Ein Besuch in Magdeburg

Marcel Costly hat es ohne Nachwuchsleistungszentrum in den Profifußball geschafft

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Marcel Costly in seinem „Wohnzimmer“, der MDCC-Arena in Magdeburg, die 25.000 Zuschauern Platz bietet.

Magdeburg - Von Matthias Freese. Es sind nur eine Handvoll Fans, die sich an diesem kalten und bedeckten Dezembernachmittag auf dem Trainingsgelände des 1. FC Magdeburg einfinden. Die regelmäßigen Zaungäste haben ein wachsames Auge dafür, wer aus dem Kader der Fußball-Zweitligisten fehlt – aber auch für Veränderungen abseits des Platzes.

So springt einem von ihnen, stilecht in Trikot und Kutte gekleidet, der deplatzierte Aufkleber am Handlauf des Geländers ins Auge. Schnell zieht er den Reißverschluss seiner Gürteltasche auf, kramt einen von zahlreichen Stickern heraus und überklebt die Hinterlassenschaft des Ostrivalen Union Berlin. „Das hat hier nichts zu suchen, so´n Zeug!“ Anschließend gilt die Aufmerksamkeit wieder den Spielern. Unter ihnen: Der Visselhöveder Marcel Costly, seit einem Jahr im Team, seit dem Sommer Zweitliga-Profi – und in jedem der Hinrundenspiele für Magdeburg auf dem Platz.

Michael Oenning hat seit Mitte November das Sagen beim Tabellenvorletzen. Er löste den Aufstiegstrainer Jens Härtel ab. Unter dem alten Coach war Costly gesetzt – zwölfmal in der Startelf. Unter dem neuen kam er bisher in jedem Spiel von der Bank. „Der Trainer hatte eine Idee und mich nicht in seinem Plan, jetzt will ich mich wieder herankämpfen“, sagt Costly. Ohne Groll, kämpferisch.

Die Spieler trainieren auf Platz zwei, im Schatten der MDCC-Arena. In Vierergruppen geht es um das Verwerten von Standards ohne Gegenspieler. Costly hämmert den Ball volley ins Tor. „Sensationell! Bravo!“, ruft Oenning, der nur wenige Schritte neben dem Pfosten steht. Von seinen Kollegen ist Costly kaum zu unterscheiden, weil sich fast alle unter ihrer dunklen Mütze verstecken. Höchstens durch seine neuen, schneeweißen Schuhe setzt sich der 23-Jährige ab.

2009: Marcel Costly im Trikot des Rotenburger SV – das Bild zeigt ihn als 13-Jährigen in der C-Jugend.

Zwei Stunden vorher, in einer italienischen Restaurantkette in der Magdeburger Altstadt: Costly bestellt weder Pasta noch Pizza, sondern frischen Minztee – mit zwei Portionen Honig. „Es ist ja gleich Training.“ Er achtet auf seine Ernährung, hat sich sogar einen Thermomix zugelegt, „um immer frisch kochen zu können“. Gemüse, Reis, Fleisch, Fisch – das Standardprogramm. „Auch viel Salat und Naturjoghurt.“ Süßigkeiten? Höchstens „einmal die Woche“.

Er sitzt direkt am Fenster, kann den Ulrichplatz mit dem zu dieser Jahreszeit leeren Springbrunnen überblicken. „Auf jeden Fall lebe ich hier in Magdeburg gerade meinen Traum“, sinniert er und rührt mit dem Löffel im Tee. 25.000 Zuschauer bei den Heimspielen, 3500 mitreisende Fans wie in Köln. An jeder zweiten Laterne, an jedem zweiten Stromkasten ist der Verein verewigt worden – eine Stadt in blau-weiß. 

Für Costly, der vorher beim FSV Mainz 05 II vor wenigen Hundert Besuchern in der Regionalliga und der 3. Liga gespielt hat, ist das alles neu. „Wie die Fans hier hinter einem stehen, so unfassbar laut“, schwärmt er. „Man wird in der Stadt einfach wahrgenommen.“ Mit der Anonymität, die er in Mainz als U  23-Spieler kannte, ist es hier vorbei. „Es gibt immer zwei, drei Blicke, aber es ist nie störend. Wenn man Essen geht, kommt keiner an den Tisch. Und wenn ich im Edeka bin, warten die Leute, bis ich meinen Einkauf gemacht habe, um dann draußen ein Foto mit mir zu machen“, erzählt Costly und lacht. „Man wird richtig geschätzt. Magdeburg ist ein familiärer Verein.“

2013: Marcel Costly in seinem ersten Herrenjahr beim RSV. Er debütierte in der Oberliga als 17-Jähriger.

Nur fünf Minuten mit dem Auto wohnt er von der Altstadt entfernt, im Stadtteil Cracau – in einer Drei-Zimmer-Wohnung, damit Familie und Freunde ihn auch besuchen können. Im Sommer ist er meist mit dem Rad zum Training gefahren, inzwischen hat er sich einen Audi gegönnt. „Man wird reifer und schätzt mehr, was wichtig für einen ist“, sagt er. Auch die Annehmlichkeiten einer Profimannschaft: „Man muss sich um wenig kümmern. Ich muss nur die Kulturtasche mit zum Training nehmen.“

Dass er es so weit geschafft hat, ist ein kleines Märchen im harten Business. Costly ist ein Fußball-Phänomen. Nie hat er ein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) besucht, die Stützpunktauswahl in Zeven war die höchste Berufung. Als es einst zur Sichtung für die Niedersachsenauswahl ging, fiel der damals zierliche Marcel durch. „Da haben sie mir gesagt, dass es für mich nicht reicht“, erinnert er sich. Und auch daran, dass sein Opa, der ihn dorthin kutschiert hatte, trösten musste: „Auf dem Rückweg habe ich angefangen zu weinen.“ Heute sagt er: „Es gibt immer mal ein Tief, damit muss man umgehen und das in Stärke umwandeln.“

Im Gegensatz zu vielen seiner Teamkollegen, die sich früh auf Fußball konzentrieren konnten, verdiente sich Costly als Schüler ein paar Euro dazu. „Ich habe im Heidepark Eis verkauft, ich habe auf dem Hurricane Müll gesammelt. Und meine Mutter hat mich mal in den Ferien für einige Wochen auf den Bau geschickt.“ Bereut hat er es nicht. „Für mich ist es ein Zeichen, dass man auch ohne NLZ und eine gute Ausbildung viel erreichen kann. Das gilt im Sport und auch im Beruf. Ich bin so weit gekommen, ohne dass ich jemals zweifeln musste.“ Sein Marktwert beim Fußball-Portal Transfermarkt.de ist mittlerweile auf 650.000 Euro hochgeschnellt.

2018: Marcel Costly beim Training des 1. FC Magdeburg – er ist erst kürzlich 23 Jahre alt geworden.

Noch vor fünfeinhalb Jahren hätte das wohl keiner für möglich gehalten. Damals kam Costly aus der Niedersachsenliga-A-Jugend des FC Verden 04 zurück zum Rotenburger SV. Er debütierte als 17-Jähriger im Herrenteam in der Oberliga und begann nebenbei eine Ausbildung zum Physiotherapeuten in Delmenhorst. Sein damaliger Coach Benjamin Duray erinnert sich: „Er hat seine eigenen Mitspieler vorher noch massiert und getapt und ist dann aufgelaufen.“ Doch schon damals war Costly das normale Training nicht genug. 

Duray schrieb ihm Extra-Trainingspläne, er legte Zusatzschichten ein. Nur ein Jahr später hatte Costly den Vertrag in Mainz in der Tasche – 3. Liga! „Die an mich geglaubt haben, kann man an einer Hand abzählen“, weiß er. Duray gehörte dazu. „Er hat mich richtig geprägt. Ich war schon so etwas wie sein Liebling. Er hat mit mir den ersten Kontakt geübt, mir viele Tipps gegeben.“ Martin Schmidt und Sandro Schwarz verpassten ihm beim Bundesliga-Unterbau den fußballerischen und taktischen Schliff.

Während er in Mainz noch als rechter und linker Verteidiger seinen Stammplatz in der Defensive hatte, wird er in Magdeburg offensiv auf den Flügeln eingesetzt. „So lange ich spiele, ist alles gut. Aber im 3-5-2 wäre meine Lieblingsposition die rechte Seite, die ich dann zu beackern hätte“, gesteht Costly. Seine körperlichen Voraussetzungen sind sein großes Plus – aber auch sein unbändiger Wille. 

„Als damals drei Mitspieler zu Werders U 18 gegangen sind, habe ich ihm auf die Schulter geklopft und gesagt: Deine Zeit kommt noch.“ Boris Jeromin, Costlys U17-Trainer in Verden

„Als wir mit Magdeburg aufgestiegen sind, wusste ich, dass ich mich nicht auf die faule Haut legen kann, sondern noch besser werden muss.“ Die Konsequenz: Er hat inzwischen einen Personalcoach und fährt an trainingsfreien Tagen immer wieder zu ihm nach Berlin. 

„Ich habe eine gute Eigenmotivation, aber wenn man jemanden hat, der einen noch weiter puscht, ist es genau das Richtige, um weiterzukommen.“ In Visselhövede ist er deshalb an den Feiertagen das erste Mal seit drei Monaten bei der Familie.

Zurück auf dem Trainingsplatz. Die wenigen Fans, die ausharren, frieren. Bei den Partnerübungen, wie beim Lauf-ABC, tut sich Marcel Costly mit Felix Lohkemper zusammen. Beide kennen sich noch aus der gemeinsamen Zeit in Mainz. Mit seinen „Buddys“ Lohkemper, dem U 19-Europameister von 2014, und Keeper Alexander Brunst, einst die Nummer drei beim Hamburger SV, hat er auch eine Aktivierungsgruppe gegründet. 

„Wir machen Stabi-Übungen vor dem Training und auch hinterher“, erzählt Costly. Er ist fest entschlossen: „Ich will mich so festbeißen, dass ich nicht mehr wegzudenken bin.“ Und dann? „Erst mal muss ich mich in der zweiten Liga etablieren und zielstrebig bleiben. Aber inzwischen habe ich Selbstbewusstsein gesammelt und will mich weiterentwickeln. Das Limit ist jedenfalls noch nicht da“, ist Costly überzeugt.

„Es war absehbar, dass er durchstartet. Er ist fleißig, bringt körperlich unfassbare Voraussetzungen mit und weiß, dass er auf seine Chance warten muss.“ Benjamin Duray, Costlys Trainer beim RSV

Die Einheit auf dem Platz dauert an diesem Tag etwas länger als gewöhnlich. Für einige gibt es sogar noch eine freiwillige Verlängerung. Die meisten Spieler und Coach Oenning haben das Gelände bereits Richtung Umkleidekabine im Stadion verlassen. Marcel Costly ist mal wieder einer der Letzten, schießt noch ein paar Bälle aufs Tor. Da sind selbst die hartgesottenen Anhänger bereits gegangen – aber sie kommen wieder. Mit ihren Aufklebern.

Zur Person

Marcel Costly (23) stammt aus Visselhövede und hat beim SV Schwitschen mit dem Fußball begonnen. Er wechselte in der D-Jugend zum Rotenburger SV und war noch für den TuS Heeslingen („Da habe ich fast ein Jahr gar nicht gespielt, da war ich noch so zierlich“), erneut den RSV sowie den FC Verden 04 am Ball. Nebenbei spielte er Basketball bei der BG ‘89 Hurricanes. 

Als A-Jugendlicher kehrte er zurück zum RSV, allerdings in die Herren, bei denen er mit 17 Jahren in der Oberliga debütierte. Nach einem Jahr folgte 2014 der Wechsel zum FSV Mainz 05 II in die 3. Liga, am 2. Januar 2018 der Transfer zum 1. FC Magdeburg, mit dem er in die zweite Liga aufstieg. Sein Vertrag läuft dort bis zum 30. Juni 2020. 

maf

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