Chlor als Corona-Schutz?

Schwimmvereine sehen Anfängerbereich bedroht: „Es bleiben Kinder auf der Strecke“

Tillmann Lau schwimmt in einer abgesteckten Bahn im Bad.
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Wann geht es zurück ins Becken? Die Schwimmer, wie Tillmann Lau vom TuS Rotenburg, drehen ihre Runden aktuell in den Wäldern und nicht im Wasser.

Geschlossene Bäder, kein Training, keine Wettkämpfe, für die Zweitklässler kein Schwimmtraining: Wie steht es wirklich um die Schwimmvereine im Kreis?

Rotenburg – Zwei Jahrgänge drohen wortwörtlich unterzugehen. Grund dafür ist der nicht stattfindende Schwimmunterricht in den zweiten Klassen – und das mittlerweile schon seit 13 Monaten. Natürlich hat das unmittelbar auch Konsequenzen für den Nachwuchs in den Vereinen. So fehlt den Jungen und Mädchen zum einen die Technik, sich über Wasser zu halten, und zum anderen der Kontakt zum Schwimmsport, um das Interesse für das Hobby zu wecken. Aber ist die Sorge bei den Clubs wirklich so groß, wenn die Bäder weiterhin geschlossen bleiben?

Diese Frage generell mit Ja oder Nein zu beantworten, ist nicht möglich. Dafür sind zu viele Faktoren zu berücksichtigen. Ein großes Problem wird zum Beispiel der bereits erwähnte Anfängerbereich sein. Schon Ende des Jahres hatte Wolfgang Hein, Präsident des Landesschwimmverbandes Niedersachsen (LSN), in einem Brief an die Vereine gewarnt, dass fast ein ganzes Jahr der Anfänger-Schwimmunterricht ausfallen könnte und damit das sichere Schwimmen in noch weitere Ferne rücken würde. Mittlerweile ist mehr als ein Jahr vergangen und die Sorgen sind nicht kleiner geworden. „Im Anfängerbereich sind wir schwach aufgestellt. Die Kinder müssen wieder Schwimmen lernen. Dafür müssen wir ihnen aber auch Angebote schaffen“, stellt Günter Schöpke, Abteilungsleiter beim TuS Rotenburg, klar und erhält von Dieter Bortz, Vorsitzender des Visselhöveder SC, Unterstützung: „Der Bedarf ist groß. Selbst wenn die Schwimmhallen zeitnah wieder aufmachen, das können wir gar nicht wieder aufholen. Es bleiben zwangsläufig Kinder auf der Strecke.“

Um dem Problem entgegenzuwirken, schlägt Schöpke eine Zusammenarbeit der Badbetreiber mit der DLRG, den Schulen und dem TuS Rotenburg vor – eine konkrete Idee der Umsetzung äußert er aber noch nicht. „Zukünftig kann ich mir auch vorstellen, dass die Öffnungszeiten der Bäder vor allem für die Vereine verlängert werden, der Fokus auf den geregelten Schwimmbetrieb gelegt wird und das Rumtoben im Schwimmbad begrenzt wird“, sagt der 80-Jährige und verrät aus einer Regionalkonferenz vom 7. April: „Auch der LSN beteiligt sich an einer Verbesserung der Lage und stellt Gelder für den Anfängerbereich zur Verfügung. Wie hoch die Summe letztlich sein wird, steht aber nicht fest.“

Tenor der Sitzung, an der neben dem LSN-Präsidenten und dem Rotenburger auch sieben weitere Vereine wie der SSV Verden und der TSV Achim teilnahmen, war ein breites Unwissen der Verantwortlichen, wie die Zukunft ihrer Sportart aussieht. Schöpke dazu: „Keiner weiß, wann es weiter geht. Training in den Hallenbädern ist nicht mehr erwartbar. Die Hoffnung gilt jetzt der Öffnung der Freibäder.“ Allerdings fällt der Saisonstart am 1. Mai bereits ins Wasser.

Nur Leistungsgruppen durften trainieren

Apropos Training: Hier befindet sich ein zweites Problem der Schwimmvereine. Während die Fußballer und andere Sportler zumindest laufen gehen können und damit spezifisch für ihre Sportart trainieren können, fehlt den Schwimmern vor allem eines: das Wasser! Technische Feinheiten lassen sich einfach nicht in der Badewanne oder im heimischen Pool üben. Dennoch versuchen die Coaches seit vergangenem März ihr Bestes, um den Athleten einige Angebote zu machen. „Von Juni bis Ende Oktober konnten zumindest die Zwölf- bis 16-Jährigen in maximal Achtergruppen Einheiten im Becken absolvieren. Seit Anfang November haben die Bäder aber wieder geschlossen.

Seitdem geben die Trainer ihnen online Aufgaben in Form von Trainingsplänen. Zum Beispiel gehen sie unter anderem alleine laufen“, berichtet Dieter Bortz. Ähnlich läuft es laut Schöpke auch beim TuS Rotenburg ab: „Im letzten Sommer hatte nur unsere Leistungsgruppe, also die der Zwölf- bis 20-Jährigen, Training. Seit der Schließung der Bäder macht unsere Trainerin Lena Lünsmann trainingsbegleitende Maßnahmen.“

Für die unter Zwölfjährigen sieht es in ihren Vereinen komplett anders aus. Seit dem Beginn des ersten Lockdowns ist der Wettkampf- und Trainingsbetrieb komplett eingestellt. Umso erstaunlicher ist es da, dass sowohl beim Visselhöveder SC, als auch beim TuS Rotenburg nicht mehr oder weniger Mitglieder im Vergleich zu den letzten Jahren aus den Vereinen ausgetreten sind. „Auch die U 12 hält zur Stange. Insgesamt könnte das auch daran liegen, dass wir ein Einspartenverein sind und eigenständig sind. Dadurch können wir für die Kinder einen vergleichsweise geringen Jahresbeitrag anbieten“, erklärt Bortz. Zur Erklärung: Beim TuS Rotenburg ist die Schwimmabteilung wiederum ein Teil des Gesamtvereins.

Beide Clubs eint hingegen, dass ihre Sportlerinnen und Sportler unter zwölf Jahren an gar keinen und die Leistungsgruppen in den vergangenen 13 Monaten nur an vereinzelten kleinen Wettkämpfen teilgenommen haben. So fanden in Niedersachsen lediglich die eine oder andere Bezirksmeisterschaft sowie im August und September der sogenannte „Sommer-Cup“ statt. Landesmeisterschaften und andere größere Turniere fielen 2020 sprichwörtlich ins Wasser. 2021 solle es wieder besser werden und so veranstaltete der LSN zum Wiedereinstieg in den Wettkampfbetrieb zwei Turniere für Bundeskader- und Landeskadersportler der niedersächsischen Stützpunkte. Im Rahmen der neu geschaffenen LSN Open wurde den Kadersportlern, die bereits trainieren dürfen, die Möglichkeit zum Wettkampf gegeben.

„Gemischte“ finanzielle Lage

Ein weiterer kleiner Lichtblick scheint die „gemischte“ finanzielle Lage der beiden Clubs zu sein. „Zum einen haben wir durch die ausgefallenen Schwimmwettkämpfe keine Einnahmen generiert. Zum anderen haben wir auch kaum Ausgaben, da die Fahrtkosten zu den Wettkämpfen nicht entstehen, die Hallenmiete entfällt und auch sonst keine Aktionen wie Mannschaftsfahrten stattfinden“, erläutert Bortz.

Anders sah das Wolfgang Hein im Brief an die Vereine: „Durch den zweiten Ausfall der Landesmeisterschaften mussten die Haushaltspläne des LSN erneut angepasst und alle Möglichkeiten geprüft werden, damit der Ausfall von knapp 100 000 Euro an Meldegeldern aufgefangen werden kann. Unter anderem musste daher ein Teil unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für vier Monate in die Kurzarbeit.“

Weiter hieß es dort, dass wissenschaftliche Studien gezeigt haben, dass „durch das tägliche Desinfizieren des Nasen-Mund-Rachenraums mit Chlorwasser die Schwimmer sogar einen verbesserten Schutz vor einer Covid-19-Infektion haben könnten“. Weder Bortz noch Schöpke können dies allerdings bestätigen oder negieren. Letzterer fügt aber an: „Nur so viel: Unser Hygienekonzept hat super funktioniert und ich hoffe, dass wir bald in ähnlicher Weise wieder ins Wasser können. Denn das Schwimmen fehlt uns allen, auch mir persönlich.“

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