Fast wie bei „Kevin allein zu Haus“

16-jährige Tuba Poyraz verlässt Elternhaus, um ihren Basketball-Traum zu verwirklichen

Für Tuba Poyraz hat sich durch den Umzug nach Scheeßel vieles geändert: Ums Essen und ihre Wäsche muss sie sich nun selbst kümmern. Und da sie noch keinen Führerschein besitzt, hilft das Rad für kleine Touren. Dafür hat die 16-Jährige sportlich bereits einen großen Schritt nach vorne gemacht und bekommt auch ihre Einsatzzeiten im Zweitliga-Team der Hurricanes. - Fotos: Freese
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Für Tuba Poyraz hat sich durch den Umzug nach Scheeßel vieles geändert: Ums Essen und ihre Wäsche muss sie sich nun selbst kümmern. Und da sie noch keinen Führerschein besitzt, hilft das Rad für kleine Touren. Dafür hat die 16-Jährige sportlich bereits einen großen Schritt nach vorne gemacht und bekommt auch ihre Einsatzzeiten im Zweitliga-Team der Hurricanes. 

Scheeßel - Von Matthias Freese. Das Handy klingelt. Es ist die Mutter, die ihren Besuch ankündigt. Tuba Poyraz plaudert eine Zeit lang auf Deutsch mit ihr, um mitten im Gespräch ins Türkische zu wechseln. „Ich springe immer“, sagt sie. Später, wenn die amerikanischen Mitbewohnerinnen Cassidy Clark und Shaniqua Nilles zurück sind, wird in der Basketball-WG Englisch gesprochen. Doch nicht nur sprachlich tanzt Poyraz auf drei Hochzeiten. Sportlich steht sie für drei Teams der BG ´89 Hurricanes auf dem Court. Für ihre Leidenschaft, den Basketball, hat sie im Sommer ihre Familie verlassen und ist von Cuxhaven nach Scheeßel gezogen. Allein. Mit 16.

Von einem auf den anderen Tag war nichts mehr wie vorher. Tuba Poyraz wohnt im ehemaligen Internatsgebäude der Eichenschule – dort, wo die Hurricanes ihre auswärtigen Basketballerinnen seit Jahren unterbringen. In der ersten Woche waren die Amerikanerinnen noch nicht da. „Das war wie bei ,Kevin allein zu Haus‘. Ich habe mich kaum getraut, aus meinem Zimmer herunterzugehen, weil das hier so gruselig war. Ich hatte richtig Paranoia“, gesteht Tuba Poyraz und muss knapp fünf Monate danach darüber lachen.

Für Tuba Poyraz hat sich durch den Umzug nach Scheeßel vieles geändert: Ums Essen und ihre Wäsche muss sie sich nun selbst kümmern. Und da sie noch keinen Führerschein besitzt, hilft das Rad für kleine Touren. Dafür hat die 16-Jährige sportlich bereits einen großen Schritt nach vorne gemacht und bekommt auch ihre Einsatzzeiten im Zweitliga-Team der Hurricanes. - Fotos: Freese

Schlaflos in Scheeßel – für den Teenager war der Beekeort wie eine neue Welt. Raus aus dem behüteten Elternhaus, weg von den drei älteren Schwestern (24, 22 und 20) sowie dem jüngeren Bruder (12). Weg auch von der geliebten Vierer-Clique, mit der sich immer so gut chillen ließ. Weg auch vom Strand. „Das war eine richtig schwere Entscheidung. Ich habe ja alles zurückgelassen, ich kannte keinen“, sagt sie rückblickend. „Aber wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte ich es immer bereut.“ Auf Widerstände traf sie nicht – alles andere als selbstverständlich. „Meine Familie stand schon immer hinter mir. Meine Eltern meinten, dass es meine Entscheidung ist und sie mir die Chance nicht nehmen könnten“, erzählt Tuba Poyraz.

Also hieß es für die talentierte, 1,82 Meter große Flügel- und Centerspielerin, die vergangene Saison noch als Leistungsträgerin mit dem TSV Lamstedt in die 2. Regionalliga aufgestiegen war: Neuer Verein, neue Freunde, neue Schule. In Scheeßel besucht sie die zehnte Klasse der Beekeschule und hat – wenn alles glatt läuft – im Sommer den erweiterten Realschulabschluss in der Tasche. „Danach möchte ich Abi machen“, verrät sie. „Und vielleicht später Polizistin werden.“

Neben Schule und dem täglichen Basketball-Training stehen aber auch andere Dinge auf dem Tagesplan: kochen, Wäsche machen, putzen. „Ich merke, dass ich mich entwickelt habe und selbstständiger geworden bin. Wenn ich zu Hause vom Training kam, stand das Essen ja sofort auf dem Tisch. Hier muss ich erst mal überlegen, was ich koche.“ Oft fällt die Wahl dann auf Nudeln, Pommes, Reis, Salat – oder auch Tiefkühlpizza. Mit ihren amerikanischen Mitbewohnerinnen kocht sie eher selten zusammen – zu unterschiedlich ist der Zeitplan. „Aber wir machen sonst viele Sachen zusammen. Die beiden sind auch für mich da, wenn ich mal einkaufen fahren möchte. Vor allem Cassidy passt richtig auf mich auf“, erzählt Poyraz. Auch zu Tomas Holesovsky, dem tschechischen Coach ihres U 18-Bundesligateams, hat sie ein gutes Verhältnis. „Er kümmert sich sehr um mich.“ Holesovsky war es auch, der sie bereits in den Aufstiegsspielen im Frühsommer einsetzte und ihr den Wechsel ans Herz legte.

Dabei war die Anfangszeit auch sportlich nicht leicht, da sich Poyraz noch vor Saisonbeginn eine Sprunggelenksfraktur zuzog. Inzwischen spielt die 16-Jährige aber nicht nur in der U 18 eine wichtige Rolle, sondern bekommt auch im Zweitliga-Team von Mahir Solo ihre Einsatzzeiten. Im Zweitregionalliga-Team von Pia Mankertz sowieso. „Ich bin hierhergekommen, um besser zu werden. Mit hartem Training möchte ich mehr Spielzeiten bekommen und Bundesliga spielen“, nennt sie ihre Ziele. Dass Tuba Poyraz das Talent mitbringt, zeichnete sich früh ab. Mit elf Jahren hatte sie mit dem Basketball begonnen, drei Jahre später gehörte sie schon zum 48-köpfigen deutschen Perspektivkader und durfte zur Sichtung nach Heidelberg reisen.

Mit den Hurricanes ist sie durch ihre zahlreichen Einsätze ebenfalls viel unterwegs und absolviert bis zu drei Spiele an einem Wochenende. Da bleibt kaum Zeit, um die Familie zu besuchen. Heimweh? „Ich kann ja nicht lügen: Naja, klar. Wenn man mal eine schlechte Phase hat, vermisst man es schon, mit den Geschwistern zu reden oder sich abzulenken und an den Strand zu gehen“, gesteht Tuba Poyraz. Doch möchte sie ihr neues, eigenständiges Leben an der Beeke auch nicht missen.

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