Im Stich gelassen

Amateurfußball im tiefen Dornröschenschlaf

Auf den Fußballplätzen herrscht seit Monaten Tristesse – geht es nach dem Landessportbund, bleibt das auch bis zum Sommer so.
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Auf den Fußballplätzen herrscht seit Monaten Tristesse – geht es nach dem Landessportbund, bleibt das auch bis zum Sommer so.

Rotenburg – Für einen Aufschrei des Entsetzens hat der Landessportbund (LSB) bei Niedersachsens Fußballern gesorgt. Auch an der Basis regt sich spürbarer Widerstand, nachdem das LSB-Präsidium Ende vergangener Woche in einer eiligst verfassten Erklärung auf den Stufenplan 2.0 der Landesregierung reagiert und eine Rückkehr in den Kontakt- und Wettkampfsport erst ab Beginn der Sommerferien (23. Juli) angeregt hatte. Mit einem klaren „Nein!“ erteilte Günter Distelrath, der Präsident des Niedersächsischen Fußballverbandes (NFV) öffentlich dem Zeitplan eine Absage. Uwe Schradick, Vorsitzender des Fußball-Kreises Rotenburg, schließt sich dem an: „Das kann nicht umgesetzt werden, das kann ich mir nicht vorstellen.“

Die Auswirkungen der vom LSB vorgeschlagenen Umsetzungsschritte sind klar und drastisch. De facto hieße das: Saisonabbruch in sämtlichen Mannschaftssportarten auf Amateurebene. Diese scheinen aktuell jedenfalls keine Lobby zu haben. Der Landessportbund setzt sich zwar dafür ein, „dass Individualsport auch in Zeiten eines Lockdowns – wie aktuell praktiziert – möglich bleiben muss und dass die Regelungen für Profisportler und Kadersportler aufrecht erhalten bleiben“, doch der Rückkehr in den Wettkampfbetrieb für Mannschaftssportler will er noch lange fünfeinhalb Monate den Riegel vorschieben.

Genau das trifft die Fußballer in besonderem Maße. Während im Handball wegen des viel früher nötigen Saisonendes ohnehin viele bereits mit dem erneuten Abbruch rechnen, hatte der Fußball grünes Licht für eine Verlängerung der Serie über den 30. Juni hinaus gegeben und war als Freiluftsport immer noch davon ausgegangen, die Saison (wenn auch mit reduziertem Spielplan) beenden zu können.

„Ich kann nicht glauben, dass es so gewollt ist“, sagt Uwe Schradick und nennt die Pläne des LSB „unvorstellbar. Ich nehme das Ding nicht für ernst und gehe davon aus, dass es ein Irrtum ist. Da ist etwas in der Kommunikation schiefgelaufen“, ist der Fußball-Boss des Kreises überzeugt und glaubt, dass der Verband längst Kontakt zum Landessportbund aufgenommen hat. Denn: „Der Entwurf ist nicht abgestimmt mit den Fachverbänden. Da wird im Laufe der Woche sicher was kommen.“ Auch der Kreissportbund-Vorsitzende Jörn Leiding zeigt sich auf Nachfrage „überrascht“ von den vorgeschlagenen und späten Re-Start-Terminen, sagt aber auch: „Wie ich unsere Sportorganistion kenne, wird die Aussage des Fußballverbandes für Diskussionen sorgen.“

Kommentar

Der Notfallplan für Fußballer liegt auf der Hand

So sehr sich der Landessportbund (LSB) auch für seine Vereine einsetzt – dieses Mal fällt er zumindest den Mannschaftssportlern im Amateurbereich in den Rücken! Der LSB sagt Ja zum Profi- und Spitzensport in Corona-Zeiten – und vertröstet alle anderen Teams tatsächlich auf den Sommer. Fünfeinhalb Monate ist das noch hin, bis dahin kann in dieser Pandemie vieles passieren – im Positiven wie im Negativen. Warum also lässt der LSB das Fenster für den Wettkampfbetrieb nicht zumindest geöffnet? Wenn auch im April sich die Lage nicht entspannt hat, kann es immer noch zugeklappt werden. Das Entsetzen der Fußballer ist verständlich. Sie müssen aber auch selbst endlich mehr als nur auf Sicht fahren. Sie müssen einen Notfallplan entwickeln. Der könnte so einfach aussehen: Saisonverlängerung bis Mai 2022! Dann bestünde die große Chance, alles ohne Zeitdruck durchzubekommen. Und zwar wie geplant, mit allen Hin-, Rück-, Auf- und Abstiegsspielen.

Matthias Freese

Dass Niedersachsens Fußballverband mobil macht und nicht klein beigibt, war jedenfalls bereits am Wochenende den Worten von Präsident Distelrath zu entnehmen. Der bezeichnete die Pläne als „weder plausibel noch akzeptabel“. Er fordert „einen weitaus früheren Wiederbeginn von Training und Wettkampfsport ein, sofern es der Inzidenzwert zulässt, und dies wäre ein Wert zwischen 50 und 25. Konkret bedeutet dies einen Wiederbeginn von Trainingsmöglichkeiten in festen Gruppen im Verein ab März und einen Beginn von Wettkampfsport in Gruppenstärke von bis zu 50 Personen ab April.“

Im Stufenplan der Landesregierung ist bei dieser Inzidenzspanne allerdings nur von maximal 30 Personen im Freien die Rede – das wiederum reicht im Fußball nicht aus, um ein Spiel auch mit der regulären Anzahl an Auswechselspielern durchzuführen, sodass Pflichtspiele erst

ab einem Inzidenzwert von unter 25 möglich wären. Zur Erinnerung: Noch im Oktober hatte der Rotenburger SV bei BW Lohne im Hotspot mit einem damaligen Inzidenz-Topwert von 70 antreten müssen, ohne dass der dortige Landkreis oder gar das Land eingeschritten wären.

Schradick geht von „einem Irrtum“ aus

Nun aber droht den Amateurfußballern ein noch längerer Dornröschenschlaf, weil durch den gläsernen Sarg kaum noch Sauerstoff eindringt. Den Spalt, der bisher noch offen stand, möchte der LSB offenbar ohne Not schließen. Ohne Not, weil durchaus noch Zeit besteht, um die Entwicklung der Pandemie abzuwarten. Die zeitliche Perspektive, die der Landessportbund seinen Vereinen aufzeigen wollte, ist aus Sicht des Fußballverbandes jedenfalls eine No-Future-Perspektive. Zumindest für die unterbrochene Saison, der damit eine Annullierung droht.

Distelrath wird indes nicht müde zu betonen, „dass beim Fußballspielen im Freien eine Übertragung des Corona-Virus mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist“. Zudem sei Fußball im Gegensatz zum Boxen oder Ringen keine „Kontaktsportart im Sinne langanhaltender, statischer Ganzkörperkontakte mit hohem Infektionsrisiko, sondern vielmehr eine Sportart mit Kontakten über wenige Sekunden mit geringer Kontaktfläche“.

Gerade im Fußball spielen ohne Frage auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Je höher die Liga, desto mehr hängt daran. Mitunter sind es auch Existenzen. Etwas sehr pathetisch mag es dann allerdings klingen, wenn der NFV-Präsident betont: „Ich möchte an dieser Stelle nachdrücklich daran erinnern, dass der Fußball eine ungemein wichtige Kraft ist, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. Eine Kraft, die unser Land mehr denn je braucht.“

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