu-Wort zu sein: Saisonabbruch! Verhext soll der sein, der es in den Mund nimmt. Selbst in seinem Schreiben an die Vereine wagt der Verband es immer noch nicht, das Kind beim Namen zu nennen. „Alternativen zum Umgang mit dem Spieljahr“ heißt es.

Aber schauen wir auf die Fakten, die Spiele für lange Zeit nicht möglich machen oder den Vereinen im Amateurfußball große Sorgen bereiten: Inzidenzwerte, die hochschnellen; Mutationen; Verzögerungen bei den Impfungen; Arbeitnehmer, denen nicht egal ist, ob sie sich infizieren und krank fehlen; Spiele ohne Fans und Einnahmen; hohe Kosten für mögliche Pflichttests. Die Liste ließe sich erweitern, doch allein diese Argumente sprechen gegen eine Fortsetzung in der aktuellen Situation, die sich kaum bis Ende April entscheidend zum Besseren wenden wird. Es wird Zeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Bricht der NFV nun ab, ist es keine Kapitulation, sondern ein Zeichen von Vernunft und Verantwortung. Im Oktober sagte Präsident Günter Distelrath: „Es geht um unsere Gesundheit und die unserer Familien. Der Fußball spielt dahingehend nur eine untergeordnete Rolle.“ Vielleicht erinnert er sich daran.

Matthias Freese

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