Kunstrasenplatz-Diskussion flammt neu auf

„Unsinn oder Unwahrheit“ ‒ Ex-DFB-Präsident Grindel greift Weber und Ludwig an

Im März 2019 zeigten die Fußballer des Rotenburger SV noch einmal deutlich, was sie eigentlich wollen – einen Kunstrasenplatz. Sie bekommen aber einen Winterrasen – voraussichtlich im Herbst 2021.
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Im März 2019 zeigten die Fußballer des Rotenburger SV noch einmal deutlich, was sie eigentlich wollen – einen Kunstrasenplatz. Sie bekommen aber einen Winterrasen – voraussichtlich im Herbst 2021.

Rotenburg – Peter Grewe findet das „Projekt toll – und absolut sinnvoll!“ Es schwingt durchaus ein wenig Neid in seinen Worten mit, wenn der Präsident des Rotenburger SV nach Sittensen rüberblickt, wo bis zum nächsten Sommer der modernste Kunstrasenplatz Europas entstehen soll. Es ist kein Geheimnis, dass der Fußball-Oberligist auch lieber ein ähnliches Vorhaben auf dem Ahe-Sportgelände verwirklicht gesehen hätte – stattdessen soll bis zum Herbst 2021 ein Winterrasenplatz entstehen. Genau dazu hat sich jetzt der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der Rotenburger Reinhard Grindel, zu Wort gemeldet. Er übt deutliche Kritik an Bürgermeister Andreas Weber (SPD) und Rolf Ludwig, den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Rotenburger Sportvereine (ARS) sowie Sponsor des Winterrasens.

Grindel, RSV-Mitglied und Stammgast bei den Spielen, bezieht sich auf unsere jüngste Berichterstattung: „Die Fakten im Bericht über den Kunstrasenplatz in Sittensen haben Bürgermeister Weber und den ARS-Chef Ludwig eindrucksvoll überführt, den Sportlern in Rotenburg zum hiesigen Kunstrasenprojekt entweder Unsinn oder sogar bewusst die Unwahrheit gesagt zu haben.“ Als Beweis führt Grindel den Besuch des niedersächsischen Umwelt-Staatssekretärs Frank Doods an. Der war zum Spatenstich nach Sittensen gekommen „und lobt den Kunstrasenplatz als umweltgerecht“.

Peter Grewe (l.) und Reinhard Grindel, der RSV-Vorsitzende und der ehemalige DFB-Präsident (hier im Jahr 2018), schauen neidisch Richtung Sittensen, wo der erste Kunstrasenplatz im Kreis entsteht.

Trotzdem, so Grindel, verweise Weber in einem zweiten Bericht auf der Seite auf Entsorgungsprobleme „und dass sich die Argumente gegen den Kunstrasen nicht geändert hätten. Ein Blick auf den Artikel darüber beweist das Gegenteil“, meint Grindel und betont: „Längst gibt es Kunstrasenplätze, die das Entweichen von Mikropartikeln in die Umwelt vermeiden und aus recycelbaren Materialien bestehen. Diese neue Generation von Kunstrasenplätzen gab es auch schon, als der Rotenburger Stadtrat darüber debattierte.“

Schon zu seiner Zeit als DFB-Präsident hatte sich Grindel im Mai 2017 in einem Schreiben an Weber für einen Kunstrasen stark gemacht – noch bevor der Winterrasen durch Joachim Hickisch (Die Grünen) ins Spiel gebracht wurde. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete erklärt, er wisse um die Diskussionen über bedenkliche ökologische Auswirkungen von Kunstrasenplätzen älterer Bauart, habe mit Firmen wie Polytan gesprochen und sie darauf aufmerksam gemacht, dass sich in vielen Kommunen die Genehmigungsanforderungen verschärfen würden. „Dem haben die Unternehmen durch stoffliche und technische Innovationen beim Platzbau Rechnung getragen.“

Grewe merkt zudem an, dass auch ein Winterrasenplatz „irrsinnig viel Wasser und Dünger“ benötigt: „Wenn der Regen durchläuft, was er ja soll, läuft auch das Beregnungswasser durch – und mit dem Wasser der Dünger. Das ist dann die gleiche Geschichte, die den Landwirten vorgeworfen wird.“ Der Vereinsvorsitzende findet ohnehin, dass die Diskussion in Rotenburg am Thema vorbeigelaufen sei. „Es geht doch um die Jugendarbeit“, betont er. „Auf einem Kunstrasen kannst du fast das ganze Jahr trainieren – damit bist du als Verein zuverlässig für Eltern und Kinder.“ Er zweifelt an, dass der Winterrasen nur annähernd so belastbar sei. „Wenn es so ist und er ein adäquater Ersatz für Kunstrasen ist, würde ich laut applaudieren.“ Ähnlich sieht es Andreas Kurth, Sportlicher Leiter der Jugend-Leistungsteams beim RSV. „Natürlich verbessert sich durch den Winterrasen die Lage. Mir wäre ein Kunstrasen aber lieber, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass er einen Wettbewerbsvorteil bringt, vor allem im Training. Wir brauchen einen Trainingsplatz, der der hohen Belastung standhält.“ Denn Ziel sei es, von der U 7 bis zur U 19 künftig zwei Teams pro Jahrgang aufzustellen.

„Völlig absurd wird es, wenn Ludwig kommentiert, ,auf dem Dorf braucht man so was (Kunstrasen, Anm. d. Red.) nicht.‘ Das sieht man in der Großstadt Sittensen zurecht anders“, sagt Grindel: „Auf Kunstrasen können mehr Kinder trainieren und vor allem das ganze Jahr hindurch. So bindet man sie an den Verein. Da drängt sich der Eindruck auf, dass der Handballer (Weber) und der Basketball-Fan (Ludwig) dem Fußballverein RSV bewusst die Entwicklungschancen nehmen wollen. Jetzt aber in Zeiten von Corona haben alle Vereine Probleme. Da könnte ein Kunstrasenplatz auch anderen Vereinen helfen. Anstatt etwas für den gesamten Sport in Rotenburg zu bewegen, fabulieren Weber und Ludwig über Ausschreibungen. In Sittensen wird längst gebaut und dem dortigen Verein eine tolle Perspektive eröffnet. Der Blick in die Kreiszeitung macht deutlich: Im ,Dorf‘ Rotenburg muss mehr passieren, um dem Anspruch gerecht zu werden, Sportstadt zu sein“, so Grindel. Dass es noch zur Kehrtwende kommt, glaubt aber selbst Grewe nicht: „Das Ding ist gelutscht.“

Von Matthias Freese

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