Großmeister aus München ist Ehrenmitglied im SC Sottrum und gilt als „Weltmeister im Amateurschach“

Helmut Pfleger: „Schach ist Sport“

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In Sottrum hat sich Dr. Helmut Pfleger (r.) bereits drei Mal im Simultanturnier den regionalen Schachamateuren zum Duell gestellt.

Sottrum - Von Manfred Klein. Ein Grußwort von prominenter Seite hat der Schachclub Sottrum für sein Jahresschluss-Open am Sonntag und Montag, 28. und 29. Dezember, erhalten: Dr. Helmut Pfleger (71), Schachgroßmeister aus München, wünscht dem Turnier und dem Verein viel Erfolg. Pfleger moderierte jahrzehntelang Schach-Weltmeisterschaften und andere große Turniere im Fernsehen. Und: Pfleger – er gilt mit einer Elo von 2545 (internationale Schachleistungszahl) als Weltmeister im Amateurschach – ist Ehrenmitglied im SC Sottrum.

Herr Dr. Pfleger, wie und wann kam der Kontakt mit dem SC Sottrum zustande?

Helmut Pfleger: Bodo Becker, Kassenwart des SC Sottrum und damals Volksbankvorstand, hat mich kontaktiert und mir mit seiner ansteckenden Lebendigkeit und Tatkraft gefallen.

Warum ließen Sie sich als Ehrenmitglied des SC Sottrum, einem kleinen Verein in einem kleinen Ort, eintragen?

Pfleger: Ich habe mich beide Male in Sottrum sehr wohlgefühlt, mit seinen freundlichen und fürs Schachspiel aufgeschlossenen Menschen. Darüber hinaus scheint mir das Vereinsleben reger als anderswo zu sein. So ist es für mich auch eine Auszeichnung, Ehrenmitglied des SC Sottrum zu sein.

Hätten Sie noch mal Lust, ein Simultanturnier in Sottrum zu begleiten?

Pfleger: Sehr gern – Sottrum ist immer eine Reise wert!

Haben Sie noch weitere Ehrenmitgliedschaften? Auf Ihre ist der SC Sottrum ja sehr stolz.

Pfleger: Ich bin noch Ehrenmitglied im Schachklub Bamberg von 1868 (quasi mein „Geburtsverein“ in meiner Heimatstadt) und in einem oberbayerischen Verein.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal für den SC Sottrum in der Seniorenmannschaft anzutreten, die bereits zweimal Vizemeister in der Niedersächsischen Pokalmannschaftsmeisterschaft der Vereine wurde?

Pfleger: Nein. Ich spiele seit vielen Jahren nicht mehr Turnierschach, auch nicht im Seniorenbereich. Letztlich ist mir der Aufwand (und die „Fallhöhe“) bei all meinen anderen Interessen zu groß, um noch halbwegs mithalten zu können. Eine Ausnahme werde ich allerdings voraussichtlich noch machen: Klaus Darga und Hans-Joachim Hecht (meine jahrzehntelangen Mitstreiter in der deutschen Mannschaft) und ich wollen im nächsten Jahr an der Europäischen Senioren-Mannschaftsmeisterschaft in Wien „aus Nostalgie“ teilnehmen. Vielleicht wird dann noch Otto Borik, der auch zwei Mal in der Olympiamannschaft war, dazustoßen.

Kann man sich auch im fortgeschrittenen Alter im Schach noch deutlich verbessern?

Pfleger: Nein. Die Lernfähigkeit lässt im Alter nach, auch schon vorhandene Fähigkeiten schwinden etwas dahin; nicht zufällig sind DWZ beziehungsweise Elo-Zahlen im Alter schlechter. Andererseits zeigen Beispiele wie die der ehemaligen Weltmeister Emanuel Lasker und Mihail Botwinnik, aber auch des mehrmaligen Vize-Weltmeisters Viktor Kortschnoi, wie man mit großer Motivation und einem gesunden Lebenswandel auch im Alter noch zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sein und die Spielstärke ziemlich erhalten kann. Gleichzeitig habe ich im Buch „Schach und Alter“ (Springer Verlag) anhand etlicher Studien dargelegt, dass Schachspielen demenzverhütend sein kann.

Welchen Reiz macht das Schachspielen heute noch für Sie aus?

Pfleger: Die Vielfalt und Schönheit des Schachspiels. Das kann man beim Blitzspiel ebenso erleben wie beim Live-Verfolgen von Turnieren im Internet oder beim Nachspielen von Meisterpartien. Darüber hinaus sind es natürlich die persönlichen Begegnungen mit anderen Schachspielern.

Welches Training würden Sie Vereinsspielern in unteren Klassen empfehlen, die nicht zu viel Zeit investieren können?

Pfleger: Der Spaß an der Sache scheint mir entscheidend zu sein, also was dem Einzelnen am meisten zusagt. Prinzipiell würde ich jedoch mehr Wert auf das Nachspielen von Partien und das Lösen von Kombinationsaufgaben als auf Eröffnungstheorie legen. Auch das Studium von Endspielen erscheint mir wichtiger als (übertriebenes) Pauken von Eröffnungen.

Wie sehen Sie die Chancen, Jugendliche für Schach zu aktivieren und zu motivieren?

Pfleger: Entscheidend ist ein gutes, motivierendes Umfeld mit Schachlehrern und Übungsleitern. Damit kann man viel erreichen. So hat zwar das Vereinsleben (wie auch in anderen Sportarten – ich kann ein Lied davon singen, weil ich bis heute aktiv Fußball in einer Altherren-Mannschaft spiele und sowohl wir „Alten“ als auch der Nachwuchs allerorts immer mehr Aufstellungssorgen haben) in Deutschland, nicht zuletzt durch das Internet und Spielen mit dem Schachcomputer, nachgelassen, aber im Schulschach ist ein deutlicher Aufwärtstrend zu verspüren – hierin liegt eine große Hoffnung. Viele Schulen (von der Grundschule bis zum Gymnasium) machen auch die Erfahrung, dass durch die Einbeziehung von Schach die übrigen Schulnoten besser werden, nicht nur in der „verwandten“ Mathematik. Spielerisch kann durch Schach das Gehirn geschult werden.

Wie kann man Lehrkräfte motivieren, Schach-AG's einzurichten?

Pfleger: Das hängt letztlich weitgehend von der Motivation der Lehrkräfte ab, solange Schach an den Schulen noch nicht institutionalisiert ist und entsprechend vergütet wird. Aber an etlichen Schulen in Deutschland klappt das schon.

Wie bewerten Sie den Einsatz der Software „Fritz und Fertig“ in den Schachclubs?

Pfleger: „Fritz und Fertig“ ist ein vorzügliches, mit vielerlei nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnetes Programm, um sich spielerisch im Schachspiel vorzutasten und immer mehr (mit seinen insgesamt vier Stufen) zu verbessern. Normalerweise bin ich kein großer Anhänger von Computern, aber besser als „Fritz und Fertig“ geht es nicht.

Sie haben viele Bücher geschrieben. Welcher Titel wäre für Anfänger am besten geeignet?

Pfleger: In diesem Fall natürlich „Zug um Zug“, das offizielle Lehrbuch des Deutschen Schachbunds, mit dem man auch das Bauern-, Turm- und Königsdiplom erringen kann.

Gibt es eine Zusammenfassung aus Ihren Partien?

Pfleger: Es gibt sieben Bücher mit Zusammenfassungen meiner Schachspalten aus 32 Jahren in „Die Zeit“ (seit 1982), die letzten auch mit Geleitworten von Peer Steinbrück und Richard von Weizsäcker, die meine Spalte sehr schätzen. Bei Chessbase habe ich drei DVDs mit den „Schönsten Partien der Schachgeschichte“ sowie zwei DVDs mit vielen denkwürdigen Partien (darunter auch unsere schönsten eigenen) zusammen mit Vlastimil Hort veröffentlicht.

Welche Partie gegen wen ist Ihnen noch am stärksten in Erinnerung?

Pfleger: Im (vergriffenen) Buch „Die besten Partien deutscher Schachgroßmeister“ habe ich meine Gewinnpartien gegen Kortschnoi (Europamannschaftsmeisterschaft 1965 in Hamburg – ich opferte einen ganzen Turm für strategische Vorteile) sowie gegen Larsen (1974 Manila) und Polugajewski (Montilla Moriles 1975 und Buenos Aires 1978), aber auch meine wilde Remispartie gegen Tal (Tallinn 1971) kommentiert. Stolz bin ich auch darauf, gegen Kortschnoi bei sechs Partien ein ausgeglichenes Ergebnis zu haben.

Warum ist für Sie Schach Sport? Das Thema wird immer wieder konträr diskutiert.

Pfleger: In mehreren Arbeiten, nicht zuletzt in einer Broschüre für den Deutschen Sportbund angesichts eines eigenen Medizin-Schachturniers in der Sportschule München-Grünwald 1981, habe ich dargelegt, dass Schach nach allen Kriterien mit anderen Leichtsportarten vergleichbar ist. Damals war ich an der Universitäts-Poliklinik München beschäftigt und untersuchte die Spieler mit mehreren Mitarbeitern während ihrer Turnierpartien (laufende telemetrische EKG-Messung, Blutdruck, Atemfrequenz, Hautwiderstand, Katecholamine, Blutgase und eingehende körperliche Untersuchungen, unter anderem Ergometrien). In den meisten Ländern wird Schach als Sport anerkannt, in Indien war Weltmeister Anand zwei Mal, in der Sowjetunion die Weltmeister Karpow und Kasparow mehrfach „Sportler des Jahres“, jetzt auch der äußerst sportliche Weltmeister Magnus Carlsen in Norwegen.

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